Mode

Couture vom Ku’damm – Der Berliner Modemacher Uli Richter

Ein Mode-Genie wird 90: Ausstellung über den Berliner Modemacher Uli Richter

Heinrich von der Becke: Uli Richter mit den Mannequins Gisela Ebel und Gitta Schilling anlässlich der Präsentation der ersten eigenen Kollektion, 1959 | © Bildarchiv Heinrich von der Becke im Sportmuseum Berlin
Heinrich von der Becke: Uli Richter mit den Mannequins Gisela Ebel und Gitta Schilling anlässlich der Präsentation der ersten eigenen Kollektion, 1959 | © Bildarchiv Heinrich von der Becke im Sportmuseum Berlin

Welche Modedesigner aus Deutschland sind international bekannt? Karl Lagerfeld, klar. Jil Sander. Vielleicht Wolfgang Joop. Dass Uli Richter in den 50er- bis 70er-Jahren ebenso bedeutend war, daran erinnert nun das Kunstgewerbemuseum: Mit Fotografien, Zeichnungen und 40 Kostümen gibt die Ausstellung „Uli Richter Revisited – Modedenker, Lehrer, Inspiration“ Einblicke in seine fast 50-jährige Schaffenszeit und zeigt, dass der Couturier in seiner Zeit ein echter Modepionier war.
Sein erstes Modell entwarf Uli Richter, der am 28. Dezember 1926 in Potsdam geboren wurde, für das Berliner Modehaus Horn, 1948 eine der exquisitesten Adressen der Stadt. Sein Sommerkleid „Marcelle“ aus dunkelblauem Woll-Georgette wurde zum Verkaufsschlager und Inhaber Horn beförderte ihn zum Entwerfer. Richters Talent sprach sich in Berlin herum: 1952 folgte er auf Heinz Oestergaard als Chefstilist beim Konfektionär Hermann Eggeringhaus. Als dieser 1959 verstarb, machte er sich zusammen mit Dorothea Köhlich selbstständig.

Zu jener Zeit bestimmten eine Handvoll Modehäuser in Berlin, was angesagt war: Alibert Schwabe war bekannt für seine wunderschönen Mäntel. Staebe-Seger machten die extravagantesten Cocktailkleider. Hermann Schwichtenberg galt als Perfektionist in Sachen Kostüm. Doch mit einer derart steifen Damenmode hatte der junge Richter wenig am Hut. Seine Entwürfe bestachen durch ihre sportliche Eleganz, von der auch bald die Prominenz begeistert war. Bei ihm statteten sich Conny Froboess und Lilli Palmer für die Filmfestspiele aus. Seine Salonshows waren jedes Mal ein gesellschaftliches Happening.
1962 lancierte er seine Prêt-à-porter-Linie „uli richter special“. Ein Geniestreich. Denn damit finanzierte er teure Haute Couture, die für viele Berliner Couturiers bald unrentabel wurde. Während immer mehr Modehäuser vom Kurfürstendamm verschwanden, expandierte Richter weiter. Er eröffnete Shops in München und Düsseldorf, seine Prêt-à-porter-Kollektion verkaufte sich in Kapstadt, Sydney und New York. Selbst nach dem Mauerbau pilgerte die westdeutsche Hochfinanz in sein Atelier: Ignes Ponto und Aenne Burda waren Stammkundinnen. Bei Staatsbesuchen entzückte Kanzlergattin Rut Brandt im türkisfarbenen Abendmantel. Ihr verdankte er den Ruf als „Botschafter der deutschen Mode“. Oft arbeitete Richter bis spät in die Nacht. Zum Scherz nannte man sein Büro „ewige Lampe“. Doch irgendwann gingen auch dort die Lichter aus. Am Silvesterabend 1982 verabschiedete er sich als letzter der Berliner Couturiers vom Kurfürstendamm. Vier Jahre später folgte er dem Ruf der Berliner Hochschule der Künste (heute UdK) und bekleidete bis 1994 eine Professur für Experimentelle Gestaltfindung.

Welche Relevanz seine Mode heute noch hat, mit dieser Frage beschäftigten sich neun Berliner Designer, deren Entwürfe ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind. Das Modeduo Steinrohner etwa hat sich an seinem Rosenkleid von 1957 inspiriert. „Es ist von oben bis unten mit kleinsten Glasperlen bestickt“, schwärmen die beiden Kreativen. In ihrer Neuinterpretation druckten sie Reflektorperlen auf den Stoff, wie sie auch im Straßenbau für Zebrastreifen verwendet werden. Newcomerin Nobieh Talaei entwarf einen wunderschönen Wintermantel. Er ist aus beigefarbenem Kaschmir, hat raffiniert geschlitzte Ärmel und einen Kragen im 20er-Jahre-Stil. War es schwierig, seine Mode zu interpretieren? „Keinesfalls“, sagt die Designerin. „Meine Hommage gilt vor allem seiner Schlichtheit im Schnitt, der hochwertigen Verarbeitung und seiner zurückhaltenden Eleganz.“ Uli Richters Stil hat also auch heute nicht an Glanz verloren.

Uli Richter Revisited
Kunstgewerbemuseum, Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 2.12.–5.3.

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