Musik & Party in Berlin

Comic-Künstlerin und Malerin: Ali Fitzgerald

Die US-Amerikanerin pflegt in Berlin alt-europäische Kulturtraditionen von Melancholie bis Expressionismus. Ihre neuen Arbeiten zelebrieren jetzt "viktorianische Psychedelik".

Ali Fitzgerald

„Hungover Bear“ – das wäre nicht nur die prägnante Kurzformel für die nach Rollmops verlangende Stimmung im post-euphorischen Berlin der Gegenwart; das ist auch der Titel eines abgefahrenen Comics. Und der kriegt so langsam Kultstatus. Nicht über Nacht und nicht überall, aber die Besucher der Website McSweeneys.net wissen, was sie an den Abenteuern des verkaterten Bären und seiner schrägen Freunde aus dem Tierreich haben. Wie knuffig ist allein seine amtliche Beschreibung: „Die Hauptfigur ist kein Antiheld, er ist einfach ein Bär in einem Pullover, der versucht, alles auf die Reihe zu kriegen.“ Dazu braucht, wer Hungover-Bears als Freunde hat, keine Feinde mehr.
Zu ihnen zählen Ant Rand, eine nach der kontroversen amerikanischen Autorin Ayn Rand benannte Ameise mit marktradikaler Ideologie, ein selbstgerechter Habicht und eine Ratte mit Realitätsverlust. Ausgedacht hat sich diese Truppe, deren bisweilen erschütternd rührende Dialoge aus zwei Teilen Scharfsinn und einem Teil Absurdität gemixt sind, die in Kalifornien geborene und zuletzt in Texas ansässige 32-jährige Berliner Künstlerin Ali Fitzgerald, die je nach Laune ihren eigenwilligen Geschöpfen auch gerne noch einen Hauch von Weltschmerz mitgibt.
Und vielleicht ist „Old Europe“ kein schlechter Ort, um sich das Innenleben eines nachdenklichen Tiers auszumalen: „Hungover Bear ist voller Tiefe“, sagt Fitzgerald, „jemand, der jenseits der Oberfläche leben will. Durch seine Sinnsuche wird er eben introspektiv, poetisch, melancholisch – und komisch. In den letzten Jahren ist er mehr und mehr zu einem wirklichen Wesen geworden. Manchmal gehe ich die Straße entlang, frage mich, was er jetzt wohl tun würde und spüre ihn beinahe neben mir.“ Daneben sei er natürlich auch ein Spiegel ihrer selbst, deutet die Künstlerin an – es gebe da gewisse Gemeinsamkeiten, auch jenseits der universellen Suche nach Liebe.
Untypisch für ihre Generation schreckt die von Expressionisten, Surrealisten, Dadaisten und zeitgenössischem Graffiti inspirierte Künstlerin, die sich selbst „irgendwo zwischen Michelangelo und MAD Magazin“ sieht, auch vor Pathos nicht zurück. Jene coole, nur an den Kreis der Eingeweihten adressierte und immer ein wenig augenzwinkernde Kunst, wie man sie derzeit häufig antrifft, ist absolut nicht ihr Ding: „Teilweise ist meine Arbeit auch eine Reaktion auf einige Aspekte zeitgenösssicher Kunst, wie sie sich in Berlin manifestiert – mich interessiert Ehrlichkeit. Das Persönliche. Die Hand.“
Was aber hat Ali Fitzgerald bewogen, eine mit Dozentenjob und beginnender Kunstkarriere vergleichsweise gesicherte Existenz in Austin, Texas, aufzugeben und sich auf den langen, mit zahllosen prekären Jobs gepflasterten Marsch nach Friedrichshain zu machen? „Mich haben die von Christopher Isherwood geprägten Vorstellungen einer Boheme fasziniert – und ich war auf dem besten Weg in ein spießiges Leben. Das war nicht das, was ich wollte“, erklärt Ali Fitzgerald.
Ihre neuesten, großformatigen Arbeiten auf Papier zeichnen sich durch „viktorianische Psychedelik“ aus: Symbolisch schwer aufgeladene Figuren verdichten sich in ornamentalen Strukturen von abgründiger Schönheit und erzählen von Liebe, Magie und Verlust. Zu entdecken sind diese an einem Ort, wie er kaum besser zu einer Künstlerin aus dem „Lone Star State“ und ihrem Bären mit dickem Kopf passen könnte – dem Hinterzimmer einer von einem tätowierten Texaner betriebenen Neuköllner Whiskeybar.

Text: Gunnar Lützow

Foto: David von Becker

New Drawings by Ali Fitzgerald
Keith Bar, Schillerpromenade 2, Neukölln, bis 13.12.

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