Kulturpolitik

„Charismatischer Nullpunkt“
 – Chris Dercon stellt das zuküftige Programm der Volksbühne vor

Jetzt wissen wir mehr: Chris Dercon erklärt bei seiner erste Programm-Pressekonferenz seine Volksbühnen-Pläne




Foto: Friedhelm Teicke

Zumindest zwei Dinge sind nach der ersten Pressekonferenz des neuen Leitungsteams der Volksbühne klar. Die unter anderem in dieser Zeitschrift geäußerte Befürchtung, unter Dercon werde die Volksbühne entkernt und von einem Ensemble-Theater zu einer Plattform für die unterschiedlichsten Künste, Medien und viele durchreisende Produktionen, war nicht ganz unberechtigt. Zum anderen haben Dercon, seine Programmdirektorin Marietta Piekenbrock und der künftig auch an der Volksbühne arbeitende Choreograf Boris Charmatz vorgemacht, wie man mit möglichst erlesenen Vokalen möglichst wenig sagt. Der Neustart ist für Piekenbrock nicht weniger als ein “charismatischer Nullpunkt“, was immer das sei mag. Dercon verspricht die „Feminisierung der Volksbühne“. Charmatz, der die Spielzeit am 10.September mit mehreren Tanz-Inszenierungen am Flughafen Tempelhof eröffnen wird, nennt sein Mit-Tanz-Projekt eine „temporäre choreografische Gemeinschaft“, ein „choreografisches Picknick“, eine „Körperarchitektur“ oder auch einen „Strom von 10.000 Gesten“.

Doch: Dercon konnte prominente Namen gewinnen. Viele von ihnen sind in Berlin alte Bekannte. Tino Sehgal bestreitet mit seinen Tanz-Installationen die Eröffnungspremiere an der Volksbühne am 10. November. Zu sehen ist sie nur drei Tage lang, um dann im Januar noch mal für einige Vorstellungen aufzutauchen – ein erstes Vorgeschmack auf das Prinzip Plattform-Spielstätte. Auch die große Anne Teresa De Keersmaeker (die man regelmäßig im HAU sehen kann, zuletzt mit einem hinreißenden Solo) schaut im April für ein Gastspiel vorbei. Der Konzept-Choreograf Boris Charmatz ist spätestens seit seiner Werkschau bei den Berliner Festspielen in Berlin alles andere als Neu-Entdeckung. Mette Ingvertsen, seine Lebensgefährtin und die zweite prägende Choreografin in Dercons Team, ist seit Jahren regelmäßig zu Gast im HAU. Freuen kann man sich auf ein Konzert von Kate Tempest im Hangar, aber das gleich als eine der 13 Eigenproduktions-Premieren zu deklarieren, ist ein wenig zu viel des Guten. Der in Berlin lebende US-Musiker Ari Benjamin Meyers zeigt im April eine Musikperformance, die sich lohnen könnte – Meyers sorgte schon zu Zeiten Matthias Lilienthals im HAU für cleveres Musiktheater. Zu den wenigen Theater-Produktionen gehört das Remake älterer Beckett-Inszenierungen, die Becketts früherer Regie-Assistent Walter Asmus einrichtet, wobei nach der Absage von Sophie Rois (die lieber ein Jahr Gastierurlaub nimmt, als unter Dercon zu spielen) derzeit unklar ist, welche Schauspielerin das spielen wird. Das Beckett-Solo „Hey Joe“ mit dem Schauspieler Morten Grunwald ist eine Übernahme aus Kopenhagen. Auch Jérome Bels „The Show must go on“ ist zwar lustig, aber nicht ganz frisch – das Tanzstück wird seit seiner Uraufführung 2001 immer mal wieder neu aufgelegt. Der erste Eindruck: Hier entsteht ein zweites HAU, das mit dem ersten HAU und den unter Thomas Oberender sehr experimentierfreudigen Festspielen um ähnliche Künstler und Zuschauer konkurrieren muss.

Neben den Fakten war die Pressekonferenz auch atmosphärisch aufschlussreich. Nach den heftigen Auseinandersetzungen um seine Ernennung und das Ende von Castorfs Intendanz entschuldigt sich Dercon für einige ungeschickte Äußerungen. Er habe „die Stimmungen und die politische Gemengelage in der Stadt unterschätzt und sicher auch bestimmte Sachen falsch gesagt“ – eine Anspielung auf seine Statements, Berlin sei provinziell. Dercons Leitungsteam ist sichtlich bemüht, die Wogen zu glätten. An diesem Tag gibt es von ihnen über Castorf kein böses Wort, stattdessen wird die Kontinuität betont, etwa dass der bisherige Musikkurator Christian Morin weiter am Haus bleibe oder der Choreograf Tino Sehgal einst im Jugendclub der Volksbühne theatersozialisiert worden sei.

„Unsere Rahmenbedingungen waren nicht ideal“, erklärt Dercon, „aber ich glaube, dass Sie uns eine Chance geben müssen.“ Diese Bitte um Fairness ist für den Neubeginn einer Intendanz ungewöhnlich. Die Nervosität ist Dercon und seinen Leuten auf dem Podium anzumerken, am Vormittag soll Piekenbrock bei einer Ensembleversammlung in der Volksbühne in Tränen ausgebrochen sein. Bei der Pressekonferenz bedankt sie sich ironisch bei ihren Kritikern. Sie hätten durch ihre Befürchtung, der Volksbühne drohe eine feindliche Übernahme, dem neuen Leitungsteam die Kraft gegeben, sich noch entschlossener mit diesem Theater auseinander zu setzen. Die Frage einer Journalistin, ob denn neben all den Tänzern, Video- und Internet-Künstlern auch Schauspieler engagiert seien, beantwortet Dercon mit einer gewaltigen Zahl: Nicht weniger als rund 250 Schauspieler würden in der ersten Saison an der Volksbühne auftreten. Jeder Regisseur und Choreograf bringe die Darsteller mit, mit denen er arbeiten will, Piekenbrock nennt das eine „Haute Couture“-Besetzung“. Das entspricht nicht der Struktur eines Ensembletheaters, aber Dercon will „nach und nach ein Ensemble aufbauen“. Man wird sehen, was er darunter versteht.

Mehr unter www.volksbuehne1718.berlin

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