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Benebelt von deutscher Bürokratie

Cannabis-Clubs sollen Kiffer auf ­gesetzeskonforme Weise mit Marihuana versorgen – und somit den kriminellen Markt eindämmen. Funktioniert das? Ein Besuch bei der Green Leaf Society
Text: Philipp Wurm
Veröffentlicht am: 29.05.2025
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Jana Halbreiter, Vorsitzende der Green Leaf Society. © Mak

Allein die Suche nach einer Immobilie für die Ausgabe des bewusstseinserweiternden Hanfs war nahezu eine mission impossible. Ein „riesiges Hindernis“ seien dabei die strengen Abstandsregelungen gewesen, erzählt Jana Halbreiter, Vorsitzende der Green Leaf Society, dem möglicherweise umtriebigsten Cannabis-Club weit und breit.

Der Grund: Wer hierzulande mit dem Rauschmittel hantiert, muss eine 200-Meter-Distanz zu Schulen, Kitas und Spielplätzen einhalten. So steht es im „Gesetz zum Umgang mit Konsumcannabis“, das die damalige Ampel-Bundesregierung im Frühling 2024 eingetütet hat, um Marihuana und Haschisch teils zu legalisieren. Eine Regel, die auch für ein Indoor-Objekt wie die Ausgabestelle eines Cannabis-Clubs gilt. Weil Kinder- und Jugendstätten nun einmal häufig sind in Ballungsgebieten, ist damit Berlins Territorium weitläufig Sperrzone.

Irgendwann sind Jana Halbreiter und ihre Vereinsfreundinnen trotzdem fündig geworden. Immerhin: Sie bezogen im vergangenen April eine 30-Quadratmeter-Mieteinheit im Osten der Metropole. Ein Gewerbebau in Marzahn, gelegen außerhalb der Tabubereiche.

Weitere bürokratische Lasten blieben. Vereinsstatuten, Kinder- und Jugendschutz – und das Drohen von Bußgeldern in Höhe von bis zu 30.000 Euro, falls an einem Gesetzesparagrafen gekratzt wird.

Warum tut man sich ein solches Ehrenamt an?

Seit dem 1. April 2024 ist die Weitergabe von Cannabis an Hobbykiffer in Deutschland erlaubt – solange die Ware von Anbauvereinigungen unter die Community gebracht wird, den so genannten Cannabis-Clubs, jeweils eingetragenen Vereinen. Deren Praxis ist monströsen Regulierungen unterworfen. Eine Folge der juristischen Pedanterie rund um die Teillegalisierung.

Cannabis-Clubs: Ein politisches Projekt

Ein bisschen abgeschlagen wirkt Jana Halbreiter, als sie den tipBerlin-Reporter an der Versorgungszentrale in Marzahn empfängt, die mit Pothead-Deko ausstaffiert ist, darunter ein eher symbolisches Regal mit Utensilien. Die 36-jährige Betriebswirtin versteht ihren Einsatz auch als politisches Projekt. „Jedes Gramm, das über Cannabis-Clubs an Konsumentinnen und Konsumenten gelangt, wird dem Schwarzmarkt entzogen“, sagt sie.

Die Green Leaf Society, 80 aktive Mitglieder, will dabei Pionierarbeit leisten. Im Januar haben die Vereinsleute ein Novum gefeiert: Als erster Cannabis-Club überhaupt in Berlin verteilten sie Gras an ihre Mitglieder.

Dabei ist die Distribution ein Sinnbild für bundesrepublikanische Sicherheitsmentalität.

Wer vom Erntegut ein paar Blüten erhaschen will, etwa Dope der Sorten „Silver Haze“ oder „OG Kush“, ist Prüfobjekt. So wird ein Abholer gecheckt: Vor der Tür der Ausgabestelle mustert ihn die Linse einer Überwachungskamera. Kreuzt er auf mit einer minderjährigen Person, die die Vereinsliegenschaft im Trakt des Marzahner Gewerbebaus nicht betreten dürfte? Ist er sonstwie verhaltensauffällig? Der Eingang wird geöffnet, wenn der Besucher genehm erscheint. Sodann steht er vor der nächsten Hürde, errichtet in einem Vorraum. Durch eine Luke muss er Personalausweis und Mitgliederkarte reichen. Nach diesem Prozedere erhält er endlich das ganja. An einer Theke in einem weiteren Zimmer reicht man ihm seine Ration.

Cannabis-Clubs: Am Tresen ein Präventionsbeauftragter

Vereinsmitglieder können mittwochs, donnerstags, freitags Weed in abgestimmten Zeitfenstern abgreifen. Für einen Monatsbeitrag von 85 Euro. Dafür garantiert der Verein zehn Gramm pro Monat. Pflanzliche Erzeugnisse von der vereinseigenen Plantage an einem Standort in der Region, der geheim bleiben soll. Ein High nach einer langen Ära der Prohibition. „Wahnsinn!“, jubelte ein Gast.

Eine Funktionärin aus der Non-Profit-Organisation sitzt dabei am Tresen. Ebenso, ganz gesetzestreu, ein Präventionsbeauftragter. Er soll über Suchtpotenzial und andere Risiken aufklären.

Die Satzung der Green Leaf Society ist ein Konvolut, von Beitrags- bis Ehrenamtsordnung. Allein das Gesundheits- und Jugendschutzkonzept umfasst rund 40 Seiten. Der Genehmigungsantrag könne in vielerlei Hinsicht als vorbildhaft gelten, lobte Gordon Lemm, SPD, Gesundheitsstadtrat im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Die Green Leaf Society ist übrigens ein Feminat. Frauen stellen die siebenköpfige Riege aus Vorständen und Anbauerinnen.

Inzwischen haben fünf weitere Cannabis-Clubs aus Berlin vom Lageso, der zuständigen Behörde des Senats, eine Lizenz erhalten. Ernten haben sie noch nicht ausgegeben. Dass diese Gruppen ihren Betrieb noch nicht aufgenommen haben, ist auch ein Effekt des 200-Meter-Abstandsgebots. Zu schwer ist es eben manchmal, eine Immobilieneinheit außerhalb der forbidden areas aufzutreiben. Darüber hinaus liegen 19 Anträge für eine Lizenz als Cannabis-Club beim Lageso vor.

So ist die Bilanz getrübt: Nur eine kleine, glückselige Schicht erhält ihre Droge zurzeit von den Cannabis-Clubs. Um eine Versorgung im großen Stil zu erreichen, ist die Behördenbürokratie zu ausufernd.

Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik vermeldete neulich, das neue Gesetz habe den Schwarzmarkt rund um Cannabis nicht zurückdrängen können, im Gegenteil, er floriere. Die Gründe sind vielschichtig. Die stockende Entwicklung der Cannabis-Clubs ist dabei ganz sicher ein Faktor.


Mehr über Hanfkultur

Pharma-Firmen wittern das große Geschäft mit medizinischem Cannabis – darunter auch Entrepreneure aus der Region. 2021 hat die BVG sich an einem Marketing-Coup probiert: Das Öffi-Unternehmen brachte essbare Tickets unter die Menschen in der Stadt, das verwendete Material war Hanf. Ein der Kiffermusik sind übrogens die TripHopper von Morcheeba, die vor allem in den späten Neunzigern und frühen Nullern große Erfolge landeten. Im tipBerlin-Interview hat Gitarrist Ross Godfrey über Cannabis und Berlin gesprochen.

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