Electro-Soul

Cold Specks im Musik und Frieden

Mama hat das letzte Wort: Die Kanadierin Ladan Hussein alias Cold Specks hat die ­Geschichte ihrer somalischen Familie ergründet. Und sich selbst

Es wäre wohl übertrieben zu behaupten, dass die kanadische Musikerin Cold Specks auf ihrem dritten Album „Fool’s Paradise“ zu ihrem Glauben gefunden hätte. Aber dass die 29-Jährige eine erstaunliche musikalische und persönliche Entwicklung vollzogen hat, daran lassen schon die ersten Akkorde keinen Zweifel. Nichts ist geblieben vom düsteren, akustisch skelettierten „Doom Soul“, wie Ladan Hussein ihr Debüt „I Predict A Graceful Expulsion“ aus dem Jahr 2012 selbst beschrieb.

Noch spektakulärer aber ist der Wandel vom viel gelobten, über weite Passagen kakophonisch-verzweifelt anmutenden Nachfolger „Neuroplasticity“ zum aktuellen Album. Weggeräumt sind die Schichten aus dräuendem Lärm, an dem Swans-Frontmann Michael Gira maßgeblichen Anteil hatte. Freigelegt wurde die klare Gesangsstimme Husseins, die sich vor dem Hintergrund der neuen Transparenz auf „Fool’s Paradise“ viel nuancierter entfaltet. Eine warme Synthesizer-Harmonie legt das melodische Fundament des Titel- und gleichzeitig Eröffnungsstücks, für den Rhythmus reicht ein sanftes Fingerschnipsen – und die Lyrics sind einer somalischen Königin gewidmet, die ihre Männer der Überlieferung nach kastrierte.

„Das ist allerdings die männliche Version der Legende“, sagt Ladan Hussein lachend am Telefon, 6.000 Kilometer weiter westlich in ihrer Heimatstadt Toronto. „Für mich ist Araweelo ein Symbol der Selbstermächtigung. Ich wollte endlich meine Stärke als muslimische Frau finden. In Räumen zu existieren, die nicht für mich geschaffen sind, habe ich mein Leben lang als Kampf empfunden.“
Zu dieser Befreiung gehört auch, dass sie heute nicht mehr unter ihrem Künstlernamen Al Spx (eine Hommage an die feministische Post-Punkband X-Ray Spex) auftritt, sondern ihren Geburtsnamen Ladan Hussein benutzt. Unter einem Alias aufzutreten, aus Angst vor Hass und Zurückweisung die eigenen kulturellen Wurzeln zu leugnen, war für Hussein eine schmerzhafte Erfahrung. „Ich musste mich erst von all meinen Gefühlen abkapseln, bevor ich mich um mich selbst kümmern konnte.“

Dieser Entwicklungsprozess verleiht den atemberaubend schönen, zerbrechlichen Melodien auf „Fool’s Paradise“ eine fast spirituelle Qualität, ohne dass Hussein noch explizit auf Stilmittel der Gospel- oder Soulmusik Bezug nehmen muss. In Songs wie „Wild Card“ (beschwingt und frei schwebend, was ihre Stimme prominent in Szene setzt) oder „Void“ (clubtauglich, mit einer übersteuerten Hi-Hat als Taktgeber) verarbeitet sie ihre Erfahrungen subtiler, ihre Einflüsse verbinden sich mit den Songtexturen zu melancholischen kleinen Pop-Hymnen, die auch eine Rückkehr zu ihrer eigenen Geschichte bedeuten. „Ich wusste nicht viel über das Leben meines Vaters, seine Rolle in der Musikszene Somalias in den Siebziger Jahren. Er hat nie davon gesprochen, dass er Teil der Iftiin Band war, damals eine der bekanntesten Gruppen des Landes. Ich fand also Trost in mythischen somalischen Königinnen, und tauchte in alte Videoaufnahmen von somalischen Bands ein, über die ich tagelang mit meinem Vater sprach. Das alles habe ich auf ‚Fool’s Paradise‘ verarbeitet.“
Und noch eine Neuerung gibt es auf dem dritten Album von Cold Specks. Ladan Hussein hat zum ersten Mal selbst produziert, gemeinsam mit ihrem langjährigen Partner Jim Anderson. „Fool’s Paradise“ ist in gewisser Weise das Bindeglied zwischen den beiden Vorgängern: Es besitzt die Tiefe und den Klangreichtum von „Neuroplasticity“, ist aber durchlässiger produziert und gibt so den Songs mehr Raum zur Entfaltung. „Musik war immer eine Flucht vor meinen inneren Abgründen“, meint Ladan. „Inzwischen habe ich verstanden, dass es auch ein Mittel der Selbstheilung ist. Heute kann ich sagen, dass mich nichts glücklicher macht, als mich in Sounds zu stürzen, sie zu sammeln und zu organisieren. Und sie mit meiner Stimme zu formen.“

Und wie es sich gehört für ein Album, dass sich um die Themen Familie und Herkunft dreht, hat das letzte Wort die Mutter. „Fool’s Album“ endet mit einem Gebet für ihre Tochter: in Somali, der Muttersprache der Eltern. Ladan Hussein hat nicht nur ihre Liebe zu sich selbst wiedergefunden, sondern auch ihre Sprache.

Musik und Frieden Falckensteinstr. 47, Kreuzberg, Sa 14.10., 20 Uhr, VVK 23 €

 

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