Essen & Trinken in Berlin

Chutneys und Marmeladen von Culinary Misfits

Schief gewachsenes Obst und Gemüse hat im Handel keine Chance. Eigentlich. Das Projekt Culinary Misfits setzt gezielt auf die kulinarischen Außenseiter und macht daraus Chutneys, Marmeladen und ungewöhnliche Caterings

culinarymisfitsSie sieht aus wie ein aus der Form geratenes Herz. Noch ist sie eingehüllt in den Staub der Erde, in deren Schoß sie gewachsen ist. Schälte man sie aber, würde sie herrlich gelbes Fruchtfleisch entblößen, ganz so wie die meisten anderen ihrer Art auch. Trotzdem ist sie in den Auslagen der Supermärkte und Gemüsehändler eine Rarität. „Eine Kartoffel wie diese passt einfach nicht in die Norm“, sagt Lea Brumsack (Foto links), die die Knolle mitgebracht hat. Die 30-Jährige macht sich viele Gedanken um Kartoffeln in Herzform, auch um dreibeinige Möhren, ineinander verdrehte Pastinaken oder komisch verwachsene Äpfel. Um Obst und Gemüse also, das im Alltag der modernen Konsumgesellschaft ein Schattendasein fristet. Culinary Misfits, kulinarische Außenseiter, heißt daher das Startup, das sie zusammen mit ihrer Freundin Tanja Krakowski (rechts) von Neukölln aus betreibt. „Es geht uns darum, die vermeintlich hässlichen Entlein auf die Bühne zu holen und ihre verborgene Schönheit hervorzuheben“, erklärt Krakowski.

Die Bühne, das ist vor allem der Catering-Service, mit dem die beiden Frauen zum Beispiel versüßte Kürbisquader mit schwarzem Sesam und Wasabicreme, Petersilienknödel auf Misfits-Potpourri oder Rote-Bete-Curry mit Couscous und Koriander-Joghurt servieren. Ohne Kochausbildung, aber mit Lust am Experimentieren und Ausprobieren. Und eben dieser Mission. „Unsere Rezepte verfolgen drei Prinzipien“, sagt Lea Brumsack. „Erstens verwenden wir hauptsächlich aussortiertes Obst und Gemüse aus der Region, zweitens Brot vom Vortag und drittens auch immer wieder alte, in Vergessenheit geratene Sorten.“ Ihre Rohware beziehen sie von ökologischen Höfen am Rande Berlins, vom solidarischen Landwirtschaftsprojekt SpeiseGut in Gatow etwa oder dem Teltower-Rübchen-Hof. Was sie bekommen, richtet sich nach Saison und Witterung: die erwähnten Herzkartoffeln oder verdrehte Pastinaken, aber auch vom Hagel gezeichnete Zucchinis und aufgeplatzte Radieschen. Das Grünzeug würde sonst untergepflügt und verfüttert werden. Oder aber als Abfall enden. Und das alles, weil sie den gängigen Handelsnormen nicht entsprechen.

Laut einer Studie der UN-Ernährungsorganisation FAO gehen so allein in Europa rund 40 Millionen Tonnen essbares Obst und Gemüse verloren. Durchschnittlich jede fünfte erntefähige Frucht verlässt demnach den Ort ihrer Produktion nicht, im Fall von Kartoffeln sind sogar 40 bis 50 Prozent Ausschuss branchenüblich. Grund für diese Marktstandards seien weniger mangelnde Ernährungswerte oder schlechter Geschmack, schreiben Stefan Kreutzburger und Valentin Thurn in ihrem Buch „Die Essensvernichter“. Stattdessen ginge es „nur um die Optik“. Lea Brumsack und Tanja Krakowski finden das schade. „Nicht nur die Industrie, auch wir Konsumenten haben verlernt, den Wert von Essen wertzuschätzen“, sagt Krakowski.

culinarymisfitsNatürlich brauche eine dreibeinige Möhre im Gegensatz zu einer geraden „mehr Liebe und Zuwendung“, wie sie es nennt. „Genauso gut schmeckt sie trotzdem.“ Zumal auch die Ästhetik nicht zu kurz kommen muss, zumindest nicht bei den Culinary Misfits. Schließlich handelt es sich bei den beiden Frauen um studierte Produktdesignerinnen. Die Dreibein-Möhre, in der Mitte geteilt, wird auf ihren Tellern zu einem die Arme reckenden Männlein, dazu gibt es Beilagen aus Sorten, die sich Blauer Schwede oder Roter Rettich nennen. Im Frühjahr und Sommer sind die beiden mit ihren Snacks auf Berliner Märkten unterwegs und verkaufen eingemachte Misfits, Marmeladen oder Chutneys. Der Plan ist, nicht nur Gerichte, sondern auch Workshops anzubieten. „Wir wollen das Thema auf verschiedenen Ebenen voranbringen“, sagt Brumsack. Was nicht ausschließt, dass sie und ihre Partnerin sich durchaus mal am Imbiss eine Falafel gönnen oder zum Asiaten gingen. „Wir sind ja nicht perfekt“, sagt sie. Genau wie die Herzkartoffel, die vor ihr liegt.

Text: Roy Fabian

Weitere infos unter www.culinarymisfits.de

Gute Adressen für frisches Obst und knackiges Gemüse

Gärtnerinnenhof Blumberg
Die Frauen vom Gärtnerinnenhof bei Berlin ziehen Gemüse der Saison, Beerenobst, Kartoffeln und Kräuter. Kaufen kann man die Produkte im Hofladen oder auf Berliner Märkten, z.B. donnerstags auf dem Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg oder freitags auf dem Leopoldplatz in Wedding.
Krummenseer Weg, Blumberg bei Berlin, Tel. 033394-702 87, www.gaertnerinnenhof-blumberg.de, RB 25 Blumberg, Fr 11-17 Uhr

Markthalle Neun
Neben Obst und Gemüse bieten die Stände am Wochenende auch Käse und Wurst an. Seit April findet in der Markthalle zudem der „Street Food Thursday“ mit sogenannten Bürgersteig-Delikatessen aus Berlin statt.
Eisenbahnstr. 42/43, Kreuzberg, Tel. 577 09 46 61, www.markthalleneun.de, U-Bhf. Görlitzer Bahnhof, Küche und Cafй Mo-Do 12-16 Uhr, Sa+So 10-16 Uhr, Wochenmarkt Sa+So 10-18 Uhr, Slow Food Thursday Do 17-22 Uhr

Obst- und Gemüsehof Teltower Rübchen
Je nach Saison gibt es hier Äpfel und Kirschen, aber auch Gurken, Paprika und natürlich die Teltower Rübchen ab Hof. Die Produkte bekommt man auch auf vielen Berliner Märkten, etwa jeden Samstag auf dem Schöneberger Winterfeldtmarkt oder am Kreuzberger Chamissoplatz.
Ruhlsdorfer Str. 74, Teltow, Tel. 03328-47 48 43, www.teltower-ruebchen.com, S-Bhf. Teltow Stadt, tgl. 9-19 Uhr

SpeiseGut Gatow
Das SpeiseGut verkauft Obst, Gemüse, Kräuter und Blumen nicht im klassischen Sinne. Stattdessen zahlt man einen Monatsbeitrag, erhält dafür jede Woche einen Anteil an der Ernte und darf auf den Feldern mithelfen.
Kladower Damm 57, Spandau, www.speisegut.blogger.de, Bus X34, 134, 334

Verbund Ökohöfe Nordost e. V.
Der Verbund Ökohöfe umfasst Landwirte in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Diese produzieren nach Richtlinien des Vereins, die über die EU-Bioverordnungen hinausgehen. Auf der Vereinswebsite findet sich ein umfangreiches Adressenregister.
www.verbund-oekohoefe-nordost.de

Kommentiere diesen Beitrag