Kommentar

Corona, der Rassismus-Trigger

Menschen, die in der U-Bahn tuscheln und sich wegsetzen, wenn asiatisch aussehende Menschen in der Nähe sind, ein Frauenarzt, der sich weigert, eine Chinesin zu behandeln: Das Corona-Virus lässt zu Tage treten, wie tief Rassismus in Berlin verwurzelt ist

Die Angst vor dem Corona-Virus schlägt sich auch in den Umsätzen mancher chinesischer Restaurants nieder. Foto: imago images / Steinach

„Ich habe das Gefühl, die Berliner waren schon immer rassistisch”, sagt Sarytanee Chanta.* Aber das Corona-Virus bringe den Rassismus mehr zum Vorschein und verändere die Art, wie er sich äußert. “Es funktioniert wie ein Trigger.” Chanta ist Berlinerin und sieht asiatisch aus. Ein Elternteil kommt aus Thailand, das andere aus der Türkei. Seit Mitte Januar fährt Chanta kaum noch U-Bahn. Der Grund: das Virus. “Die Leute gucken mich besonders lange an und tuscheln. Die Blicke sind haben sich auch verändert. Irgendwie sind sie böser geworden”, sagt Chanta. Vor ein paar Tagen hätten sich zwei Jugendliche sogar mit den Worten “die hat bestimmt Corona” weggesetzt. 

Es gibt Momente, da ist man versucht zu glauben, Berlin sei eine paradiesische Insel. Ein Ort, an dem Multikulturalismus funktioniert und rassistische Vorurteile weniger stark sind, eben weil Menschen verschiedenster Kulturen eng nebeneinander und miteinander leben. Das mag einerseits stimmen, wenn man sich im Vergleich die brandenburgischen, bayerischen und niedersächsischen Dörfer und die mittelgroßen Städte ansieht. Andererseits kann man Berlin vielleicht nur so positiv sehen, wenn man zur weißen Mehrheit gehört. Das Corona-Virus macht das in besonderem Maße deutlich.  

Stigmatisierung wie bei SARS

Chanta ist von einer Art Rassismus betroffen, der mit der Corona-Epidemie verstärkt zu Tage tritt: Menschen haben Angst, von asiatisch aussehenden Menschen angesteckt zu werden, ungeachtet davon, ob es sich um Chines*innen handelt oder ob die Menschen kürzlich in China waren. Wer chinesisch aussieht, gilt als Gefahr für die Gesundheit. Rassistische Stereotype wie das Vorurteil, dass Chines*innen alles äßen und obendrein unhygienisch seien, werden dadurch verstärkt. In Toronto konnte man diese Stigmatisierung beobachten, als die SARS-Epidemie 2003 wütete. Chinesische Restaurants seien damals leer geblieben und Menschen hätten den Kontakt zu asiatisch aussehenden Personen vermieden, schreiben die beiden Stadtforscher Roger Keil und Harris Ali. 

Chanta hat schon oft in ihrem Leben Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung gemacht: zum Beispiel als Hostess auf einer Messe, als eine Reihe von Besucher*innen sie ganz selbstverständlich mit „Ni Hao” ansprachen, dem chinesischen Ausdruck für „Guten Tag.” “Ich sage doch auch nicht zu jedem europäisch-aussehenden Menschen „Salut”” sagt Chanta dazu. Ein anderes Beispiel: Chanta ist oft mit einem Freund unterwegs, der ebenfalls asiatisch aussieht. Schon oft hätten Menschen beim Anblick des Freundes gesagt: Oh, Jackie Chan kommt, berichtet Chanta.

„Diese Erlebnisse sind nicht schön. Aber da hatte ich das Gefühl, dass das mehr ein akzeptierender Rassismus ist, dass die Leute das eigentlich nicht böse meinen”, sagt Chanta. Das habe sich aber mit dem Corona-Virus geändert. Sie erzählt von einer Freundin mit chinesischem Pass, die bei ihrem Frauenarzt abgewiesen wurde, weil sie Chinesin ist. Die Sprechstundenhilfen schickten sie mit dem Verweis auf die Sicherheit der anderen Patientinnen weg. Ihre Freundin sei seit Jahren nicht mehr in China gewesen, wollte sogar ihren Pass vorzeigen, um das zu beweisen, sagt Chanta. Behandelt wurde sie trotzdem nicht. „Es fühlt sich so an, als habe sich ein genereller Hass gegenüber asiatisch aussehenden Menschen breit gemacht”, sagt Chanta. Ein trauriger Beleg für ihren Eindruck: Am vergangenen Freitag haben zwei Frauen eine Chinesin an der Beusselstraße rassistisch beleidigt, bespuckt und an den Haaren gezogen. 

Weniger Gäste im China-Restaurant

Auch Xiaoying Du spürt die Ressentiments gegenüber Chines*innen. Seit 20 Jahren führt sie ein chinesisches Restaurant an der Kantstraße. In dem Restaurant, das besonders für seine Nudelsuppen bekannt ist, sind an diesem Mittwoch Nachmittag nur drei von etwa 30 Tischen besetzt. “Letzte Woche ging das Geschäft sehr schlecht”, sagt Du. “Ich habe weniger als die Hälfte Umsatz gemacht.” Du macht das Virus für die schlechten Geschäfte verantwortlich. 

Sie ist nicht die einzige, deren Geschäfte unter dem Virus leiden: Auch im Dong Xuan Center, dem Einkaufszentrum, in dem Händler*innen alles von Essen über Geschirr bis Kleidung anbieten, ist man sich sicher, dass seit dem Ausbruch des Virus weniger Menschen zum Einkaufen kommen. Und das, obwohl im Dong Xuan Center hauptsächlich Vietnames*innen ihre Waren verkaufen. 

Es gibt eine begründete Angst vor dem Virus. Wenn Menschen aus dem Verbreitungsgebiet in China nach Deutschland einreisen, besteht tatsächlich die Gefahr, dass sie das Virus weitergeben. Deshalb wurden zum Beispiel Flüge aus China nach Berlin gestrichen – das chinesische Neujahrskonzert hier fällt deswegen aus. Das hat aber nichts mit den Menschen zu tun, die in Berlin leben und asiatisch aussehen.  

Die Ablehnung vieler Berliner*innen gegenüber Menschen mit asiatischem Äußeren bekommen auch Kinder zu spüren. Xiaojings zwölfjähriger Sohn Felix Du sagt: “Seit ungefähr einer Woche habe ich immer einen Sitzplatz in der U-Bahn und die Sitze neben mir bleiben meistens auch frei.”  Xiaoying Du gibt auch den Medien Schuld für den Rassismus-Ausbruch: „Ich kann ja verstehen, dass Menschen Angst haben, sich anzustecken. Aber haben Sie das Cover des Spiegel gesehen? Da ist es ja kein Wunder, dass die Menschen Angst in Panik ausbrechen”, sagt Du. Das Cover des Magazins zeigt einen Chinesen mit Schutzanzug und Atemmaske, darüber steht in gelben Lettern: „Made in China.” 

Man könnte unterstellen, dass das Cover mit seinen gelben Buchstaben und der Aufmachung des Bildes eine Reminiszenz an koloniale Zeiten und den Begriff „Gelbe Gefahr” ist. Das Wort stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts, der Zeit, als Deutschland sich als Kolonialmacht versuchte. Um die Kolonialisierung anderer Völker zu rechtfertigen, führte man die absurdesten Argumente an. Zwei der beliebtesten: Die Kolonialisierten seien weniger menschlich oder nicht zivilisiert, deswegen tue man ihnen mit der Kolonialisierung einen Gefallen. Im Fall von China schürte man den Glauben, von den Chines*innen ginge eine besondere Gefahr aus, weil sie gewalttätig oder unhygienisch seien. 

Die Erfahrungen Chantas und Dus zeigen: Auch im vermeintlich toleranten Berlin gehen viele Menschen anscheinend davon aus, dass jemand, der anders aussieht, also zum Beispiel asiatische Gesichtszüge hat, Immigrant*in sein muss. Das Deutsch-Sein wird anders aussehenden Menschen damit abgesprochen, sie werden als Außenseiter*innen und als Gefahr gebrandmarkt. Auch wenn das eigentlich klar sein sollte: Rassismus, auch wenn er von Angst statt von Hass verursacht wird, verletzt die Betroffenen.

* Name von der Redaktion geändert

Aktualisiert am 10. Februar, 10.34 Uhr