Kino & Film in Berlin

Christian Petzold im Gespräch

Der Regisseur hat mit Barbara einen Silbernen Bären gewonnen, jetzt startet der Film in den Kinos. Ein Gespräch über 40 Ost-Cousins und Alltagsgeräusche in der DDR.

Christian Petzold

tip Herr Petzold, herzlichen Glückwunsch zum Berlinale-Bären für die beste Regie! Waren Sie überrascht, als Sie den Preis bekamen?
Christian Petzold Vor der Berlinale hatte mir der Kollege Hans-Christian Schmid gesagt, wenn man am Tag der Preis-Verleihungen schon morgens etwas gewinnt, geht man am Abend bei den Bären meistens leer aus. Das hatte sich bei mir eingebrannt. Und weil ich am Morgen den Leserpreis der „Berliner Morgenpost“ bekommen hatte, war ich abends ganz beruhigt und schaute den anderen einfach zu. Und deshalb war ich überrascht und gleichzeitig sehr erleichtert.

tip Warum erleichtert?
Christian Petzold Während des Festivals gab ich jeden Tag Interviews, das war ein ziemlicher Druck. Als ich den Preis bekam, wusste ich: Das ist jetzt vorbei. Der Preis objektiviert den Film. Dadurch hat er einen Pass bekommen, muss jetzt in die Welt raus und kommt ohne mich klar.

Christian Petzoldtip „Barbara“ erzählt eine Geschichte aus der DDR. Was haben Sie als Westler mit der DDR zu schaffen?
Christian Petzold Meine Eltern sind Ende der 50er aus der DDR geflohen. Mein Vater stammt aus Zwickau, meine Mutter aus Thüringen. Die 70er und Anfang-80er-Jahre habe ich ja praktisch komplett in der DDR verbracht. Meine Verwandten lebten da alle, 40 Cousins habe ich da. Und als wir vor elf Jahren in Wittenberge einen Teil von „Toter Mann“ drehten, bekam ich komische Heimatgefühle, obwohl ich da gar nicht aufgewachsen bin, sondern im Rheinland.

tip Ihr Film spielt 1980. Warum haben Sie diese Zeit gewählt?
Christian Petzold Die Zementierung der DDR begann ja schon 1968. Aber erst bei der Ausweisung von Wolf Biermann 1976 wurde sie augenfällig. Anderthalb, zwei Jahre davor hatten wir bei unseren DDR-Besuchen noch das Gefühl, da ginge ein Wind durch. Doch der hörte auf. In diesem Moment sollte der Film spielen –wenn die Agonie beginnt. Für mich war die Frage: Was machen Menschen in einem Land, das erstarrt? Was passiert mit den Menschen, der Liebe, den Gefühlen? Und in diesem Moment an der Peripherie der DDR spielt die Geschichte von „Barbara“.

tip Wer ist denn Barbara? Eine reale Person?
Christian Petzold So heißt eine Novelle von Hermann Broch, die meiner Figur zugrunde liegt. Ich lese immer so anfallartig Autoren, alles komplett dann. Ende der 90er hatte ich mal einen Hermann-Broch-Sommer. In „Barbara“ geht es um eine Ärztin, die während der 20er- Jahre einer kommunistischen Untergrundorganisation angehört und in einem Krankenhaus einen Mann kennenlernt, einen Arzt. Die beiden kümmern sich um einen Jungen, der wahrscheinlich ein Gerinsel im Hirn hat. Aufgrund ihrer Untergrundtätigkeit muss sie aber weiterfliehen und diese Liebe aufgeben.

tip Die Barbara in Ihrem Film lebt aber nicht in der Weimarer Republik, sondern in der DDR und will in den Westen fliehen. Wie ist es dazu gekommen?
Christian Petzold Drei, vier Jahre nach dem Broch-Sommer lernte ich einen Arzt kennen, der mir die Geschichte von seinem DDR-Ausreiseantrag erzählte. Ärzte, die ausreisen wollten, wurden zur Abschreckung in den Knast gesteckt. Die Männer mussten dann als Militärarzt arbeiten, die Frauen wurden in ein Provinzkrankenhaus geschickt. Als ich diese Geschichte hörte, dachte ich an die „Barbara“-Novelle. Das hat sich verbunden.

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Foto oben: Harry Schnitger / tip

Foto unten: Ali Ghandtschi / Berlinale