Kino & Film in Berlin

„Cloud Atlas“ im Kino

Tom Tykwer, Lana und Andy Wachowski haben mit der Verfilmung des vertrackten Romans "Cloud Atlas" ein ambitioniertes Werk geschaffen. Aber ist die enorm aufwändige Produktion mehr als ein erzählerisches Experiment?

CloudAtlasProductionGmbH_WarnerBros.EntertainmentInc._X-Verleih.Oktober, Prenzlauer Berg
Tom Tykwer sitzt in einer kleinen Arbeitswohnung mit Tisch, Bett, Bücherregalen und Teeküche in einem Seitenflügel-Altbau an der Kastanienallee. Er sieht etwas müde aus, hat Jetlag und Premieren-Stress: Gestern war Tykwer noch in New York, morgen fliegt er nach Los Angeles, heute ist er eigentlich nur in der Stadt, um das gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Marie Steinmann produzierte kenianische Drama „Nairobi Half Life“ vorzustellen. Doch ein anderer Film wirft längst einen sehr großen Schatten. Man merkt, dass die Verfilmung von David Mitchells vertracktem, 2004 erschienen Roman „Cloud Atlas“ (dt. Buchtitel: „Der Wolkenatlas“) für Tykwer eine Herzensangelegenheit war und ist. Dass er den 172-minütigen Film mit zwei anderen Regisseuren, Lana und Andy Wachowski, gedreht hat, ist dabei weder Sachzwang noch Zufall. „Wir waren schon eine Weile auf der Suche nach einem Film, den wir zusammen machen können“, sagt Tykwer. „Lana, Andy und ich haben also ein geeignetes Projekt gesucht, auch wenn es eine Schnapsidee war: Wer würde schon einen Film von drei Regisseuren finanzieren wollen, was für ein Konzept soll das sein?“

2003, Clonakilty, Irland
Der englische Autor David Mitchell erzählt „Cloud Atlas“ in Episoden, die fünf Jahrhunderte umspannen. Im Jahr 1846 ist der junge Anwalt Adam Ewing im Pazifik unterwegs, erkrankt hilft er einem Sklaven zur Flucht, erst widerwillig, bald überzeugt. Robert Frobisher, ein angehender Komponist aus England, versucht sich 1936 bei Brügge daran, Ewings düstere Schilderungen der Kolonialzeit und seine eigene große Liebe in Musik auszudrücken. Die kalifornische Journalistin Luisa Rey recherchiert über Sicherheitsmängel eines AKWs und begegnet dabei einem Atomwissenschaftler, Frobishers alt gewordenem Liebhaber. Nach dessen angeblichem Selbstmord studierte sie auch die Briefwechsel der beiden Männer. Alles ist und bleibt in „Cloud Atlas“ über die Epochen lose und vage verbunden, auch die Geschichte des britischen Kleinverlegers Cavendish in der Jetztzeit mit dem Schicksal der geklonten, rechtlosen Kellnerin Sonmi-451 im Korea der Zukunft und mit den Abenteuern von Zachry, der mit wenigen anderen auf Hawaii in einer fernen, post-apokalyptischen Welt voller Barbarei und letzten Hoffnungen lebt. David Mitchells Buch ist keine leichte Lektüre, der Autor wählt für die sechs Episoden verschiedene literarische Stilformen und die Sprache der jeweiligen Epoche. Die Abfolge der Kapitel ist zunächst chronologisch und dann rückläufig, sozusagen: ­A-B-C-D-E-F-E-D-C-B-A. „Mitchell hat uns erst kürzlich schockierenderweise gestanden, wie er zu der Struktur seines Buch gefunden hat“, erklärt Tom Tykwer. „Er hat alle Geschichten einzeln und als Ganzes geschrieben und die ersten fünf, als alles fertig war, in der Mitte durchgeschnitten. Wir haben ihn gefragt, wie lange er für diese Aufteilung gebraucht hat. Er meinte: ‚Ach, so 20 Minuten.'“

2002, Los Angeles
Tykwer und die Wachowskis sind gleich alt und teilen Interessen nicht nur am Kino, sondern auch an Literatur, Sport und Philosophie. „Unser erstes Rendezvous – und so muss man das nennen, wir haben uns ja quasi ineinander verknallt – fand in Los Angeles statt. Wir hatten uns zuvor schon öfter Nachrichten zukommen lassen, weil ich von ‚Matrix‘ und sie von ‚Lola rennt‘ so begeistert waren. Wir gingen in ein Restaurant und hörten nicht mehr auf zu reden, bis man uns um fünf Uhr aus dem Lokal rauswarf“, erzählt Tykwer. „Am nächsten Morgen haben sie mir Blumen geschickt und ich ihnen einen Liebesbrief. Wir waren alle drei an einem etwas erschöpften, ausgelaugten Punkt in unserem Verhältnis zur Arbeit, und die Begegnung war wie eine Wiederbelebung.“

2006, Costa Rica
In Buchform ist „Cloud Atlas“ eigentlich unverfilmbar, das war auch Tykwer und den Wachowskis schnell klar. „In einem Film“, sagt Tykwer, „kann man nicht nach 90 Minuten ein völlig neues Kapitel aufschlagen und neue Figuren einführen.“ Bei einem Urlaub in Costa Rica zerlegten die Filmemacher deshalb die Vorlage in Einzelszenen und Lieblingsmomente, irgendwann sei das Ferienhaus mit Karteikarten bedeckt gewesen. „Wir haben uns die tagelang angesehen und dann begonnen, eine Art Mosaik zu legen. Und da wurde uns klar, dass sich bestimmte Figuren in ihren Motiven ähneln oder Teil einer narrativen Metastruktur sind.“ Daraus sei die Idee entstanden, ein zwölfköpfiges Schauspieler-Ensemble zu verwenden, das in allen Epochen in verschiedenen Rollen auftaucht; Jim Sturgess, Ben Whishaw, Halle Berry, Jim Broadbent, die koreanische Schauspielerin Doona Bae und Tom Hanks spielen dabei jeweils die Hauptrolle einer Episode.

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