Kultur & Freizeit in Berlin

Chöre in Berlin: 7 Porträts

Singen kann beinahe jeder. Und in Gemeinschaft macht es noch mehr Spaß als allein unter der Dusche. Wir ­stellen sieben ungewöhnliche ­Berliner Laienchöre vor

VolksbuehnenchorChor der werktätigen Volksbühne

Gründung 2004
Wieso? ursprünglich als kulturelle Bereicherung für die damalige Volksbühnen-Weihnachtsfeier, unter dem heutigen Namen erstmals 2006 bei Frank Castorfs „Meistersinger“-Inszenierung auf der Bühne
Mitglieder Variabler Kreis aus fest angestellten und freien Mitarbeitern der Volksbühne sowie Ruheständlern, die Zahl schwankt zwischen einem guten halben Dutzend und 50.
Repertoire u.?a. Hanns Eisler, Richard Wagner, Paul Hindemith, Giuseppe Verdi. Und: klassische internationale Weihnachtslieder
Lieblingslieder „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ (Goethe/Schumann), „Streiklied“ (Brecht/Eisler)
größter Auftritt Nach „Meistersinger“ und „Maßnahme/Mauser“, jeweils unter der Regie von Frank Castorf, steht wieder ein größerer Auftritt bevor: 21. Juni 2013, bei der Paul-Lincke-Operette „Frau Luna“, wofür der Chor unter der Regie von Herbert Fritsch wieder auf 30 Leute anwachsen soll.
Mitsingen möglich? Für Externe eher schwierig, hausintern findet ständig Akquise statt.
Die Chor-Koordinatorin Franziska Katharina Huhn: „Das Chorsingen bringt KollegInnen aus beinahe allen Abteilungen/ Gewerken jenseits ihres Arbeitsalltags zusammen. Und Singen macht einfach glücklich.“
www.volksbuehne-berlin.de


Maennerminne

Männer-Minne

Gründung 1987 als erster schwuler Männerchor Berlins
Wieso? Bernd Stürzenberger, der 1995 verstorbene Schwulenaktivist und Chorsänger der Deutschen Oper, gründete den Chor, als während der beginnenden Aidskrise die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Geborgenheit in der Schwulenszene wuchs.
Mitglieder 30
Repertoire sehr variabel: von Chansons und Schlagern bis zu Klassik und Pop (deutsch und englisch)
LIed, an dem der CHor lange gescheitert ist „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“ von Zarah Leander – zeitweise auf Eis gelegt, wird es nun erfolgreich geprobt.
Größte Auftritte Internationales schwul-lesbisches Chorfestival Various Voices u. a. in Paris (2005) und London (2009).
Denkwürdigstes Erlebnis Ausrichtung von Various Voices 2001 in Berlin; Friedrich-Hollaender-Revuette mit dem Titel „Ich wär’ so gern ein Sex-Appeal“ (2007)
Mitsingen möglich? Ja. Vorher anmelden, bei der Probe vorbeischauen. Chorerfahrungen/Notenlesen: nicht zwingend nötig. Die Lust an der Performance ist aber Vo­raussetzung.
So ist das Chorgefühl „Locker und offen, aber nicht anspruchslos! Typisch berlinerisch. In Individualität vereint.“
www.maennerminne.de


Berlin Pop Choir

Gründung 2006
Wieso Vorbild: „Community-Choirs“ – für jedermann offene Stadtviertelchöre in England, USA, Australien. Die Idee brachte die britische Multiinstrumentalistin Lyndsey Cockwell beim Umzug von London nach Berlin mit.
Mitglieder anfangs (im Wohnzimmer der Gründerin und Leiterin): 5, heute: bis zu 80 (Altersspanne von 20 bis 60 Jahren)
Orte dienstags in Monster Ronson’s Ichiban Karaoke Bar, Friedrichshain, offenes Samstagssingen: Betahaus, Kreuzberg, einmal pro Monat
Lieblingslieder „Personal Jesus“ von Depeche Mode (Chor), „Candy Says“ von The Velvet Underground (Chorleiterin Lyndsey Cockwell)
Lied, an dem der Chor lange gescheitert ist: „Gimme, Gimme, Gimme“ von ABBA: zu schwierige Höhen. Neu arrangiert klappte es dann.
größter Auftritt im Dezember 2012 zum „Voice of Germany“-Finale, als Begleitchor von Rea Garvey und Nick Howord
Repertoire von Rihanna bis Anna Calvi, von The White Stripes bis Joy Division, von ABBA bis Lady Gaga, auch Velvet Underground
Mitsingen möglich? Ja. Chor setzt sich immer wieder neu zusammen.
Das sagt die CHorleiterin Lyndsey Cockwell: „Ich denke, dass wir vielleicht nicht der professionellste Chor in Berlin sind, aber der energetischste! Die Leute im Chor lieben das Singen. Für mich zählt der Pop Choir zum Besten, was ich je gemacht habe. Er macht mein Berlin aus.“
www.berlinpopchoir.de


LeaderChor-BerlinLeaderChor

Gründung 2006 (vom Rundfunkchor Berlin)
Wieso? Chor für Führungskräfte und Manager (Volkswirte, Unternehmensberater, Bankerinnen, Professoren, Politiker, Ärzte etc.). Unter Dirigent Simon Halsey (siehe Seite 28) geht’s auch um die Kunst zu führen – und sich führen zu lassen.
Mitglieder ca. 40 (zwei Drittel Frauen, ein Drittel Männer), dazu acht bis zehn Profis vom Rundfunkchor. Der Chor setzt sich in jedem Jahr neu zusammen.
Repertoire Von Klassikern bis Neuentdeckungen: Musik von Gabriel Faurй, Eric Whitacre, John Rutters Gospel-Vertonungen. Dazu Brahms’ „Zigeunerlieder“, eine kurze Haydn-Messe, Mozarts „Ave Verum Corpus“. Für nicht deutschsprachige Lieder gibt es in den Proben übrigens ein Sprachcoaching.
Lieblingslied „Les Djinns“ von Gabriel Faurй
Denkwürdigstes Erlebnis Als Halsey ein Lied von Schumann oder Schubert einmal nach der Probe wieder strich, weil es scheinbar den Chor überforderte. Der traf sich daraufhin spontan zu einer privaten Probe – Motivation der Marke Halsey.
Mitsingen möglich Ja, per Bewerbung vor jeder neuen Probenphase
Das sagt ein Chormitglied Birgit Laitenberger, Altstimme: „Für mich ist es eine tolle Gelegenheit, um einmal im Jahr im Kreise schon recht fortgeschrittener Sänger unter bestmöglicher Anleitung zu singen. Ich sehe diese Probenzeit auch als absolute Auszeit, eine völlig andere Welt. Es wird richtig gearbeitet, aber es tut einem gut.“
www.rundfunkchor-berlin.de


Spirited Jazz ’n’ Pop Chor

Gründung 2001
Wieso? Gründungsleiter Christoph Zschunke wollte an einem Gospelchorfestival in New York teilnehmen wollte
Leitercasting Wurde notwendig, weil Zschunke 2010 Berlin verließ. Jazzsänger Kristofer Benn machte das Rennen. Unter ihm wurde aus dem reinen Gospelchor ein Jazz-, Pop- und Soul-Ensemble.
Mitglieder 20 (zwischen 25 und 50 Jahren)
Repertoire Jazz, Pop, Soul und Gospel von Acts wie Mads Langer, Stevie Wonder oder Jamie Lidell, kein Mainstream
Denkwürdigstes Erlebnis Chorfest in Frankfurt am Main im Juni 2012: Das Konzert der Headliner Vocal Line aus Dänemark war so überfüllt, dass Spirited spontan für alle, die keinen Platz mehr im Saal bekommen hatten, im Foyer auftrat.
Lieblingslied „Shower the People“ von James Taylor
Mitsingen möglich? Ja, nach dreiwöchiger Probezeit. Derzeit sehr gefragt: Tenöre
Das sagt der Chorleiter Kristofer Benn: „Spirited ist ein großartiges Team. Keiner hat Hemmungen davor, auch mal komische Aufwärmübungen oder ulkige Bewegungen zur Lockerung mitzumachen. Auch beim Chorsingen ist es wichtig, sich zu öffnen, Emotionalität zuzulassen und als Gruppe einen gemeinsamen Sound zu kreieren.“
www.spirited.de


KneipenchorBerliner Kneipenchor

Gründung 9. Januar 2011
Wieso? Nino Skrotzki, Ex-Sänger von Virginia Jetzt!, suchte einen Chor zum Mitsingen. Fand aber keinen, der ihm gefiel. Gründete dann mit dem einstigen Bandkollegen Matze Hielscher eben selbst einen.
Mitglieder 30 im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, genauso viele Frauen wie Männer
Repertoire sehr unklassisch: von Alicia Keys über Phoenix und Herbert Grönemeyer bis zur Münchner Freiheit
Lieblingslieder „Blister In The Sun“ von den Violent Femmes, „Männer“ von Herbert Grönemeyer
Ein Lied, an dem der chor gescheitert ist „Caravan of Love“ von Isley Jasper Isley
größter Auftritt bei einer Party im Festsaal Kreuzberg, 1?000 Besucher
Denkwürdigstes Erlebnis die „Kneipentour“ am 7. November 2012. An diesem Abend zog der Chor in Kreuzberg von der Fetten Ecke über den Farbfernseher bis zum Südblock. Die Minitour geriet zum „Chor-Crawling“: mit Kneipenbesuchern, die sich nach dem Auftritt dem Chor anschlossen und mit zur nächsten Theke zogen.
Mitsingen möglich? Prinzipiell ja. Momentan werden allerdings nur noch Bässe gesucht. Und: Gesangserfahrung ist erwünscht.
Das sagt einer der Chorleiter Matze Hielscher: „Ich wünsche mir, dass der Chor auch noch in zehn Jahren existiert und irgendwann so mit der Stadt verbunden wird wie die Berliner Philharmoniker.“
www.berliner-kneipenchor.de


Chor-der-Kulturen-der-WeltChor der ­Kulturen der Welt

Gründung Mai 2007
Wieso Am Haus der Kulturen der Welt wollte man einen eigenen Haus-Chor. Aber keinen zu normalen. Was zu der bis dato nicht als Chorleiterin aufgefallenen Elektro-Musikerin Barbara Morgenstern führte, die nun gemeinsam mit Philipp Neumann den Chor leitet.
Mitglieder 35 (18–72 Jahre, die Frauen haben die Zweidrittelmehrheit)
Herkunftsländer der Mitglieder Deutschland, Israel, Italien, Polen, Ungarn, Neuseeland, Südkorea. Kulturen der Welt eben
Repertoire sehr breit: von Neuer Musik bis Howard Carpendale
Lieblingslied „Up In The Woods“ von Bon Iver
Größter Auftritt beim Sommerfest des Bundespräsidenten 2011 – als noch ein gewisser Christian Wulff das Amt innehatte
Denkwürdigstes Erlebnis Das Einstudieren des „Tegel Drone“ mit dem Berliner Künstler Karl Heinz Jeron: Start- und Landegeräusche einer Boeing als Chorkunstprojekt. Ein Video wurde im Kino Babylon Mitte am 2. Juni 2012 gezeigt – als Hommage an den Flughafen Tegel, der tags darauf hätte schließen sollen. Aber da war der Eröffnungstermin des neuen BER-Flughafens bereits abgesagt. Die Hommage gab es trotzdem.
Mitsingen möglich? Ja. Der Chor sucht dringend Bässe.
Das sagt die Chorleiterin Barbara Morgenstern: „Der Moment, wenn ein Stück steht, wenn der Chorklang sich entfaltet – das ist ein extremes Glücksgefühl. Und diese Kraft, die das gemeinsame Singen hat! Es muss ja nicht immer nur elegisch, es kann auch rhythmisch sein.“
www.hkw.de

Adressen zum Mitsingen
www.landesmusikakademie-berlin.de
Veranstaltet musikalische Workshops, Projekttage und Bandwettbewerbe und „Das singende Rathaus“, ein offenes Angebot zum Mitsingen für Leute ab 50
www.chorverband-berlin.de
Frauen-, Jugend- und gemischte Chöre, eine Übersicht aller Berliner Bezirkschöre
www.berlin-gospel-web.de
Eine Übersicht aller Gospelchöre in Berlin und Brandenburg und Informationen zu Gospel-Workshops
www.karaokemonster.de
Hier kann man mit Freunden lauthals die Lieblingslieder singen.

Texte: Lea-Maria Brinkschulte, Erik Heier, Henrike Möller, Ulrike Rechel
Fotos: David von Becker, Ralf Mauerlshagen/robertm.de, Kai-Bienert

Mehr:

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