Konzeptkunst

Christian Jankowski im Haus am Lützowplatz

Arbeit am Abbruch: Manifesta-Kurator Christian Jankowski ist wieder hauptberuflich Künstler und zerlegt im Haus am Lützowplatz eine Malerlegende

Christian Jankowski
Foto: Lena Ganssmann

Wenn das Gröbste geschafft ist, fällt das Folgende offensichtlich leichter. Der Berliner Künstler Christian Jankowski leitet die Europa-Biennale „Manifesta 11“ in Zürich, und kurz vor deren Finale, zu dessen Abschlusspodium er in die Schweiz muss, eröffnet er in Berlin gleich zwei Ausstellungen. Eine in der Galerie Michael Fuchs, die er kuratiert, mit vier Künstlern aus Mexiko und den USA. Und seine eigene. Seine Schau im Haus am Lützowplatz ist erst die zweite Solo-Ausstellung des Venedig-Biennalenteilnehmers in einer deutschen Institution überhaupt. Und dann folgt eine Schau in Mailand. Doch Stress?

Noch kurz vor dem Pressetermin will sich sein neuer Film einfach nicht an den Bildschirm anpassen lassen.  Da winkt Christian Jankowski – 48 Jahre, hoch gewachsen, graues Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln – einfach ab. „Egal, wir zeigen ihn erstmal so. Denken Sie ihn sich bitte auf vollem Format.“
Auf Präzision legt er  dennoch Wert. Zürich war Millimeterarbeit. Gemeinsam mit der Kuratorin Francesca Gavin stellte Jankowski eine mehrteilige Ausstellung zu Kunst, Arbeit und Öffentlichkeit zusammen. Und er koordinierte Dutzende von Vorhaben, in denen Künstler mit Zahnärzten, Hotelbesitzern, Bootsrestauratoren oder Polizisten ein gemeinsames Projekt verwirklichten. Da hätte Vieles scheitern können. Vor der Eröffnung jedoch war bis auf die Halle mit den stinkenden  Schlammpacken aus Züricher Aborten alles fertig. Nur dass es nicht spannungsfrei zugegangen sein kann zwischen Jankowski und Manifesta-Direktorin Hedwig Fijen, zeigte sich auf der Pressekonferenz. Fijen, ganz rechts, hielt Abstand. Und Jankowski presste seinen Mund zu einem strengen Strich.

Im Haus am Lützowplatz lacht der Künstler. Dabei wagt er sich an ein heikles Thema. „Die Legende des Künstlers und andere Baustellen“, wie die Schau hießt, zerlegt den Mythos vom männlichen Künstler – am Beispiel eines ­Malers, der vielen in Berlin als unantastbar gilt: Martin Kippenberger (1953-1997).
Die selbst gewählte Aufgabe bewältigt Jankowksi mit Charme – und einem Trick. Riesige Leinwände, jene Kulissen, die er für Angela Richters Kölner Schauspiel „Kippenberger!“ von 2013 fertigte, zeigen Lebensstationen des Malers: die Insel Syros etwa (Foto), die Paris Bar. Sie können als Hommage durchgehen.  Die Analyse der Künstlerlegende aber hat Jankowski an Fernsehmacher aus Singapur outgesourct. Ihr Film im TV-Format zeigt ­einen Moderator, der die Bausteine der Legendenbildung analysiert. Dazwischen laufen überspitzte Szenen, die Jankowski mit Schauspielern der Kölner Aufführung drehte: Kippenberger als Partytyrann, einsam im Kölner  Hotel, Kippenberger pleite. Die drastische Komik bestätigt, dass es der Schalk ist, der anderen am wirkungsvollsten den Spiegel vorhält. Offen bleibt, ober der Schalk Kippenberger war. Oder ob es Jankowski ist.

Aber warum nun wirkt Christian Jankowski unter Druck stressfrei, ob im Videointerview des San Francisco MoMA oder am Gate, wenn es wie 2013 in Venedig Probleme mit dem Handgepäck gibt? Meditiert er, ist seine Assis­tentin eine perfekte  Zeitmanagerin? „Wenn du dich am fertigsten fühlst“, sagt Jankowski, „immer ein weißes Hemd anziehen.“ Schaut auf sein graues Hemd und lacht. „Heute fühle ich mich nicht fertig.“

Haus am Lützowplatz Lützowplatz 9, Tiergarten, bis 20.11., Di–So 11–18 Uhr, Eintritt frei; Galerie Michael Fuchs, Auguststr. 11–13, Mitte, bis 29.10., Di–Fr 10–18, Sa 11–18 Uhr

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