Kommentar

Corona und Rassismus gegen Asiaten: „Tagsüber traue ich mich gar nicht mehr raus“

Soziale Isolation, eine massive Veränderung der Welt, in der wir leben – und die Suche nach Schuldigen: Weil die ersten Corona-Fälle in China auftraten, der amerikanische Präsident von der „chinesischen Grippe“ spricht, leiden weltweit Asiaten unter Rassismus. Auch in Berlin sind Menschen chinesischer Herkunft, aber auch andere Asiat*innen permanent Zielscheibe.

Corona und Rassismus: Eien asiatisch aussehende Person auf der Oberbaumbrücke - viele erleben häufiger Beleidigungen.
Corona und Rassismus: Ein asiatisches Aussehen reicht derzeit schon, um in Berlin regelmäßig beleidigt zu werden. Foto: Imago/Contini

Es ist eine herzzerreißende Nachricht von einer Freundin. Jen* ist vor Kurzem 29 Jahre alt geworden, ein extrem sozialer und hilfsbereiter Mensch. Seit mehr als zwei Jahren lebt sie in Berlin – seitdem sie ihre Heimat Südkorea verlassen hat, hat sie ein Zimmer in einer Wedding-WG. Und nun traut sie sich nicht mehr raus. Wegen Corona. Aber nicht, weil sie Angst hat, krank zu werden.

Die Antwort, die sie schickt auf die Frage, ob man mal zusammen spazieren gehen wollte, lautet: „Ich traue mich nicht. Ich war bis vor zwei, drei Wochen immer mal wieder vor der Tür“, schreibt sie. „Aber mittlerweile bleibe ich lieber zuhause, bis es dunkel ist. Tagsüber traue ich mich gar nicht raus.“

Angst vor dem Virus? „Nicht mehr als jeder andere, wahrscheinlich. Nein. Ich habe Angst vor den Menschen.“ Es wurde immer häufiger, sagt sie, dass sie böse rassistische Beleidigungen zugerufen bekam. „Leute haben mich angeschrien, ich solle doch zurück nach China, und das war noch freundlich.“ Mittlerweile traut sich Jen nur noch nachts raus, schnell zum Supermarkt. „Mit Mütze tief im Gesicht, Schal hochgebunden. Und der Hoffnung, dass niemand auf meine Augen achtet.“

Corona und Rassismus: Inder*innen, Thailänder*innen – es sind alle betroffen

Das Elend kennt auch Nilay. Nilay kommt aus Indien, 31 Jahre, arbeitet seit fünf Jahren erfolgreich in IT-Jobs. „Nachdem mich zum dritten Mal Leute absichtlich angehustet haben, habe ich die U-Bahn gemieden. Dazu kamen immer wieder rassistische Beleidigungen, ich solle zurück nach Asien.“ Die Täter? „Ganz unterschiedlich. Mir hat auch schon eine ältere Dame vor dem Supermarkt gesagt, dass es Deutschland ohne mich gerade besser ginge.“ Nilay ist Rassismus gewohnt, „das ist jeder, der anders aussieht.“ Aber die Häufigkeit, „das macht mir schon Angst.“

„Ich habe das Gefühl, die Berliner waren schon immer rassistisch”, bestätigt Sarytanee Chanta.* Aber das Corona-Virus bringe den Rassismus mehr zum Vorschein und verändere die Art, wie er sich äußert. “Es funktioniert wie ein Trigger.” Chanta ist Berlinerin und sieht asiatisch aus. Ein Elternteil kommt aus Thailand, das andere aus der Türkei. Seit Mitte Januar fährt auch Chanta, wie Nilay, kaum noch U-Bahn. Der Grund: das Virus. “Die Leute gucken mich besonders lange an und tuscheln. Die Blicke sind haben sich auch verändert. Irgendwie sind sie böser geworden”, sagt Chanta. Vor ein paar Tagen hätten sich zwei Jugendliche sogar mit den Worten “die hat bestimmt Corona” weggesetzt. 

Es gibt Momente, da ist man versucht zu glauben, Berlin sei eine paradiesische Insel. Ein Ort, an dem Multikulturalismus funktioniert und rassistische Vorurteile weniger stark sind, eben weil Menschen verschiedenster Kulturen eng nebeneinander und miteinander leben. Eine Utopie. Das Corona-Virus macht das in besonderem Maße deutlich.  

Die Angst vor dem Corona-Virus schlägt sich auch in den Umsätzen mancher chinesischer Restaurants nieder. Foto: imago images / Steinach

Stigmatisierung wie bei SARS

Chanta ist von einer Art Rassismus betroffen, der mit der Corona-Epidemie verstärkt zu Tage tritt. In Toronto konnte man diese Stigmatisierung beobachten, als die SARS-Epidemie 2003 wütete. Chinesische Restaurants seien damals leer geblieben und Menschen hätten den Kontakt zu asiatisch aussehenden Personen vermieden, schreiben die beiden Stadtforscher Roger Keil und Harris Ali. 

Auch Chanta hat schon oft in ihrem Leben Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung gemacht: zum Beispiel als Hostess auf einer Messe, als eine Reihe von Besucher*innen sie ganz selbstverständlich mit „Ni Hao” ansprachen, dem chinesischen Ausdruck für „Guten Tag.” “Ich sage doch auch nicht zu jedem europäisch-aussehenden Menschen „Salut”” sagt Chanta dazu. Ein anderes Beispiel: Chanta ist oft mit einem Freund unterwegs, der ebenfalls asiatisch aussieht. Schon oft hätten Menschen beim Anblick des Freundes gesagt: Oh, Jackie Chan kommt, berichtet Chanta.

„Diese Erlebnisse sind nicht schön. Aber da hatte ich das Gefühl, dass das mehr ein akzeptierender Rassismus ist, dass die Leute das eigentlich nicht böse meinen”, sagt Chanta. Das habe sich aber mit dem Corona-Virus geändert. Sie erzählt von einer Freundin mit chinesischem Pass, die bei ihrem Frauenarzt abgewiesen wurde, weil sie Chinesin ist. Die Sprechstundenhilfen schickten sie mit dem Verweis auf die Sicherheit der anderen Patientinnen weg. Ihre Freundin sei seit Jahren nicht mehr in China gewesen, wollte sogar ihren Pass vorzeigen, um das zu beweisen, sagt Chanta. Behandelt wurde sie trotzdem nicht. „Es fühlt sich so an, als habe sich ein genereller Hass gegenüber asiatisch aussehenden Menschen breit gemacht”, sagt Chanta. Ein trauriger Beleg für ihren Eindruck: Anfang Februar haben zwei Frauen eine Chinesin an der Beusselstraße rassistisch beleidigt, bespuckt und an den Haaren gezogen. 

Weniger Gäste im China-Restaurant

Auch Xiaoying Du spürte die Ressentiments gegenüber Chines*innen schnell. Seit 20 Jahren führt sie ein chinesisches Restaurant an der Kantstraße. In dem Restaurant, das besonders für seine Nudelsuppen bekannt ist, waren nach den ersten bekannten Fällen in China schnell weniger Tische besetzt. “Ich habe schnell weniger als die Hälfte Umsatz gemacht.” Du macht das Virus für die schlechten Geschäfte verantwortlich. Schon lange, bevor die Regierung alles herunterregulierte.

Sie ist nicht die einzige, deren Geschäfte unter dem Virus litten – und leiden: Auch im Dong Xuan Center, dem Einkaufszentrum, in dem Händler*innen alles von Essen über Geschirr bis Kleidung anbieten, wurde schnell bemerkt, dass seit dem Ausbruch des Virus weniger Menschen zum Einkaufen kommen. Und das, obwohl im Dong Xuan Center hauptsächlich Vietnames*innen ihre Waren verkaufen. 

Corona und Rassismus: Ablehnung richtet sich auch gegen Kinder

Es gab und gibt nach Ausbruch der Pandemie eine begründete Angst vor dem Virus. Wenn Menschen aus dem Verbreitungsgebiet in China nach Deutschland einreisten, bestand tatsächlich die Gefahr, dass sie das Virus weitergeben. Deshalb wurden aber auch schnell zum Beispiel Flüge aus China nach Berlin gestrichen – das chinesische Neujahrskonzert hier fiel deswegen aus. Es hatte aber auch da schon nichts mit den Menschen zu tun, die in Berlin leben und asiatisch aussehen.  

Die Ablehnung vieler Berliner*innen gegenüber Menschen mit asiatischem Äußeren bekommen auch Kinder zu spüren. Xiaojings zwölfjähriger Sohn Felix Du sagt: “Seit ungefähr einer Woche habe ich immer einen Sitzplatz in der U-Bahn und die Sitze neben mir bleiben meistens auch frei.”  Xiaoying Du gibt auch den Medien Schuld für den Rassismus-Ausbruch: „Ich kann ja verstehen, dass Menschen Angst haben, sich anzustecken. Aber haben Sie das Cover des Spiegel gesehen? Da ist es ja kein Wunder, dass die Menschen Angst in Panik ausbrechen”, sagt Du. Das Cover des Magazins zeigt einen Chinesen mit Schutzanzug und Atemmaske, darüber steht in gelben Lettern: „Made in China.” 

„Spiegel“-Cover befeuerte wohl die Angst

Man könnte unterstellen, dass das Cover, das vor einigen Wochen erschien und mutmaßlich Öl ins Feuer gegossen hat, mit seinen gelben Buchstaben und der Aufmachung des Bildes eine Reminiszenz an koloniale Zeiten und den Begriff „Gelbe Gefahr” ist. Das Wort stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts, der Zeit, als Deutschland sich als Kolonialmacht versuchte. Um die Kolonialisierung anderer Völker zu rechtfertigen, führte man die absurdesten Argumente an. Zwei der beliebtesten: Die Kolonialisierten seien weniger menschlich oder nicht zivilisiert, deswegen tue man ihnen mit der Kolonialisierung einen Gefallen. Im Fall von China schürte man den Glauben, von den Chines*innen ginge eine besondere Gefahr aus, weil sie gewalttätig oder unhygienisch seien. 

Die Erfahrungen Chantas und Dus zeigen: Auch im vermeintlich toleranten Berlin gehen viele Menschen anscheinend davon aus, dass jemand, der anders aussieht, also zum Beispiel asiatische Gesichtszüge hat, Immigrant*in sein muss. Das Deutsch-Sein wird anders aussehenden Menschen damit abgesprochen, sie werden als Außenseiter*innen und als Gefahr gebrandmarkt. Auch wenn das eigentlich klar sein sollte: Rassismus, auch wenn er von Angst statt von Hass verursacht wird, verletzt die Betroffenen.

* Namen von der Redaktion geändert

Neben Rassismus hat das Corona-Virus noch einen Nebeneffekt – Hamsterkäufe. Unser Autor hat seinen Hass auf sie niedergeschrieben. Berlin als Hauptstadt bietet jede Menge Orte mit erhöhter Corona-Ansteckungsgefahr. Aber: Berlin hat schon ganz andere Pandemien hinter sich – erfolgreich-

Aktualisiert am 30. März, 8.06 Uhr

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