STADTTEIL-SERIE

Corona-Spaziergänge: Von Kreuzberg zum Treptower Park und zurück

Der vierte Corona-Spaziergang führt unseren Autor Bert Rebhandl von Kreuzberg bis zum Treptower Park. Normalerweise schreibt er Filmkritiken, jetzt ist er auf der Suche nach neuen Routinen, um den Alltag im Schatten der Pandemie zu bewältigen.

In diesen Zeiten braucht der Mensch ein wenig Struktur. Ich auch. Die Struktur beginnt jeden Tag kurz vor drei. Davor arbeite ich, zu Hause, das bin ich gewöhnt, ich musste kaum etwas umstellen. Gegen drei gehe ich essen. Es hat zwar kaum mehr etwas offen, aber die Kantine in der Markthalle Neun kocht noch. Da gehe ich auch in den guten Zeiten oft hin, also musste ich auch da nicht viel ändern, ich esse dann halt open air am Lausitzer Platz. Und dann bin ich auch schon direkt am Start meiner (fast) täglichen Ertüchtigung.

Schild im Treptower Park in Berlin. Wegen der Corona-Pandemie hat jemand "Pest" drauf geschrieben
Corona-Spaziergang durch den Treptower Park. Es ist leer, aber es ist nicht die Pest, die uns bedroht.

Ich gehe vom Görlitzer Park nach Treptow, bis zur S-Bahn-Station Baumschulenweg. Neulich habe ich das einmal abgemessen: es sind genau acht Kilometer. Das passt gut. Acht Stunden sind kein Tag, so hieß eine Serie von Fassbinder. Dem halte ich entgegen: acht Kilometer sind ein Tag. Ein guter. Wenn ich dieses Pensum schaffe, fühlt sich der Abend anders an, und sogar noch der nächste Morgen. Und dann habe ich ja schon wieder die Perspektive auf den Nachmittag.

Berlin und Corona: Auf der Suche nach einem Rhythmus

Die Strecke ist sowieso ein Berlin-Klassiker, sie nimmt einfach eine Menge mit von der spannenden Topographie dieser so flächigen Stadt. Am Görli muss ich zuerst einmal mehrfach abwinken: ich zähle nicht zu der Kundschaft, die sich hier wohl nach wie vor was fürs Gemüt holt. Auch einen Yoga-Virtuosen, der auf den Ruinen seine Stellungen durchgeht, beachte ich nur flüchtig. Ich suche noch meinen Rhythmus, das ist auch gar nicht so leicht, weil sich dauernd der Untergrund ändert. Auf Asphalt durchquere ich den Krater, am Ende des Parks kommt dann Kies, da folge ich dem Verlauf der früheren Eisenbahn. Noch ist alles nur Vorspiel, die Schritte bekommen aber schon ein wenig Spannung, der Körper richtet sich auf. Die Vegetation ist noch dürftig, so richtig großartig ist dieser Weg erst ab Mai, wenn es saftig grün ist.

Leere Wiesen im Treptower Park in Berlin. Eine einsame Person meditiert inmitten der Corona Pandemie.
Im Schatten des Allianz-Towers: Einsame Meditation im Treptower Park

Bei der Elsenstraße, an der das Park Center Treptow liegt, das natürlich geschlossen ist, muss ich für ein paar Minuten auf eine Straße, weil ich ja rüber muss ans Wasser. Bei den Kiosken am Hafen Treptow war vor einer Woche noch mächtig Betrieb, letzten Samstag dann schon deutlich ruhiger. Eine Freundin, die sich mir mit dem Rad angeschlossen hatte, wollte diese Stelle trotzdem unbedingt vermeiden: Sie wollte um keinen Preis womöglich auf einem Foto auftauchen, das dazu beitragen mochte, dass am Sonntag eine Ausgangssperre käme. Kam dann ja auch nicht.

Jetzt wird es allmählich ein wenig sportlich. Die Spree zur Linken, geht es nun wieder auf Asphalt dahin. Verkehrsteilnehmer jeglicher Art finden wie von selbst ein Einvernehmen: Leute mit Kinderwagen, Jogger, Flaneure, Paare, Passanten, Peripatetiker. Für das, was ich tue, passt am ehesten ein englisches Wort: ich mache einen „power walk“. Nur einige Radfahrer sind auch hier so unterwegs wie draußen auf den Straßen. Es gehört wohl zum Ethos dieser Fortbewegungsform, dass manche sie zu einer Demonstration von Unabhängigkeit machen. Das bedeutet dann auch auf dem Fußweg im Spreepark, dass sie jede Lücke zufahren, lieber einmal noch kräftig antreten, als zu bremsen. Dass sie dabei die angemessene Sozialdistanz überschreiten, spüren ja nur wir Fußgänger als eine Zumutung. Es protestiert aber niemand.

Der öffentliche Raum war nie öffentlicher als zur Zeit

Das Verhalten von Menschen im nicht motorisierten Verkehr ist sowieso immer interessant. Es gibt welche, bei denen sieht man schon auf 30 Meter, dass sie sich halb bewusst Gedanken machen, wie sie an einem vorbeikommen. Anderen merkt man ein gewisses Eleganzbedürfnis beim Ausweichen an. Tja, und sollte man in diesen Tag zurücklächeln, wenn man einen zugeneigten Blick auffängt? Irgendwie ist das soziale Leben ja suspendiert, es fühlt sich jedenfalls so an. Die Elastizität, mit der wir aneinander vorbeigleiten, macht uns alle zu guten Bürgern. Der öffentliche Raum war nie öffentlicher als zur Zeit, die Lust auf eine Überschreitung der Sozialdistanz behalten wir stärker für uns als sonst.

Die Insel der Jugend im Treptower Park in Berlin. Leerer Park in Zeiten von Corona.
Corona Spaziergang: Brücke zur Insel der Jugend.

An der Insel der Jugend wartet ein weiteres Nadelöhr. Ein schmaler, dunkler Durchgang. Fast eine Mutprobe in Zeiten des Virus. Dahinter hat auch tatsächlich jemand ein schwarzes Wort auf die Parkkarte gesprayt: PEST. Gottbefohlen, irgendwas liegt immer in der Luft. Jetzt kommt der beste Teil. Der Bogen um den Plänterwald. Ich bin inzwischen richtig auf Touren. Für die Verhältnisse eines Fußgängers erreiche ich wie im Flug die Baumschulenstraße, da beginnt dann wieder die Zivilisation nach all den verwunschenen Attraktionen, an denen hier der Weg vorbeigeführt hat.

Die S-Bahn ist dann nahezu leer. Alle bleiben auf Abstand. In der U8 ist das nicht ganz so leicht, aber mit ein bisschen Geschick klappt es auch hier, von der Hermannstraße bis zum Kotti die Regeln dieser verwunschenen Tage zu beachten. Acht Kilometer Auslauf. Das hat gut getan. Ich habe dem Immunsystem (und dem Geist) ein wenig Sauerstoff hinzugefügt. Licht gab’s auch satt. Wenn das noch lange so geht mit den Einschränkungen, werde ich mal messen wie lange die Strecke mit Rückweg entlang des Landwehrkanals wäre. Ach was, ich sehe gleich nach. Noch einmal 7,6 Kilometer. Damit habe ich jetzt ein Trainingsziel. Das werde ich sicher nur gut strukturiert erreichen.


Mehr Corona Spaziergänge

Hier geht es zum ersten Corona-Spaziergang quer durch Friedrichshain und zum zweiten durch Kreuzberg, der dritte Spaziergang führte durch die leere Mitte zwischen Rosenthaler Platz und Unter den Linden.


Hier ein Lesetipp: Angst vor Corona? Fünf Tipps, seine Ängste zu reduzieren, und noch einer: Tipps von der Psychologin Hanna Liesenfeld, wie man als Beziehung gemeinsam aus der Corona-Krise rauskommt, und auch interessant: Liebe in Zeiten von Corona: Ein Paarberater über Trennungen, Sex und „Corona-Babys“.


Mehr zum Thema Corona in Berlin

Unser Themen-Spezial Corona in Berlin: Alle Berichte, Kommentare, Hintergrundinformationen, Reportagen und Fotostrecken. Wir haben zudem ein Hilfsprojekt gestartet, „tip Berlin hilft“.

Die neusten Entwicklungen stehen in unserem Corona-Berlin-Blog. Dramatisch ist die Entwicklung auch für die Kulturszene. Zwar setzt eine Welle der Corona-Solidarität in Berlin ein. Allerdings sind die vielen abgesagten Veranstaltungen und die zahlreichen Ticket-Rückgaben – das sind eure Rechte.

Wer sich selbst beschäftigen will und muss: 100 Berlin-Romane, die jeder kennen sollte. Dazu unsere Podcast-Tipps – und was sich auf Streaming-Services lohnt. Berlin informiert hier über alles in Sachen Corona.