Stadtleben und Kids in Berlin

Corona und Politik: Fragwürdige Entscheidungen – ist nun Krise oder nicht?

Ich musste raus, es ging nicht anders. Nicht wegen eines eintretenden Lagerkollers. Sondern  weil ich ein paar Grundnahrungsmittel brauchte. Kommt vor, auch in Zeiten von Corona, und da mein Freund und ich nicht wirklich hamstern, braucht es ab und an Nachschub. Draußen stellt sich die Frage: Corona und Politik: Ist nun Krise – oder nicht?

Corona und Politik: Ein leeres Touristenboot - ist nun Krise oder nicht.
Corona und Politik: Ist nun Krise oder nicht? Einerseits bleibt alles irgendwie betriebsam, andererseits ist das gefährlich. Oder? Foto: Imago/Future Image

Der Weg zu meinem Supermarkt führte an einem Park vorbei, Cafés, einem Spielplatz, mehreren Friseursalons.

Im Park: Eine Gruppe junger Frauen, die zusammen Sport machen, sich dabei ab und an in die Arme fallen.

Auf dem Fußweg: Mütter, die mit Kindern spazieren gehen. Auf dem Spielplatz: noch mehr von ihnen.

Im Café: ein paar Herren, die ein Pils in der Sonne trinken.

Auf der Baustelle: ein paar weitere Männer, die heftig ackern.

Achja, der Friseur: voll. Jeder Stuhl. Die Barbiere sitzen nach Feierabend sicher wieder im Stuhlkreis vor dem Salon, lachen, berühren sich. Wie gestern schon. Und morgen wohl auch. Bilder einer Stadt im Corona-Ausnahmezustand.

Corona und die Politik: Zwischen Notfallklinik und geöffnetem Buchladen

Dann die Pressekonferenz des Senats. Eine Gesundheitssenatorin, die die Parks offen lassen will. Und die Spielplätze. Und den Zoo – gar nicht wissend, dass der seinen Mitarbeitern zuliebe schon dicht gemacht hat. Es ist die Pressekonferenz, von der ich mir radikale Einschnitte erwartet hätte. Klar, viele Geschäfte müssen nun ab morgen schließen. Supermärkte und Drogerien nicht, das ergibt Sinn. Der Buchhandel demnach aber auch nicht. Warum? Ist nun Krise – oder nicht?

Man zieht in Berlin eine Notfall-Corona-Klinik mit der Bundeswehr hoch und ich soll nach 18 Uhr nicht mehr ins Restaurant. Kann ich um 16 Uhr kein Corona bekommen oder – bei mir als 35-Jährigem die größere Gefahr – verteilen?

Es ist so sagenhaft halbherzig, wenn ich einerseits dauerberieselt werde, dass jeder menschliche Kontakt die höchstmögliche Gefahr darstellt. Gleichzeitig so viele Firmen in Pseudo-Sicherheitsbetrieb gehen (wie oft ich jetzt schon hörte, dass irgendwo Schreibtische auseinandergezogen wurden – aber alle in die gleiche Küche, aufs gleiche Klo gehen). Einerseits Experten warnen, jetzt die daheimgebliebenen Kinder irgendwo im Häuserblock privat kollektiv zu betreuen. Andererseits Politiker sagen, man könne Kindern ja erklären, sie sollten sich auf den weiterhin geöffneten Spielplätzen nicht anfassen. Klappt nicht. Sehe ich sogar von meinem Fenster aus.

Wo is die Ausgangssperre? Ist das nur ein softer Start?

Berlin gibt an, man sei der Bundesregierung ein Stück weit gefolgt. Förderalismus ist in vielerlei Hinsicht sicher eine feine Sache. Warum aber empfindet die eine Landesregierung das als gefährlich, was die andere zulässt?

Solange die Menschheit – und zumindest zeigt sich vielen meiner Bekannten und mir dieses Bild derzeit immer noch, wenn ich nach draußen schaue – ein Haufen Egoisten und Ignoranten ist, muss es klare Regeln geben. Keine „Corona-Partys“ in Berliner Parks, keine gut gelaunten Klön-Kreise im Café des Vertrauens. Keine Sportgruppe. Kein Beitrag im „Morgenmagazin“ der ARD, in dem eine Reporterin losgeschickt wird, Leute zu fragen, warum sie nicht zuhause bleiben. Und dabei, ja ach, nun auch draußen und unter Leuten ist.

Ganz oder gar nicht. Was derzeit passiert, ist ein – oberflächlich ja sogar verständlicher – Versuch, irgendwie eine Rest-Normalität zu wahren. Zwischen deutschem Regelungsflickenteppich und einer diffusen Angst, zwischen Solidarität und asozialem Verhalten, ist es aber auch naiv. Oder anders formuliert: Was im Land, in Berlin geschieht, ergibt keinen Sinn.

Ganz oder gar nicht? Wenn Corona so gefährlich ist, wie wir annehmen, ist es Zeit für Ganz.

Unser neues Sozialleben 2.0 – wie Corona uns zwingt, Freundschaft neu zu denken. Nicht nur Rumsitzen: Sport in Zeiten der Corona. Aber lieber die Yogamatte wegräumen, wenn der Chef Videokonferenz machen will – die besten Tips fürs Corona-Home-Office. Berlin informiert fortwährend online.