Malerei

Cornelia Schleime in der Berlinischen Galerie

Schmutziges Malen: Sie ist eine Künstlerin, die notorisch unterschätzt wird, weil sie so subtil mit den Codes der Gefälligkeit spielt. Doch nun hat Cornelia Schleime den Hannah-Höch-Preis und eine Einzelausstellung in der Berlinischen Galerie bekommen. Und eine super interessante Ost-West-Biografie hat sie sowieso

Foto: Harry Schnitger

Foto: Harry Schnitger

Wenn Cornelia Schleime mit ihrer wunderbar forschen Reibeisenstimme lossprudelt, sind die ersten ungestellten Fragen im Nu beantwortet. Am liebsten würde sie ihre Arbeiten überhaupt nicht verkaufen, erklärt die Künstlerin, das sei ja sozusagen ihre Seelenenergie. In der Dachwohnung in Prenzlauer Berg und in ihrem Atelier auf dem Land in der Nähe von Neuruppin ist sie umgeben von ihren Bildern, und diese wegzugeben, würde ein großes inneres Loch hinterlassen. „Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass ich fast mein ganzes Frühwerk verloren habe“, sinniert Schleime.
1984 durfte sie endlich nach mehreren Ausreiseanträgen die DDR verlassen, musste das aber innerhalb von 24 Stunden tun. Als sie später ihre Ölbilder, Plastiken, Keramiken und Zeichnungen in den Westen transportieren lassen wollte, waren diese ominöserweise aus der alten Wohnung verschwunden. Lediglich ein paar Super-8-Filme, Bildtagebücher und Dokumentationen ihrer Selbstinszenierungen schafften es in einer Kiste verstaut mithilfe von westdeutschen Diplomaten über die Grenze.
1953 in Ostberlin geboren und aufgewachsen, rebellierte Cornelia Schleime mit 17 gegen die katholische Erziehung ihrer Eltern und trat aus der Kirche aus. Sie wollte Künstlerin werden und selbstbestimmt leben. Nach einer Friseurlehre zog sie von Ostberlin nach Dresden, um dort zunächst Maskenbildnerei und schließlich, nach einer Ausbildung als Pferdepflegerin, an der Hochschule für Bildende Kunst Grafik und Malerei zu studieren.

Sie wurde Teil der alternativen Dresdener Kunstszene, experimentierte mit neuen Ausdrucksformen außerhalb der offiziellen, in der DDR propagierten Kunstdoktrin und beteiligte sich an illegalen Ausstellungen. 1980 gründete sie zusammen mit Ralf Kerbach die Punkband Zwitschermaschine und trat mit Körperaktionen auf. Nachdem sie 1981 faktisch Ausstellungsverbot erhielt, kehrte die Künstlerin nach Berlin zurück und drehte Super-8-Filme, während sie auf ihre Ausreisegenehmigung hoffte.
Die Übersiedlung nach Westberlin sollte eine weitere wichtige Etappe in ihrem Künstlerinnendasein bilden. Malerei war im Westen gerade out, aber für Trends und Gruppendynamik hatte Carola Schleime sowieso nicht viel übrig. Sie malte wie besessen Bilder in dem Stil der Arbeiten, die sie verloren hatte. 1989–1990 war sie mit einem Stipendium in New York. Auch dort wollte sie sich nicht an die Trends anpassen und malte über zwei Meter hohe Porreestangen in Referenz an die Skyline von Queens. „Ich hatte es ja erst schwer im Westen“, erzählt Schleime, „alles war so cool, und ich stand da mit so ’nem alten Pelzmantel rum, wirkte irgendwie wie aus der Zeit gefallen.“ Aber in New York war sie dann angekommen, und da wurde in Deutschland die Mauer geöffnet.
„Ich hatte mich endlich akklimatisiert, und dann kroch mir der Osten wieder hinterher.“ Unter anderem mit der Enthüllung eines engen Freundes als Stasispitzel. Nach Einsicht ihrer Akten entstand in den 1990er-Jahren die Serie „Bis auf weitere gute Zusammenarbeit“ mit ironischen Selbstinszenierungen zu Zitaten aus den Bespitzelungstexten.
Ihre wechselnden Aufenthalte in der Stadt und auf dem Land, das sind für Schleime einmal Zeichnen und Schreiben und dann heftiges, schmutziges Malen, „in der Farbe rühren, im Dreck“. Durch mit Leim gebundenen Sand – oder auch Kaffeesatz – zerstört sie glatte Oberflächen und gießt auch Spiritus oder verdünnten Schellack über aufgemalte Farben. Das Ergebnis ist diese anziehende Mischung aus gefälligen Bildern voller schroffer Brüche und Widerhaken. „Mich interessiert die Frage nach dem Sein und nach dem Sinn, deshalb sind bei mir auch die Menschen in den Bildern so wichtig“, erklärt die Künstlerin. „Aber das ist kein Trend, das ist eine existenzielle Frage.“
Kunstmessen und diese „ganze Eventscheiße“ sind ihr ein Graus, dabei ist die quirlige Künstlerin mit dem erfrischenden Berliner Dialekt alles andere als in sich gekehrt. „Ich würde eigentlich gerne ein Haus auf Rädern haben“, sagt Cornelia Schleime. „Beim Reisen kann ich total Kind sein, ich glaube, das ist für mich das perfekte Leben, das Staunen nicht zu verlernen.“

Cornelia Schleime, Eisvögelin, 2016, Privatbesitz, © Cornelia Schleime, Repro: Bernd Borchardt

Cornelia Schleime, Eisvögelin, 2016, Privatbesitz, © Cornelia Schleime, Repro: Bernd Borchardt

Ein ganzer Schrank ist mit ihren Reisetagebüchern gefüllt. Liebevoll angefertigte Malbücher mit Berichten, Skizzen und Collagen. „Da ist Kuba, Türkei, England, Irland, Griechenland, Italien, Amerika, Hawaii, Sansibar, Marokko, von Afrika allein gibt es fünf Bücher“, zählt die Künstlerin auf. Im Begleitband zur Ausstellung gebe es Auszüge davon, und das sei ihr das Wertvollste an diesem Katalog. „Ich bin ja nicht diejenige, die schöne Aquarelle und kräftige Bilder malt. Dieses Collage-artige in den Reisebüchern ist ein ganz wichtiger Strang von mir, dieses Verspielte.“
Die diesjährige Retrospektive aus Anlass der Verleihung des Hannah-Höch-Preises vom Land Berlin freut sie ungemein. Mit Ausstellung und Katalog gibt es nun einen umfassenden Überblick über ihr vielfältiges Lebenswerk.

Cornelia Schleime. Ein Wimpernschlag Hannah-Höch-Preis 2016, Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 25.11.–24.4.17

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