Drama

„Clair Obscur“ im Kino

Die Wärme und die Kälte: Anhand zweier Frauen erzählt Regisseurin Yeşim Ustaoğlu in von mehr als nur der türkischen Gesellschaft

Real Fiction/ Unafilm

„Tereddüt“ heißt der Spielfilm von Yeşim Ustaoğlu im türkischen Originaltitel – „Zögern“, „Unentschlossenheit“. Im Wort spiegelt sich der Blick der Regisseurin, der erst im Laufe des Films auch zu dem ­seiner beiden Hauptprotagonistinnen wird. ­Deren Leben wirkt zunächst nämlich weniger ­unentschlossen: Elmas (Ecem Uzun) ist 18 Jahre alt oder vielleicht ein wenig jünger (aus Anlass ihrer Hochzeit vor zwei Jahren veran­lasste ihr Vater die Umschreibung ­ihres Ausweises) und darbt mit ihrem deutlich ­älteren Ehemann und dessen Mutter in einem Küstenort bei Istanbul.

Es ist Winter, das Städtchen verlassen und trostlos, die Badegäste kommen nur im Sommer. Elmas schmeißt den Haushalt und spritzt die Schwiegermutter mit Insulin. ­Beide, Ehemann und Schwiegermutter, riechen schlecht, sagt Elmas später. Eine ­Information, die es fast nicht gebraucht hätte, denn ihr empfundener Ekel transportiert sich auch so: der juckende, rote Bauch der alten Frau; das nächtliche Auf-die-Pelle-rücken des Mannes. Nach einer solchen Heimsuchung hockt Elmas auf der Toilette und biegt sich vor Schmerzen. Ein Leben, das dem Titel nach an Ustaoğlus vorangegangenen Film erinner – „Araf“ (2012), „Fegefeuer“.

Ein Feuerchen lodert auch im zweiten Strang des Films, der Chehnaz (Funda Eryiğit) zeigt, eine Frau um die 30 mit guter Frisur und guter Kleidung, guter Wohnung und gutem Mann. Im Istanbuler Designer-Apartment knistert das Kaminfeuer zur Dekoration (während Elmas immer wieder den Ofen nachheizen muss, um die Wohnung nicht auskühlen zu lassen) und das Fleisch zischt in der Pfanne. Zubereitet wird es von Cem (Mehmet Kurtuluş aus Fatih Akins „Kurz und Schmerzlos“ und Ex-„Tatort”-Ermittler), einem gutaussehenden Architekten. Chehnaz steht für eine moderne, urbane Türkei. Strahlt ihr akkurater Bob in der Disco-Beleuchtung eines Clubs, stumpft Elmas langes Haar unter dem Kopftuch ab.

Aber Yeşim Ustaoğlu möchte von mehr erzählen als den zwei Seiten der Türkei, einer rück- und einer fortschrittlichen. Tatsächlich ­möchte sie sie noch nicht einmal getrennt wissen. Deutlich macht sie das, indem sie beide Geschichten, beide Flügel ab einem ­bestimmten Punkt zusammenführt – Chehnaz arbeitet als Psychiaterin in einer Klinik unweit Istanbuls, in welcher sie einer verstörten Elmas begegnet. Doch der Prozess selbst beginnt bereits viel früher und vermittelt sich durch Träume, Imaginatives – Gefühlsbilder.

In einem dieser Träume wird Chehnaz in ­ihrem Bett liegend von Fluten heimgesucht. Auch die (sexuellen) Begegnungen mit Cem wirken bedrohlich und unsanft, im Hintergrund ist da kein Kaminfeuer mehr, sondern eher das Fegefeuer. Elmas Sehnsüchte strecken sich dafür in die Nachbarwohnung, wo sie gleichaltrigen Mädchen beim Tanzen zusieht.

Was Freiheit ist, weiß jedenfalls keine von beiden Frauen. Yeşim Ustaoğlu sagt über ­ihren Film, er handele von inneren Verletzungen, die von den Frauen vielleicht noch nicht einmal selbst benannt werden könnten. Und sie spricht von einer Gesellschaft „die von innen heraus verfault“.

Was es bedeutet, eine Frau zu sein, ­davon handelte auch „Araf“, der sich Zehra annahm, wie Elmas an der Schwelle zwischen Kind und Erwachsener. Zehra verliebte sich in einen Lastwagenfahrer. Als sie von ihm schwanger wird, rät ihr eine ältere Freundin zur ­sofortigen Weggabe des Babys. Yeşim Ustaoğlu erfand für Zehra einen anderen Ausweg. Und auch für Elmas und Chehnaz öffnet sie filmisch den Rahmen: nicht nur, ­indem sie Inneres nach außen streben lässt – es übersetzt sich auch in konkrete Handlungen. Das Zögern hat vielleicht keinen Bestand.

Tereddüt (OT) TK/D/PL/F 2016, 105 Min., R: Yeşim Ustaoğlu, D: Funda Eryigit, Ecem Uzun, Mehmet Kurtuluş, Okan Yalabik, Start: 7.12.

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