Esskultur

Charme, aber sexy – Kann Berlin kulinarisch mit London mithalten?

Berlin, so heißt es, sei inzwischen eine Food-Metropole. Unsere Autorin Aida Baghernejad hat im vergangenen Jahr in einer Food-Metropole gelebt. Und aus London einige Frage an Berlin mitgebracht

Illustration: Tobias Meyer

Berlin ist toll, wenn du dein eigenes Restaurant eröffnen willst. Aber ich konnte mich dort nicht mehr weiterentwickeln“, erzählt einer, der ­Berlin für London verlassen hat, Gastro-Entrepreneur Tommy Tannock, der in Berlin immerhin den vom ihm initiierten Byte Club und The Store Kitchen im Soho House zurückgelassen hat. Womit wir, schwups, schon mitten im Thema wären. Ist doch das aus London importierte The Soho House als distinguierter, urbaner Club einer der Orte, die gerne angeführt werden, wenn die Frage auf den Tisch kommt, was Berlin noch zur weltgewandten Food-Metropole fehlt. Und ja, diese Frage muss erlaubt sein. Auch und gerade weil man in Berlin neuerdings so viel besser und internationaler essen kann.

Aber kann sich Berlin wirklich etwas von der Insel abgucken? Berlin ist arm, London reich, Berlin hat knapp die Hälfte von Londons Einwohnerzahl und ist noch keine Global City. Aber es gibt auch viel Gemeinsames – ­allen voran der langjährige schlechte Ruf der Küche, den ­London so vollmundig abgeschüttelt hat. Natürlich gab es hier wie dort schon länger Spitzenköche, die Ramsays und Raues, aber den Geschmack der Stadt prägt hier wie dort eher das Mittelfeld. Und man sollte hier wie dort nicht „gut bürgerlich“ dazu sagen.

London hat sich in den letzten zwei Dekaden erfolgreich zu einer Destination für Foodies gewandelt, wozu die ­kulturelle Diversität der Stadt maßgeblich beigetragen hat. Und auch in den Töpfen Berlins köchelt es vielfältiger denn je, was zum einen an der verstärkten Migration aus London und aus Damaskus, aus Asmara und Montreal liegt, aber auch daran, dass „die Berliner“ selbst abenteuerlustigere Esser geworden sind. Dennoch: Berlin bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Braucht Berlin zum Beispiel noch weitere Burgerrestaurants oder Poké-Bowls? Ja, die Kosten, ein Restaurant zu eröffnen, sind hoch. Da scheint es sinnvoll, dem Publikum Bewährtes zu geben. Nachhaltig ist es aber nicht, ein Café zu eröffnen, das auf jeden Instagram-Trend aufspringt, statt diesen selbst zu prägen. Natürlich ist es in London oft nicht anders, auch dort regiert die Avocado-Stulle. Daneben gibt es aber auch Platz für thailändisches Frühstück bei Smoking Goat oder Eingelegtes bei The Picklery. Alternativen mit eigenem Charakter und ­Fokus auf Qualität setzen Impulse für die ganze Branche. Nicht ohne Grund sind es ja authentisch hiesige Konzepte wie das Nobelhart & Schmutzig, die plötzlich auch in der „New York Times“ referiert werden. Das sollte sich Berlin bewahren: Kreativität ist die wichtigste Ressource der Stadt. Ohnehin haben Gründer*innen hier bessere Bedingungen als in London. An der Themse ist es so teuer, dass ohne Großinvestoren nur schwer ein Fuß, ja: auch nur einen Zeh, in die Tür zu bekommen ist.

Was allerdings in den Händen der Betreiber selbst liegt, ist Service. „In London hat jedes gute Restaurant und jede gute Bar einen Empfang“, erzählt Sandra Bösemüller, ­Berlinerin und gegenwärtig Concierge im Londoner Hyatt Regency. „Service ist hier unglaublich zuvorkommend und freundlich. Das kann Berlin in jedem Fall lernen.“ Nun galt eine gewisse Flapsigkeit als eine liebenswerte Berliner Eigenart, doch wenn die Preise steigen, wird es Zeit für eine Charmeoffensive und für gegenseitigen Respekt. Allerdings sollte dafür auch Zeit sein: In Londoner Pubs arbeiten meistens drei bis vier Personen hinter den Tresen. In Berlin stehen selbst an einem Freitagabend in manchen populären Bars nur zwei Barkeeper*innen. Sie zapfen, mixen, kassieren, spülen – und auf der anderen Seite des Tresen stapeln sich derweil die Gäste.

Zu gutem Service gehört es auch, Gästen Optionen bei der Bezahlung zu geben: In Berlin ist noch viel zu oft Kartenzahlung unmöglich. In London dagegen nehmen manche Gastronomen gar kein Bargeld mehr: „Wir haben komplett umgestellt – unser Cashflow ist so transparenter und unsere Buchhaltung einfacher“, erzählt die Gründerin der Burgerbrater Bill or Beak. Bargeld ganz zu verweigern ist ebenso extrem, aber ab einem gewissen Preisniveau sollte Kartenzahlung kein Tabu sein. Ganz davon abgesehen, dass Gäste dann nicht mehr zweimal überlegen, ob sie die dritte Flasche Wein und das zweite Dessert bestellen.

Muss sich Berlin also grundlegend ändern? „Ich finde, der Berliner Foodszene fehlt eigentlich nichts“, erwidert darauf Kavita Meelu. Die Britin hat vor rund fünf Jahren den Streetfood Thursday in der Markthalle Neun mitbegründet und ist der Ansicht, dass Berlin oft unterschätzt werde – meistens von Berlinern selbst: „Berlin muss gar nicht versuchen, etwas zu sein, was es nicht ist, sondern sich auf seine eigenen Stärken besinnen.“ Auch Böse­müller stimmt dem zu: „Gerade beim Thema Nachhaltigkeit kann sich London eine Scheibe von Berlin abschneiden.“ Berlin braucht sich also nicht zu verstecken – Berlin muss nur zu sich selbst finden.

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