Interview

Corona und häusliche Gewalt: Warum #stayhome für viele Frauen ein Problem ist

Die Corona-Krise zwingt uns in unsere Wohnungen, #stayhome ist das Motto der Stunde. Doch für viele Frauen ist genau das ein Problem, weil sie wegen ihrer gewalttätigen Partner zu Hause nicht sicher sind. Sarah Trentzsch koordiniert die Hotline vom Verein BIG e.V., also der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen. Wir haben mit ihr über häusliche Gewalt gesprochen.

Die Corona-Krise ist für Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, ein noch größeres Problem als für viele andere. Foto: Symbolbild, imago images / MiS

tip Frau Trentzsch, warum ist die Corona-Krise für Betroffene von häuslicher Gewalt besonders problematisch?

Sarah Trentzsch Die Isolation dramatisiert die Situation von Frauen, die zu Hause Gewalt erleben. Die Möglichkeiten, die Wohnung zu verlassen werden weniger und die Hemmung, raus zu gehen, ist größer. Genauso ist die Hemmung, niedrigschwellige Hilfe in Anspruch zu nehmen, viel größer. Das heißt, die Betroffenen trauen sich möglicherweise weniger, eine Hotline wie unsere anzurufen oder mit Freunden oder Familienmitgliedern zu sprechen. 

tip Liegt das auch daran, dass die Menschen für lange Zeit auf engem Raum zusammen sind?

Sarah Trentzsch Es ist gut möglich, dass die Gewalt in Familien und Partnerschaften, wo es eh schon eine Gewaltdynamik gibt, durch die Isolation eskaliert. Wenn die gewaltausübende Person immer da ist und die andere Person kontrolliert, haben die Betroffenen weniger Gelegenheiten, Hilfe zu suchen. Die Möglichkeiten, in Ruhe zu telefonieren und offen zu sprechen schrumpfen schlicht. Deswegen können wir nur hoffen, dass die Frauen die Möglichkeit haben und nutzen, um spazieren zu gehen und uns anzurufen.   

tip Ist in diesem Kontext der Hashtag #stayathome nicht auch problematisch? 

„Man kann von keiner Person, die zu Hause Angst hat, die Wohnung nicht zu verlassen“

Sarah Trentzsch Es ist natürlich richtig, sich an die Maßgaben der Expert*innen Regierung zu halten. Aber man kann wirklich von keiner Person erwarten, die zu Hause Angst hat oder sich in einer bedrohlichen Situation befindet, die Wohnung nicht zu verlassen. Da will ich die Frauen wirklich ermutigen: Gehen Sie raus, wenn Sie zu Hause nicht sicher sind. Auch jetzt in der Corona-Krise. Rufen Sie die Polizei oder rufen Sie unsere Hotline an.Wir können die Situation mit Ihnen sortieren und Sie darüber informieren, wo Sie Schutz suchen können. 

tip Bekommen Sie denn seit Beginn der Corona-Krise mehr Anrufe?

Sarah Trentzsch Dazu können wir noch nichts sagen, dafür ist es zu früh. 

tip Hat es Nachteile, dass sie jetzt keine persönliche Beratung mehr anbieten können? 

Sarah Trentzsch In einem persönlichen Gespräch kann man natürlich viel besser eine Beziehung zu den Frauen aufbauen oder Hemmschwellen abbauen, die die Frauen möglicherweise haben. Wir können auch, wenn nötig, die Unterlagen anschauen, die die Betroffenen mitbringen.Das ist schon was anderes am Telefon. Andererseits haben wir viel Erfahrung und können auch am Telefon die richtigen Fragen stellen.   

„Ich rate ausdrücklich dazu, die Polizei zu rufen“

tip Welche Ratschläge haben sie für Personen, die sich jetzt mit gewalttätigen Menschen eine Wohnung teilen müssen? 

Sarah Trentzsch Wenn die Situation eskaliert oder bedrohlich wird, rate ich ausdrücklich dazu, die Polizei zu rufen. Die Polizei fährt nach wie vor Einsätze und kann auch Wegweisungen gegenüber der Gewalt ausübenden Person aussprechen. 

tip Was, wenn die Frauen nicht gleich die Polizei rufen wollen? 

Sarah Trentzsch Dann ermutige ich sie, einfach bei uns anzurufen oder eine E-Mail zu schreiben. Bei uns können sie sich zu ihrer individuellen Situation beraten lassen und einen Sicherheitsplan besprechen. Das heißt, sie können erfahren, was ihre Möglichkeiten sind, was es für Orte gibt, was sie mitnehmen sollten und wen sie informieren könnten. Außerdem haben wir natürlich auch immer die aktuellen Informationen darüber, wo Plätze in Frauenhäusern frei sind und welche Alternativen es gibt. Darüber hinaus ist es immer gut, der Isolation zu entkommen, indem man erstmal einfach mit irgendwem spricht, seien es Freunde oder Verwandte oder Fachpersonen. Möglicherweise können sie auch auch überlegen, ob es Orte gibt, an denen sie sicherer sind.

„Es gibt zu viele Übergriffe, die die Frauen und Kinder nicht überleben“

tip Wie sollten Nachbar*innen handeln, wenn sie häusliche Gewalt im Wohnkomplex vermuten? 

Sarah Trentzsch Man sollte auf jeden Fall die Polizei rufen, wenn man das Gefühl hat, dass ein Mensch misshandelt wird. Die Polizei muss hinfahren und sich das angucken. Wenn die betroffene Person sagt, dass alles in Ordnung ist, dann fährt die Polizei ja auch wieder. Aber sicher ist sicher. Die Situation kann lebensbedrohlich sein für die Betroffenen. Es gibt leider viele massive Übergriffe, die die Frauen und Kinder nicht überleben. Also lieber einmal zu viel die Polizei rufen als einmal zu wenig. 

tip Kann ich die Frau auch im Treppenhaus ansprechen, wenn die gewalttätige Person gerade nicht da ist? 

Sarah Trentzsch Auf jeden Fall. Es ist immer hilfreich, die Frauen darauf anzusprechen, zu sagen, dass man sich Sorgen macht oder zu fragen, ob es ihnen gut geht. Man kann auch anbieten, dass sie in die eigene Wohnung kommen kann, um von dort aus eine Beratungsstelle anzurufen. Natürlich ist es auch wichtig, sich selbst nicht in Gefahr zu bringen und unter Umständen Hilfe zu holen. 

„Jetzt werden weniger Plätze in den Frauenhäusern frei“

tip Wirkt sich die Krise auch auf die verfügbaren Plätze in den Frauenhäusern aus? 

Sarah Trentzsch Ja, und damit auch auf die Frauen. Es gab vorher schon nicht genug Plätze in den Frauenhäusern und jetzt werden weniger frei, weil im ganzen System weniger Bewegung ist. Frauen, die jetzt gerade im Frauenhaus sind, werden wahrscheinlich auch länger da bleiben. Sie können ja jetzt keine Wohnungen suchen oder umziehen. Uns fällt jetzt auf die Füße, dass es schon vorher zu wenig Plätze gab. Es ist zwar schon seit längerem im Gespräch, dass es neue Plätze geben soll. Dazu gibt es auch einen Finanzierungsplan. Allerdings sind solche Prozesse sehr zäh. Es ist nicht so leicht, die ganze Infrastruktur aufzubauen und zum Beispiel passende Gebäude zu finden. Das ist ein Problem, vor allem jetzt, wo eigentlich alles sehr schnell gehen müsste. 

tip Zu häuslicher Gewalt gehört laut der BIG-Homepage auch seelische Gewalt. Handy wegnehmen, beschimpfen, schlecht behandeln zählt danach dazu. Woher weiß ich, ob es sich wirklich um seelische Gewalt handelt? 

Sarah Trentzsch Da ist eine Gewaltdynamik mit Machtgefälle zentral. Wenn die Gewalt von einer Person ausgeht und die andere sie einsteckt, wenn sie versucht, der Gewalt aus dem Weg zu gehen und sich anpasst, dann gibt es ein Machtgefälle. Das zeigt sich daran, wenn Frauen versuchen, dem Partner immer alles Recht zu machen, ihre Bedürfnisse nicht formulieren und versuchen, nicht aufzufallen. Einfach, um nicht angeschrien, beleidigt oder klein gemacht zu werden. Wenn sich eine Person immer weiter ausbreitet und die andere Person sich immer weiter einschränkt. Dann sprechen wir von häuslicher Gewalt. 

„Im Rechtssystem fehlt etwas“

tip Kann man seelische Gewalt anzeigen? 

Sarah Trentzsch Es gibt ein paar Delikte, die man anzeigen kann. Die stehen in der Justiz aber einzeln nebeneinander. Dazu gehören zum Beispiel Erpressung, Nötigung, Diebstahl, Verleumdung, Beleidigung, Bedrohung und Nachstellung. Aber wenn man jemanden anzeigt, hat das nicht unbedingt Konsequenzen, weil die Prozesse auch da sehr zäh sind. Deswegen würde ich mich zuerst beraten lassen oder vielleicht auch mit einer Anwältin sprechen. 

tip Wenn sie sagen, dass das alles einzeln nebeneinander steht, heißt das, dass das Rechtssystem häusliche Gewalt als Problemkomplex nicht richtig auf dem Schirm hat? 

Sarah Trentzsch Es fehlt im Rechtssystem tatsächlich etwas, eine Richtlinie oder so, mit deren Hilfe sich all diese Delikte dem Thema häusliche Gewalt zuordnen und deswegen auch anders verfolgen lassen. Andererseits wissen die meisten Jurist*innen in der Rechtspraxis um das Thema häusliche Gewalt. Einfach, weil das ein riesiges gesellschaftliches Problem ist und die das ständig auf dem Tisch haben. Sowohl die Polizei, als auch Anwälte, Staatsanwälte und Richter. Das ist ja nichts Neues. Eine Anpassung der Gesetze wäre trotzdem gut.     

BIG steht für „Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen“ und ist ein Verein mit drei Arbeitsbereichen: BIG Koordinierung, BIG Prävention und BIG Hotline. Sarah Trentzsch ist die Koordinatorin der BIG Hotline. Die Hotline mit der Rufnummer 6110300 bietet eine telefonische Beratung täglich von 8.00 bis 23.00 Uhr und eine niedrigschwellige aufsuchende Beratung an. Außerdem begleiten die Mitarbeiterinnen die Frauen bei Bedarf zu Behörden, um ihnen bei ihren ersten Schritten aus der Gewaltsituation zur Seite zu stehen. Wer nicht am Telefon sprechen kann oder will, kann auch einfach eine E-Mail an [email protected] schreiben.


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