Stadtnatur

Citizen Science – Das wilde Leben in Berlin

Immer mehr Wildtiere fühlen sich ­pudelwohl in Berlin. Die menschlichen Stadtbewohner beobachten das mit ­Faszination und Neugierde – und ­beteiligen sich an der Erforschung der wilden Mitbewohner

Foto: F. Anteha Schaap

In Köpenick befestigt Dieter Reetz eine Wildtierkamera mit ­einem festen Gurt am Stamm des alten ­Apfelbaumes in seinem Garten, im Sichtfeld das Gemüsebeet, ein Stück Rasen und der Komposthaufen. Er ist Bürgerwissenschaftler, jemand, der sich an der Erforschung von Tieren im Stadtgebiet beteiligt, wie mit ihm zusammen immer mehr Berlinerinnen und Berliner. Der trendige Begriff dafür: Citizen Science.

Citizen Science oder Bürgerwissenschaft ist eigentlich nur ein neuer Ausdruck für etwas, das so alt ist wie die Wissenschaft selbst. Wenn man Citizen Science als Amateurforschung definiert, kann man zum Beispiel auch Charles Darwin oder Gregor Mendel als Bürgerforscher bezeichnen, denn sie hatten keine naturwissenschaftliche Ausbildung. Zum Studium der Arten und der Vererbungslehre kamen sie durch ihr Interesse am Beobachten und die autodidaktische Aneignung von Kenntnissen. So wie wahrscheinlich die meisten Bürgerforscher. Im Gegensatz zu den Citizen Scientists von früher helfen den zeitgenössischen Bürgerforschern Apps und andere neue Technologien, um zum Beispiel die Sterne zu studieren, Archäologie als Hobby zu betreiben, Vögel zu beobachten oder Schmetterlinge zu sammeln. Sie leisten damit wichtige Beiträge für die Wissenschaft.

Dieter Reetz würde sich selbst wahrscheinlich nicht als Citizen Scientist bezeichnen. Er ist einfach neugierig, welche Tiere sich in seiner Umgebung so tummeln. Sein Haus liegt inmitten einer idyllischen Kolonie von Einfamilienhäusern. Dass hier viele Vögel brüten und Marder in ihre Baue schlüpfen, kann man sich auf den ersten Blick nicht vorstellen. Die Gärten sind mit niedrigen Hecken und Zäunen voneinander getrennt, dazwischen mal ein größerer Baum oder ein Streifen mit Kiefern. Das Haus ist in den 50er- Jahren erbaut worden, seither hat sich der Garten zum Paradies entwickelt: Blumen, Veranda und ein kleiner Swimmingpool.

Reetz und seine Frau erzählen gerne von den regelmäßigen Besuchern in ihrem Garten. Ihre Stimmen bekommen dabei einen warmen Klang, als berichteten sie von ihren Enkelkindern. Der Blick durch das große Wohnzimmerfenster in den Garten reicht, um den Fernseher unnötig zu machen. „Wir haben schon unseren Spaß“, sagt Reetz. Da sei zum Beispiel ein Fuchs, der sich ab und zu ein Nickerchen in der Sonne im Garten gönne. Oder das Entenpaar, das jedes Jahr ihren Pool okkupiere. „Wir machen uns schon Sorgen, dass sie noch nicht da sind“, sagt Frau Reetz. Im letzten Jahr hätte ein fremder Erpel versucht, das Weibchen zu vertreiben.

Offensichtlich hatte er mehr Interesse am Entenmann als an der Ehefrau. Ein anderes dramatisches Ereignis des Vorjahres: Die große Fichte ist im Sturm umgefallen. Sie war Nistplatz eines Krähenpaares und Tribüne der Amsel, die jeden Abend ihr Lied sang. Tagelang hätte man die Vögel noch kreisen sehen, auf der Suche nach ihrem verlorenen Heim.


Spurenlese im Blumenbeet


Die Reetzs kennen ihre tierischen Nachbarn gut. Aber kennen sie auch alle? Eines Tages tauchen im Blumenbeet Spuren auf – große Pfotenabdrücke. „Zu groß für einen Fuchs, zu klein für einen Wolf”, erzählt Dieter Reetz. Er hätte gleich eine Vermutung gehabt, wer der Eindringling sein könnte. Als das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin für das Verbundprojekt WTimpact Bürgerinnen und Bürger mit Garten sucht, meldet er sich sofort. Mit der Wildtierkamera will er dem Tier nun auf die Schliche kommen.

Begegnungen mit wilden Tieren sind in Berlin keine Seltenheit. Spaziert man morgens durch einen der vielen Berliner Stadtparks, so straft das zwitschernde Gelärm von allen Bäumen das viel beschworene Vogelsterben Lüge. Aber nicht nur die Vogeldichte ist hoch in Berlin, auch immer mehr wilde Vierbeiner ziehen die Stadtluft der Landluft vor. Städte seien „Hotspots der Biodiversität“ berichtet das Berlin-Brandenburgische Institut für Biodiversitätsforschung (BBIB). Städte sind für viele Tierarten ein attraktives Habi­tat geworden, da die intensive Land- und Forstwirtschaft ländliche Rückzugsnischen schwinden lässt. Die Hauptstadt hingegen ist voll von verwildertem Brachland, wie zum Beispiel den weitläufigen S-Bahngeländen – sie sind ideal für Fuchsbauten. Parks und Gärten liefern nahrhafte Leckerbissen und die vielen Straßenbäume eignen sich als Nistplätze. Auch die steigende Zahl von Berlinern mit Guerilla-Gardening-Mentalität, die Insektenhotels aufstellen oder teure Wildblumensamenmischungen auf jedes Stück freien Boden streuen, mag zur Tierfreundlichkeit beisteuern.

Die Forscherinnen und Forscher des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) am Tierpark und des Naturschutzbunds Deutschlands (NABU) wollen mehr über das Leben der wilden Stadtbewohner wissen: Woher kommen die Tiere, und was fressen sie hier? Verändert sich ihr Verhalten durch den Umzug in die Stadt oder durch den Klimawandel? Um mehr über das Leben von Stadtvögeln zu erfahren, hat der NABU 2005 die „Stunde der Gartenvögel“ eingeführt. Und setzt auf die Mithilfe und das Interesse der Bürger. Sie sollen beobachten, notieren, vergleichen, ihre Erkenntnisse mit den Wissenschaftlern teilen. Die Stunde der Gartenvögel dauert eigentlich drei Tage; in diesem Jahr ist sie gerade vorbei, sie ging vom 10. bis zum 12. Mai. Wer an so einer Vogelbeobachtung teilnehmen möchte, aber Probleme bei der Bestimmung der Vögel hat oder den Vogel nur hört und nicht sieht, kann mit der „Naturblick“-App die aufgenommenen Vogelstimmen per Algorithmus identifizieren. Das Museums für Naturkunde stellt diese kostenlose App zur Verfügung, die nach einem gleichnamigen Mitmach-Projekt benannt ist.

Mithilfe der Gartenvögelstunde haben die Forscher vor allem mehr darüber erfahren, wie sich der Klimawandel auf Gefiederte auswirkt. Für Fuchs, Wildschwein und Co. liegen noch keine gesicherten Erkenntnisse dazu vor, wie sie auf Hitzeperioden und Starkregenfälle im Sommer und die milden Winter reagieren. Aber bei vielen Vogelarten ließen sich auffällige Verhaltensänderungen beobachten, sagt Eric Neuling, Referent für Vogelschutz beim Naturschutzbund: „Vor allem Kurzstrecken-Zugvögel wie Star oder Kohlmeise kommen immer früher aus ihren Winterquartieren zurück oder bleiben gleich bei uns.“

Die weniger flexiblen Langstreckenflieger wie Nachtigall und Kuckuck hätten dadurch das Nachsehen. „Wenn sie bei uns eintreffen, sind die besten Nistplätze bereits von den Daheimgebliebenen besetzt, und der Kuckuck findet kein Wirtsnest mit noch unausgebrüteten Eiern mehr. Dazu kommt, dass sich die jahreszeitliche Rhythmik der Insektenreifung, auf die die Brutzeit der Vögel fein abgestimmt ist, nach vorne verschiebt.“ Für die Nestlinge der zu spät kommenden Afrika-Überwinterer gäbe es daher weniger Insektenlarven.


Bürger als wissenschaftliche Mitarbeiter


Doch auch mit Blick auf die Entwicklung von Säugetierpopulationen ist die enge Zusammenarbeit mit Bürgerinnen und Bürgern für die Forscher maßgeblich. Die Bürger sind zum einen wichtig, weil sie sich melden, wenn sie Wildtiere gesehen haben. „Für viele Projekte brauchen wir einfach die Manpower“, sagt Sarah Kiefer, Koordinatorin der Citizen-Science-Projekte am Berlin-Brandenburgisches Institut für Biodiversitätsforschung (BBIB), einem multidisziplinären Forschungskonsortium, an dem sich auch das IZW beteiligt. „Wenn wir zum Beispiel Wildschweine oder Füchse besendern wollen, geben uns Bürger wichtige Hinweise, wo wir die Tiere antreffen können.“

Der zweite Grund für die Bürgerbeteiligung sei, dass die Wissenschaftler ein Bewusstsein für biologische Vielfalt in der Gesellschaft wecken wollen. „Mit dem Thema Biodiversität kennen sich die meisten Menschen nicht gut aus, anders als zum Beispiel mit dem Thema Klimawandel. Daher wollen wir die Gesellschaft mit einbeziehen in die Forschung, um aufmerksam zu machen und um Wissen weiter zu geben“, sagt Kiefer. Die Berlinerinnen und Berliner werden daher nicht nur am Datensammeln beteiligt, sondern auch an der Auswertung und Interpretation der Ergebnisse. Auf diese Weise lernen sie die Verhaltensweisen der Tiere kennen und entwickeln ein Verständnis für die natürlichen Phänomene in ihrer direkten Umgebung. Apps, Internetplattformen und auch künstliche Intelligenzen, die zum Beispiel Tiere und Pflanzen bestimmen, machen das kollektive Sammeln, Bestimmen und die rasche Weiterleitung von Beobachtungen immer einfacher.

Aber es geht den Initiatoren von WTimpact nicht nur um die Tiere. Sie sind auch an den Bürgerforschern selbst interessiert. Denn eigentlich weiß man noch nicht viel über Partizipation an Wissenschaft oder Citizen Science. Wie nehmen die Bürger die Beteiligung wahr und was nehmen sie mit aus den Projekten? Um das herauszufinden, erforschen Wissenschaftler nicht nur die Wildtiere, sondern zusammen mit Sozialwissenschaftlern auch die Bürgerwissenschaftler. Die Citizen Scientists sind also beides zugleich: Forscher und Forschungsobjekte.


Eine lange Tradition


Im angelsächsischen Raum hat die Wissenschaft das Potenzial von Citizen Science bereits früh erkannt. In den USA gibt es seit 1900 jedes Jahr zu Weihnachten den Christmas Bird Count. Tausende von Menschen gehen dann in die Natur, um Vögel zu bestimmen und zu zählen. Dadurch ist eine lückenlose Erfassung der Entwicklung der Vogelartenvielfalt der letzten 100 Jahre möglich. Aber auch in Europa ist Citizen Science inzwischen angekommen. In Deutschland unterstützt hauptsächlich das Berliner Naturkundemuseum den Aufbau von Citizen-Science-Projekten. Auf der Plattform „Bürger schaffen Wissen“ gibt es zahlreiche Beteiligungsmöglichkeiten in vielen Fachgebieten, von Forschung zu Lichtverschmutzung oder Feinstaubbelastung bis zu Clusterkopfschmerzen. Die Wissenschaftler versprechen sich davon nicht nur mehr, bessere oder schnellere Daten. Es geht auch darum, den Menschen klar zu machen, wie relevant Forschung für die Gesellschaft ist. Wissenschaft will gesellschaftliche Herausforderungen adressieren und das sollen die Bürger auch spüren. Citizen Science ist daher im besten Fall in alle Phasen des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns integriert. Sarah Kiefer sagt: „Wir wollen dahin kommen, dass Bürger auch eigene Ideen zum wissenschaftlichen Prozess beisteuern.“

Deswegen hat das IZW Ende letzten Jahres das Projekt WTimpact gestartet. Mit 200 Wildtierkameras, verteilt auf das gesamte Stadtgebiet, nehmen die Forscher systematisch den Bestand der terrestrischen Säugetiere in Berlin auf. Berlinerinnen und Berliner sind aufgerufen, mitzumachen, sofern sie einen Garten oder ein Privatgrundstück besitzen. Sie bekommen eine Kamera mit Bewegungsauslöser und Infrarot-Nachtaufnahmefähigkeit als Leihgabe, die sie auf der Wildsäugetier-Höhe von 50 Zentimetern installieren. Über vier Wochen und zweimal im Jahr (Frühling und Herbst) suchen die Wissenschaftler so mit immer wieder wechselnden Standorten nahezu flächendeckend das Stadtgebiet nach Tieren ab. „Wie ein Puzzlespiel können wir so die Revierkarten der Wildtiere zusammensetzen“, sagt Milena Stillfried, die im Rahmen des Projekts zu Berliner Wildtieren forscht. Spannend wäre es laut Stillfried auch, Erkenntnisse zu den Inter­aktionen zwischen den verschiedenen Tierarten zu erhalten. Denn bei der hohen Dichte nicht immer freundlich gesinnter gleich- oder andersartiger Revierpartner sei es interessant zu erfahren, wie die Tiere sich gegenseitig meiden oder suchen.

Bürgerforscher wie Dieter Reetz laden die Bilder ihrer Kamera auf die Plattform des Projektes hoch und nehmen dort selbst eine erste Auswertung vor. Für die Wildtierbestimmung ist eine Auswahlliste vorgegeben und zu jedem Tier gibt es einen ausführlichen Steckbrief und eine Bestimmungshilfe. „Der Vollständigkeit halber ist auch der Wolf gelistet“, sagt Stillfried. „Aber es wurde bisher nie einer im Stadtgebiet gesichtet. Daher wird auf der Webseite auch auf die leichte Verwechslungsmöglichkeit mit großen Hunden aufmerksam gemacht.“ Zusätzlich können die Teilnehmer des Projektes auch einfache statistische Analysen der gesammelten Daten machen. Sie können Aktivitätsrhythmen bestimmter Tierarten im Stadtgebiet errechnen oder den Zusammenhang zwischen ihrem Vorkommen und speziellen Landschaftsstrukturen erschließen.

Die Gesamtauswertung der ersten Berliner Kamera­runde ist beeindruckend: Auf mehr als 80.000 Bildern haben die Kameras rund 8.000 wilde Säugetiere abgelichtet. Rund 7.000 Mal haben die Kameras Hauskatzen fotografiert, doch die meisten Bilder sind Fehlauslösungen: ein fallendes Laubblatt, ein Insekt, das über die Linse krabbelt.

Mit Blick auf tierische und menschliche Berliner ist nicht immer ganz klar, wer hier eigentlich wen erforscht. Denn vor allem für die Wildtiere ist die Kenntnis über menschliche Gewohnheiten überlebenswichtig. „Sie studieren uns“, sagt Milena Stillfried. Für ihre Doktorarbeit hat sie Wildschweine mit Sendern ausgestattet, um deren Bewegungsprofile aufzuzeichnen. „Dabei hat sich herausgestellt, dass die Tiere sehr genau wissen, wann und wo sich Menschen vermehrt aufhalten. Und dass sie dieses Wissen anwenden, um ihnen aus dem Weg zu gehen“, so Stillfried. Es käme vor, dass ein Wildschwein in einem verlassenen, verwilderten Garten vor sich hindöse, während sich direkt nebenan im Grundstück nichtsahnende Menschen aufhielten.

Stillfrieds Büro ist mit Wildschweinportraits behangen. In der Enge zwischen den Schreibtischen, all den Stapeln von Schriftstücken und dem urigen Sofa erwartet man jeden Moment, ein Paar Fellohren auftauchen zu sehen. Was sie bei der Erforschung der Wildschweine Berlins herausgefunden hat? Sie erzählt: „Die genetischen Analysen haben uns gezeigt, dass Wildschweine nicht unbedingt nur aus den umliegenden Wäldern der Stadt in die City kommen. Wenn Nahrungsmangel auf dem Land herrscht, unternehmen Wildschweine auch schon mal weite Exkursionen aus Brandenburg bis in die Hauptstadt.“ Interessant sei dabei, dass sie in der Stadt ihre Ernährung nicht, wie viele glauben, auf Streetfood umstellen. „Ich habe den Inhalt von 247 Wildschweinmägen untersucht und nur in 16 fanden wir Nahrungsreste anthropogenen Ursprungs“, erklärt Stillfried. „Wenn Wildschweine sehr hungrig sind, lehnen sie sicherlich auch menschlichen Müll nicht ab, aber in der Regel finden die Borstenträger in der Stadt jede Menge ihrer gewohnten Bio-Kost: Eicheln, Eckern, Engerlinge.”

Bei den Füchsen Berlins hingegen untersuchen Wissenschaftler die Fressgewohnheiten noch. Vermutlich sind sie weniger wählerisch. Füchse sind Generalisten, mehr noch als Wildschweine. So nennt man hoch anpassungsfähige Arten. Aber man könnte sie auch als Individualisten bezeichnen. Sophia Kimmig von der Abteilung „Ökologische Dynamiken“ des IZW schreibt ihre Doktorarbeit über die Füchse Berlins. Sie berichtet: „Wir waren überrascht, wie groß die Unterschiede zwischen den Einzeltieren sind.” Die einen seien sehr tagaktiv, während andere, wie ihre auf dem Land lebenden Verwandten, eher nachts unterwegs sind. Manche Füchse seien ziemlich faul, andere hingegen legten bis zu 15 Kilometer am Tag zurück. „Die Füchse sind im gesamten Stadtgebiet verbreitet und haben sich an die Nähe zu uns Menschen gewöhnt. Man findet ihre Baue sogar mitten in Kreuzberger Hinterhöfen“, erzählt Kimmig. „Dabei nutzen sie oft Orte, die zwar einzusehen, aber den Menschen nicht zugänglich sind.“


Füchse hassen Hunde


Das kann auch Kathrin Luckau bestätigen. Sie wurde wegen ihrer Leidenschaft zu wilden Tieren zur Bürgerwissenschaftlerin. Vor allem haben es ihr die Füchse angetan. Ihr Tag ist gelungen, wenn sie beim Spaziergang morgens durch die Rieselfelder in Buch eine Fähe mit Welpen sichtet. Eine ihrer wertvollsten Erinnerungen: „Als ich beobachten konnte, wie ein Welpe eine Maus gefangen hat.“ Sie sammelt schon seit vielen Jahren Beobachtungen, die sie den Wissenschaftlern des Instituts übermittelt. Zusätzlich zu ihren Fuchs-Sichtungen, zeichnet sie auch das Verkehrsaufkommen von Autos, Fahrrädern und Fußgängern in ihrem Revier auf: Faktoren, die im Alltag von Füchsen eine große Rolle spielen. Durch die tägliche Nähe zu den Tieren in der freien Wildbahn macht sie wertvolle Beobachtungen, die zu neuen Fragestellungen anregen. „Füchse haben weniger Probleme mit Menschen als mit deren Hunden“, sagt Luckau. „Taucht ein Hund auf, so ist der Fuchs bereits verschwunden.“ Füchse hätten bessere Nasen als Hunde, sie verschwänden lange bevor der Hund eine Witterung aufnehme, erzählt die Fuchsflüsterin, die von sich selbst sagt: „An warmen Tagen rieche ich den Fuchs häufig, bevor ich ihn sehe.“

Wer über Fuchs und Wildschwein hinaus an anderen Arten interessiert ist, der kann beim Projekt „Naturblick“ des Museums für Naturkunde mit der dazugehörigen App auch nach Pflanzen, Amphibien, Fledermäusen oder Vögeln Ausschau halten. Das Museum möchte damit Berlinerinnen und Berliner auf die Natur direkt vor ihrer Haustür aufmerksam machen. Die beobachteten und fotografierten Tier- und Pflanzenarten lassen sich über die App zusammen mit Standort- und Zeitangabe der Sichtung direkt an das Museumsteam senden.

Im Stadtgeschehen spielen vor allem die fliegenden Berliner eine prominente Rolle. Greifvögel wie der Habicht schätzen Berlin unter anderem wegen seiner vielen schmackhaften Tauben. Und viele der hier beheimateten Fledermäuse sind seltene oder bedrohte Arten. Um mehr über sie zu erfahren, startet gerade das Citizen-Science-Projekt „Fledermausforscher“: Mit einem Bat-Detektor, bestehend aus Mikro und Kopfhörern, ziehen die Citizen Scientists los, um in der Dämmerung Fledermäuse zu belauschen.

Schlagzeilen machte im letzten Jahr auch der „Forschungsfall Nachtigall“, ein Kooperationspartner des Naturblick-Projektes: Bürgerwissenschaftler hatten über 1.700 Liebeslieder dieses kleinen Vogels mit der großen Stimme gesammelt. Das nächste Ziel ist nun laut Projektleiterin Silke Voigt-Heucke, die Dialekte von Nachtigallen unterschiedlicher Regionen zu entziffern. Deshalb sind auch dieses Jahr deutschlandweit wieder Bürger zum Gesangssammeln aufgerufen. Mit Mitternachtsexkursionen und einer Veranstaltung namens Picknick&Poesie gibt sich die Projektleitung Mühe, damit die Bürgerwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler Spaß am Forschen haben. Der Auftakt der Saison wurde Ende April bereits mit der großen „NachtiGala“ im Sauriersaal des Museum für Naturkunde begangen – eine Erinnerung daran, dass die Vögel direkt von diesen Urzeit-Reptilien abstammen.

So werden Bürger- und andere Wissenschaftler demnächst herausfinden, wie Nachtigallen auf Berlinerisch trällern – im Vergleich zu bayerischen oder rheinischen Nachtigallen. Auch Dieter Reetz hat sein Rätsel gelöst und ist dem nächtlichen Wanderer mit dem unbekannten Tatzenabdruck in seinem Garten per Paparazzi-Foto auf die Schliche gekommen: Ein Waschbär nutzt seinen Garten für den Durchmarsch. Frech blickt er mit seiner drolligen Räubermaske in die Kamera. Von wo er kommt und wohin er unterwegs ist, das können auch die Wissenschaftler des Institutes nicht sagen. „Aber er richtet zumindest keinen Schaden bei uns an”, sagt Dieter Reetz gut gelaunt.


Citizen-Science-Projekte zur Wildtier-Forschung in Berlin


Wildtierforscher in Berlin Aufstellen von Wildtierkameras im eigenen Privatgelände, noch ­zweimal in diesem Jahr
www.wildtierforscher-berlin.de

Stadtwildtiere in Berlin: Beobachtungen von Wildtieren melden
www.berlin.stadtwildtiere.de

Naturblick Mithilfe einer App können Vogel­stimmen, Pflanzen- und Tierarten aufgenommen und bestimmt werden
naturblick.naturkundemuseum.berlin

Forschungsfall Nachtigall Mithilfe der Naturblick-App werden Nachtigallgesänge aufgezeichnet
https://forschungsfallnachtigall.de

Fledermausforscher Identifikation von Fledermäusen mittels Bat-Detektor, startet im Mai 2019
www.fledermausforscher-berlin.de

Stunde der Gartenvögel: Im Mai 2020 werden in Deutschland wieder Vögel gezählt
https://berlin.nabu.de/tiere-und-pflanzen/stunde-der-gartenvoegel/index.html