Kino & Film in Berlin

"Chamissos Schatten 1 – Alaska und die aleutischen Inseln" im Kino

"Chamissos Schatten 1 – Alaska und die aleutischen Inseln" im Kino

Wenn man den in Berlin sehr gängigen Begriff Wrangelkiez sehr wörtlich nehmen würde, dann müsste man ­wahrscheinlich auch noch die Wrangel­insel dazu zählen. Die liegt allerdings nicht fußläufig vom Schlesischen Tor, sondern am Ende der Welt: nördlich der Beringstraße in der Ostsibirischen See. Vor 3.700 Jahren ­wurden dort die letzten Mammuts ­gesichtet, das legen jedenfalls die fossilen Bestände nahe.
Menschen leben auf der Wrangelinsel nicht, Besuch kommt nur selten. Neulich war aber wieder einmal jemand da. Und zwar ausgerechnet aus Berlin. Ulrike ­Ottinger, die weitgereiste Filmemacherin, steuerte die Wrangelinsel auf einer Expedition an, die nun als Ergebnis einen zwölf Stunden langen, dreiteiligen Film vorweist: "Chamissos Schatten". Ein extremes Werk in vielerlei Hinsicht, aber unbedingt lohnend nicht nur für Reisende, die gern mit dem Finger auf der Landkarte unterwegs sind. So beginnt nämlich auch Ottingers Film: mit dem Finger auf einer alten Landkarte.
Von 1815 bis 1818 nahm der Berliner Schriftsteller Adelbert von Chamisso an einer Weltumsegelung teil, als "Titulargelehrter", wie man das damals nannte. Heute würde man wohl von einem Forschungsreisenden sprechen, wobei Chamisso, der mit "Peter Schlehmils wundersame Geschichte" einen zentralen Text der deutschen Romantik verfasste, kein Spezialist war, sondern ein Universalgelehrter in der Tradition eines Humboldt.
In gewisser Weise könnte man das auch über Ulrike Ottinger sagen. Sie ist seit ­vielen Jahren eine Grenzgängerin zwischen den Genres, bekannt wurde sie vor allem mit feministischen, theatralischen Spielfilmen wie "Freak Orlando" (1981), es gibt aber auch epische Dokumentarfilme wie "China. Die Künste – Der Alltag" (1985) oder "Taiga" (1992).
Bei einem Besuch in ihrer Wohnung im ­Graefekiez, um über "Chamissos Schatten" zu sprechen, legt sie zuerst einmal drei dicke ­Bücher auf den Tisch: typische Künstler­bücher, in denen alles mögliche Material von Hand eingeklebt wurde. Alte Karten, Fotografien, Zeitungsausschnitte, dazwischen Notizen von Hand – und immer wieder Zeichnungen. Hier lässt sich der Entstehungsprozess des Films sehr gut nachvollziehen, der von einer Idee ausgeht, die Ulrike Ottinger in ­Korea hatte. Sie drehte dort "Die koreanische Hochzeitstruhe", eine Reflexion auf die kühne Moderne in ­einem Land, das gleichzeitig sehr traditionell ist. Von Korea über Japan verläuft diese Landschaft aus Inseln und Halbinseln nach Norden, die schließlich zu jenem Punkt führen, an dem sich Russland und Amerika fast berühren.
Dort wollte sie hin. Auf Chamisso stieß Ulrike Ottinger dann erst später, und zusammen mit weiteren Expeditionsberichten fand sie eine Grundlage für ihre eigene Reise. Vor eineinhalb Jahren kam sie zurück, es folgte eine lange Zeit im Schneideraum, bei der Berlinale wurde "Chamissos Schatten" schließlich aus der Taufe gehoben.
Herausgekommen sind zwei Teile mit etwa drei Stunden, dazwischen einer mit sechs: eine Fahrt an die Ränder der bewohnten Erde. Und doch finden sich überall Spuren der Geschichte, vor allem der sowjetischen, die den ethnischen Minderheiten häufig Gewalt antat, wenn sie ihnen nicht einfach durch ökologische Desaster zusetzte.
Oft filmt Ottinger einfach die unglaublich beeindruckenden Landschaften: "Es gab ­Momente", sagt sie, "in denen mir Zweifel kamen, ob man diesen Szenerien überhaupt mit einem Film gerecht werden kann, zum Beispiel in diesen unglaublichen Vulkanlandschaften. Und dann war auch noch diese Stille, eine fast schon beängstigende Stille."
Oft lässt sie Leute erzählen, und dann kommt es auf jedes Wort, jede Nuance an, denn auch in die Sprache haben sich Macht und Gewalt eingeschrieben.
Die Strapazen der Dreharbeiten hat Ulrike Ottinger gut überstanden, eine bemerkenswerte Leistung, schließlich wird sie im Juni 74 Jahre alt. Und wenn es nach ihr geht, dann wird sie jetzt noch einmal einen Anlauf unternehmen, eines ihrer Spielfilmprojekte zu realisieren, von denen sie geradezu inständig hofft, dafür noch das Geld zusammenzubekommen.
"Diamond Dance" ("mein mit Abstand bestes Drehbuch, aber auch bisher mein Waterloo") ist eine Geschichte über zwei ­Diamanten, die eine Klammer zwischen dem frühjüdischen Königreich Salomos und dem heutigen New York bilden. Es wäre ein Film über Migration und sagenhaften Reichtum, eine dieser Gratwanderungen zwischen ­Mythologie und kritischer Vernunft, wie auch "Chamissos Schatten" eine ist.
Bisher sind alle Finanzierungen für "Diamond Dance" gescheitert. "Das sind Unwägbarkeiten, die viel schwerer zu verkraften sind als die, die man auf einer Expedition erlebt, bei der es Stürme oder Probleme mit den Behörden gibt. Oder manchmal einfach keine Wege, dann kraxelt man auf allen ­Vieren weiter, wenn es sein muss." Diese Unbeirrbarkeit ist nicht die geringste Qualität von "Chamissos Schatten": ein Film, der die Qualitäten des Reisens ins Kino überträgt, ein Blick, der sich auf die Welt vollkommen einlässt, und ein Ohr, das offen ist für die Nuancen des Winds und der Worte.

14. April: Kapitel 2 – Teil 1: ?Tschukotka und die Wrangelinsel (192 Min.)
5. Mai: Kapitel 2 – Teil 2: ?Tschukotka und die Wrangelinsel (153 Min.)
26. Mai: Kapitel 3 – ?Kamtschatka und die Beringinsel (174 Min.)

Text: Bert Rebhandl

Foto: Real Fiction

Orte und Zeiten: Chamissos Schatten 1 – Alaska und die aleutischen Inseln

Chamissos Schatten 1 – Alaska und die aleutischen Inseln D 2016, 190 Min., R: Ulrike Ottinger

?Kinostart: Do, 24. März 2016

Mehr über Cookies erfahren