Blues-Punk

Cash Savage and the Last Drinks im Wiener Blut

Empfindsamkeit ist Punk: Cash Savage and the Last Drinks machen Musik, die nach Schmerz klingt, nach Wut und nach Scham. Warum weint Bandleaderin Cash dennoch so selten?

Foto: Naomi Beveridge

Cash Savage hasst es, zu weinen. Die australische Musikerin betrauert gerade ihren Onkel, Conway Savage, der Pianist bei Nick Cave and the Bad Seeds war und der Anfang September gestorben ist. „Es ist hart“, sagt Savage im Interview mit dem tip. „Ich bin so geprägt, dass ich Weinen als Schwäche sehe.“

Die queere Sängerin hat gerade mit ihrer Melbourner Band The Last Drinks ihr viertes Studioalbum veröffentlicht. „Good Citizens“ ist eine Sammlung nachdenklicher Songs über Außenseitertum und Zugehörigkeit. Und es ist ein verletzlicher Gegenschlag gegen alle, die Frauen, queeren und nicht-binären Menschen ihre Erfahrungen absprechen.

Die Musik von Cash Savage and the Last Drinks ist eine Mischung aus Blues und Punk mit Folk-Geige, energisch und von rastloser Melancholie. Während die meisten Titel auf „Good Citizens“ von der eigenen Zerbrechlichkeit handeln, gibt es eine Ausnahme: Der Song „Pack Animals“ ist eine offene ­Abrechnung mit Männern und ihrem Dominanzgehabe.

„Here comes the man in the room, says everybody around him is being so sensitive“: Alle zu sensibel, findet der Mann. „Am I being too sensitive?”, fragt Cash Savage. Es ist die Kernfrage des Albums. Hätte Savage sie mit „ja“ beantwortet, dann hätte sie keinen einzigen Song geschrieben.

Die Idee für den Text kam ihr nach einer Unterhaltung mit einem Freund, sagt Savage. Ihm gegenüber hatte sie über die ständigen kleinen Stiche gesprochen, die queere Menschen aushalten müssen, stetige Hinweise auf: „Du bist anders.“ Der Freund entgegnete, manche seien aber auch einfach zu sensibel.

„Sensibel“ werden Menschen genannt, wenn sie auf Alltagsdiskriminierungen hinweisen. Wenn sie es wagen, noch nicht zufrieden zu sein, nach all den Fortschritten der letzten Jahre. Cash Savages Schreibprozess war geprägt von der Volksabstimmung über die Eheöffnung in Australien im vergangenen Jahr. Mit 61 Prozent stimmte damals eine Mehrheit dafür, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen – und doch: „Dieser Tag mag ein Sieg für unsere Allies gewesen sein, unsere Unterstützer*innen, aber nicht unbedingt für uns“, sagt Savage. „Für uns, die wir gar nicht erst Thema einer öffentlichen Debatte sein wollten“. „Good Citizens“ reflektiert Spannungen zwischen Minderheit und Mehrheit in einer Welt, in der die Gleichberechtigung politisch greifbar scheint.

„Ich hatte gar keine Lust, ein politisches Album zu machen“, sagt Savage. „Ich bin in den Achtzigern aufgewachsen, deswegen denke ich bei ‚politischen Musiker*innen‘ an so peinliche Leute, die mit Promis zusammen auf der Bühne rumsingen, um die Welt zu retten. Das wollte ich nie sein. Ich habe einfach aufgeschrieben, wie ich mich gefühlt habe, und es ist ein politisches Album draus geworden. Im Nachhinein kann ich mich ganz gut damit arrangieren.“

„Am I being too sensitive?“: Sieht sich Cash Savage als sensible Person? Die Musikerin findet die Frage lustig. Klares Nein. Erstmal. Eigenartig für eine Künstlerin, deren Musik nach Schmerz klingt, nach Wut und auch ein bisschen nach Scham. Savage gibt zu: „Ich bin da in einem Konflikt, denn ich will mich nicht als sensible Person sehen, aber natürlich hilft mir gerade meine Empfindsamkeit dabei, kreativ zu sein. Meine Partnerin hat in letzter Zeit oft gesagt: Akzeptierʼ doch, dass du ein sensibler Mensch bist.“ Gewiss nicht leicht, solange „sensibel“ sogar unter Künstler*innen noch Schimpfwort ist.

Wiener Blut Wiener Str. 14, Kreuzberg, Fr 5.10., 20 Uhr, VVK 10 €

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