Jubiläum

Comics in der Gosse: 25 Jahre Modern Graphics

Vor 25 Jahren hat Micha Wießler in der Oranienstraße den Comicladen Modern Graphics eröffnet. Ein Gespräch über Geschäft und Leidenschaft

Modern Graphics, Foto: Tamara Dauenhauer
Modern Graphics und Betreiber Micha Wießler, Foto: Tamara Dauenhauer

tip Herr Wießler, wie sind Sie zu Comics gekommen, als Kind schon?
Micha Wießler Ja, natürlich. Als Kind hab ich alles verschlungen, Bücher, Romanhefte, alte Zeitschriften und das Größte überhaupt waren Comics! „Tim und Struppi“, „Prinz Eisenherz“,  „Superman“. Und dann kamen die Marvel-Hefte, und es war endgültig um mich geschehen.

tip Aus der Leidenschaft entstand dann die Idee, einen Laden zu gründen?
Micha Wießler Ja, aus Leidenschaft aber auch als Geschäftsidee. Ich war mit dem Studium fertig und wollte lieber was eigenes machen. Es herrschte eine Aufbruchstimmung in der Szene, allerdings war es kurz nach der Wiedervereinigung recht schwer einen bezahlbaren Laden in Berlin zu finden. In der Oranienstraße mitten in Kreuzberg 36  wurden wir fündig. Ein Mitbewerber hat daraufhin kolportiert, wir hätten „in der Gosse Berlins“ eröffnet. Leicht war das viele Jahre nicht, aber ich wollte nicht mehr weg.

tip Wie sah 1991 die Berliner Comic-Landschaft aus?
Micha Wießler In West-Berlin gab es die alten Hasen, Seyfried, Hansi Kiefersauer und viele Cartoonisten aus dem „Zitty“-Umfeld. Aus dem Osten kamen seit dem Mauerfall die mehr grafisch orientierten Künstler wie Anke Feuchtenberger, Atak und die ganze Renate-Crew um Peter „Auge“ Lorenz. Das fand ich alles spannend. Und im selben Jahr gründete auch Dirk Rehm den Reprodukt Verlag, und wir waren gleich auf der selben Wellenlänge.

tip Hat sich die Wahrnehmung von Comics und ihr Publikum verändert im Laufe der letzten 25 Jahre?
Micha Wießler Anfang der 90er wurden Comics als „Neunte Kunst“ neu wahrgenommen, aber auch auf ein unnötiges edles Umfeld gehoben. Jedes Material wurde auf Albenformat aufgeblasen, es gab jede Menge limitierte Ausgaben, Siebdrucke und andere schicke Objekte. Und die wöchentlichen Heftserien aus den USA.

tip Sie haben anfangs ausschließlich Sammler und Freaks mit Stoff versorgt?
Micha Wießler Fast alles war ein Sammlermarkt. Die Kunden für diese klassischen Comicsegmente waren in erster Linie Männer. Zur gleichen Zeit gab es aber auch eine Entwicklung Richtung alternativer, oftmals autobiografischer Inhalte. In Kreuzberg hatten wir dafür ein offenes Publikum und ungewöhnlich viele weibliche Leserinnen. Die fanden das toll: Tank Girl, Julie Doucet, Love&Rockets.
Heute sind Frauen als Kunden selbstverständlicher, Comics als Medium akzeptierter, auch ohne den überhöhten „Neunte Kunst“-Anspruch von damals.  Comics können Kunst sein, aber lange nicht alle sind es oder wollen es sein.

tip Mittlerweile betreiben Sie drei Läden, sind Comics jetzt Mainstream?
Micha Wießler In gewisser Weise ja, die Akzeptanz ist größer, die Inhalte sind vielfältiger geworden und sprechen breitere Zielgruppen an. Trotzdem sind die Auflagen nach wie vor gering und kein Vergleich zum Belletristikmarkt.

tip Und was steht jetzt für die kommenden 25 Jahre an?
Micha Wießler Noch viele gute Comics lesen und empfehlen! Wir müssen einerseits mit anderen Medien um die Zeit und das Budget des Konsumenten konkurrieren und andererseits mit dem Onlinehandel. Dagegen halten wir den eigenen Versandservice und das stärkere Einkaufserlebnis vor Ort. Bücher und Comics in die Hand nehmen, blättern, Autoren und Gleichgesinnte bei Veranstaltungen treffen. Das gilt es auszubauen und zu pflegen. Und das war auch der Grund für unseren neuen Laden im Prenzlauer Berg.

25 Jahre Modern Graphics

Filialen:
Oranienstr. 22, Kreuzberg
Tauentzienstr. 9–12 (Europa-Center), Charlottenburg;
Kastanienallee 79, Prenzlauer Berg;

www.modern-graphics.de

GEBURTSTAGSLESUNG: Mawil und Hamed Eshrad: Galerie Knoth & Krüger, Oranienstr. 188, Kreuzberg, Fr 11.11., 20 Uhr
GEBURTSTAGSPARTY mit Bands, Performances und DJs: Südblock, Admiralstr. 1–2, Kreuzberg, Fr 11.11., 21 Uhr

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