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Initiative CSD Verteidigen: „Es sind sich mehr Leute bewusst, dass nicht alles nur Party sein kann“

Text: Ruta Dreyer
Veröffentlicht am: 16.10.2025
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Seit dem Sommer letzten Jahres sehen sich die Christopher Street Days in Deutschland zunehmend rechten Angriffen ausgesetzt. CSD Verteidigen ist eine bundesweite Initiative, die sich zum Schutz der Veranstaltungen gegründet hat. Wir haben mit Mitgliedern der Initiative darüber gesprochen, was das genau bedeutet, wie sie die Angriffe politisch einordnen und welche Erfahrungen sie gesammelt haben.

Bei der CSD-Parade 2025 in Bautzen standen die etwa 3.000 Teilnehmenden circa 400 Rechten gegenüber. Foto: Imago / EHL Media

tipBerlin In diesem März habt ihr auf Instagram zum ersten Online-Vernetzungstreffen von CSD Verteidigen eingeladen. Seitdem gab es in vielen verschiedenen Städten Treffen, wie in Berlin, Leipzig, Hildesheim und Dresden. Wer steht hinter der Initiative?

CSD Verteidigen CSD Verteidigen ist eine bundesweite Initiative, die von Pride Rebellion ins Leben gerufen wurde. Pride Rebellion ist eine bundesweite antikapitalistische LGBTI+-Organisation vor allem junger LGBTI+-Personen. Das Ziel von CSD Verteidigen ist, dass wir strömungsübergreifend Leute, auch unorganisierte, zusammenbringen. Wir haben die Mission einen Ball ins Rollen zu bringen, der dann aber seine eigene Dynamik gewinnt, was bis jetzt eigentlich ganz gut geklappt hat.

tipBerlin Wie ist die Initiative entstanden?

CSD Verteidigen Wir haben letztes Jahr gesehen, dass es sehr große Mobilisierungen von rechten und faschistischen Gruppen gegen die CSDs gab. Das hat Leute verunsichert, aber ihnen auch das Gefühl gegeben, dass man etwas dagegen machen muss. Wir haben vor allem gesehen, dass es wichtig ist Anlaufstellen zu schaffen, wo Leute zusammenkommen können. CSD Verteidigen ist bewusst eine breite Plattform, weil wir denken, dass wir zusammen am stärksten sind.

tipBerlin Wie seid ihr aufgebaut beziehungsweise organisiert?

CSD Verteidigen Wir haben immer offene Treffen, zu denen jede Person dazukommen und sich beteiligen kann. Wir beschließen gemeinsam, was wir machen wollen und schauen, dass wir die Fähigkeiten, die wir untereinander erkennen, weitergeben. Es ist auch möglich, dass wenn man keine Stadt mit einer CSD Verteidigen-Gruppe in der Nähe hat, man sich bei uns meldet und Unterstützung für den Aufbau bekommt. Ansonsten sind wir nicht sehr stark strukturiert. Wir vernetzen die offenen Treffen in den Städten untereinander und teilen uns für Hinfahrten zu den CSDs auf.

Laut dem Bundeskriminalamt hat sich die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung“ und „Geschlechtsbezogene Diversität“ seit 2010 fast verzehnfacht. Foto: Imago / EHL Media

Grundsatz der Verteidigung

tipBerlin Verteidigung kann sehr unterschiedlich aussehen. Was bedeutet „CSD Verteidigen“ für euch konkret?

CSD Verteidigen CSD Verteidigen findet auf verschiedenen Ebenen statt. Wir machen viele gemeinsame Zuganreisen, weil gerade der Hin- und Rückweg Orte sind, wo Leute belästigt oder angegriffen werden. Zudem haben wir auf den CSDs ein Auge darauf, was passiert. Werden Leute bedroht? In solchen Situationen sind wir bereit einzuschreiten. Wir wollen auch dafür sorgen, dass niemand auf den CSD gehen und zum Beispiel ungestört einen Hitlergruß machen kann.

Vor allen Dingen schreiten wir natürlich auf eine deeskalierende Art ein, weil wir wollen, dass die Leute sicher auf dem CSD sind. Bei CSD Verteidigen geht es viel darum, ein Gefühl von Sicherheit zu schaffen.

tipBerlin Habt ihr ein politisches Grundverständnis? In welcher Tradition seht ihr euch?

CSD Verteidigen Dadurch, dass wir CSD Verteidigen mit dem Ziel aufgebaut haben, viele Leute zusammenzubringen, haben wir auch gesagt, der Grundsatz von CSD Verteidigen ist es, CSDs zu verteidigen. Wir haben uns bewusst keine größeren politischen Grundsätze aufgestellt.

Aber dieser Umstand, dass von Gewalt oder Diskriminierung betroffene Leute sich zusammentun, ist etwas, was wir historisch viel sehen. Wenn es zum Beispiel Schwarze Communities sind, die sich gemeinsam gegen Rassismus oder Frauen, die sich gegen patriarchale Gewalt organisieren. Das ist auf jeden Fall etwas, das den Gedanken von CSD Verteidigen beeinflusst hat.

CSD Verteidigen berichtet, dass es dieses Jahr kaum einen Christopher Street Day in Deutschland gab, der keine rechten Gegendemonstranten mit sich brachte. Foto: Imago / EHL Media

„Da stellt man sich die Frage: Auf wen kann man sich verlassen?“

tipBerlin Wie ordnet ihr die Zunahme queerfeindlicher Angriffe gesellschaftspolitisch ein?

CSD Verteidigen Generell ist Queerfeindlichkeit schon immer sehr mit dem Faschismus verbunden gewesen. Das sehen wir in der momentanen Politik eines großen Rechtsrucks, durch den auch die Queerfeindlichkeit sehr zunimmt. Migrant:innen und LGBTI+-Personen sind ein großes Feindbild oder Sündenbock, denen die Schuld in die Schuhe geschoben wird. Es werden sehr traditionelle Familienbilder und Geschlechterrollen gepusht, in denen LGBTI+ keinen Platz haben.

In den letzten Jahren war es sehr modern, in den queeren Monaten für LGBTI+ zu werben, was genau jetzt wegfällt. Zum Beispiel gab’s beim CSD in Berlin dieses Jahr mehr Probleme, Sponsoren zu finden, weil die politische Situation sich geändert hat.

tipBerlin Wie blickt ihr aktuell auf die politischen Entwicklungen in Deutschland? Seht ihr konkret die Gefahr, dass staatliche Repression, Gesetzesänderungen oder ähnliches zunehmen?

CSD Verteidigen Wir sind gerade an einem Punkt, wo wir zum ersten Mal wieder dafür kämpfen müssen, unsere Rechte zu behalten, anstatt für neue Rechte zu kämpfen. Ein Beispiel ist, dass die Koalition das sogenannte Selbstbestimmungsgesetz reevaluieren will, was faktisch heißen wird, es zu schwächen oder abzuschaffen – auch wenn es eigentlich nie echte Selbstbestimmung bedeutet hat.

Gleichzeitig haben wir in den letzten Jahren gesehen, dass Versammlungsgesetze verschärft werden. Ein Staat entwickelt sich nach rechts und macht restriktivere Gesetze, da stellt man sich die Frage: Auf wen kann man sich verlassen in diesen Zeiten?

CSD Verteidigen bietet auch Aktionstrainings an, bei denen man deeskalierendes und beschützendes Verhalten auf Demos lernen kann. Zum Beispiel sollte man sich bei der Anreise möglichst unauffällig verhalten, insbesondere in der Gruppe. Foto: Imago / EHL Media

„Die Neutralität ist nur da und schaut zu“

tipBerlin Wie schätzt ihr die Solidarität der bürgerlichen Mitte hier ein?

CSD Verteidigen Wir sehen, dass viele Kräfte, die sagen, dass sie die Mitte sind, immer mehr nach rechts rutschen. Was ist also diese Mitte, über die man redet? Es gibt Positionen – zur Frage zum Beispiel, ob CSDs von Faschisten angegriffen werden oder nicht – da kann man nicht in der Mitte sein. Da muss man sich entscheiden, mit welcher von den Seiten man solidarisch ist.

Gerade der Begriff der Neutralität kam jetzt auch wieder auf, als am Christopher Street Day in Berlin die queere Flagge nicht gehisst wurde. Viele Menschen sind sich nicht bewusst, dass Neutralität nur dann neutral sein kann, wenn sie niemandem schadet. Und in diesem Fall schadet uns diese Neutralität, weil die Neutralität nicht gegen die Angriffe spricht. Die Neutralität ist nur da und schaut zu.

tipBerlin Die Polizei wird dafür eingesetzt, CSDs vor Angriffen zu schützen. Warum setzt ihr dennoch auf Selbstorganisation?

CSD Verteidigen Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass wir nicht komplett auf die Polizei vertrauen können. Beispielsweise gab es mal den Fall, dass Faschisten auf den CSD-Platz kommen wollten und die Polizei im Auto saß und Sandwiches gegessen hat. Es ist mittlerweile auch kein Geheimnis mehr, dass es Faschisten in der Polizei selbst gibt. Deswegen ist es wichtig, dass wir uns organisieren und selbst für unseren Schutz sorgen.

Eine Abfrage von Stern und RTL bei den Innenministerien der Bundesländer ergab, dass gegen mindestens 193 Polizeibeamte der Länder Disziplinarverfahren oder Ermittlungen wegen Verdachts auf eine rechtsextremistische Gesinnung und/oder Verschwörungsideologien laufen. Drei Bundesländer konnten keine genauen Angaben liefern, weshalb die Zahl noch höher liegen könnte. Foto: Imago / EHL Media

tipBerlin Weil es jetzt mehrfach aufgekommen ist: Was versteht ihr unter Faschismus oder wie definiert ihr das?

CSD Verteidigen Eine tiefe politische Analyse von Faschismus würde das übersteigen, wozu CSD Verteidigen da ist. Bestimmte Merkmale des Faschismus sind aber rassistische, sexistische, LGBTI+-feindliche Weltbilder, verbunden mit einer sehr autoritären Herangehensweise. Wenn sich zum Beispiel viele der jungen Faschogruppen offen positiv auf den Nationalsozialismus beziehen, dann muss man da nicht groß drüber diskutieren, ob das Faschisten sind oder nicht.

Zwischen Anfeindungen und Solidarität

tipBerlin Welche Erfahrungen habt ihr diesen Sommer über gesammelt?

CSD Verteidigen Wir erfahren, dass CSDs wieder politischer werden, denn es sind sich mehr Leute bewusst, dass nicht alles nur Party sein kann. Man merkt, dass auf diesen CSDs mehr Solidarität da ist und die Leute bereit sind, für ihre Rechte zu kämpfen. Auf der negativen Seite sehen wir natürlich auf jedem CSD irgendwelche Faschisten, die die Feste stören wollen und dafür sorgen, dass man sich sehr unwohl fühlt.

tipBerlin Wie unterschiedlich sieht die Bedrohungslage aus? Konkret in Berlin, aber auch in ostdeutschen Städten, oder anderswo?

CSD Verteidigen Es ist erst mal wichtig zu sehen, dass Faschos und diese vor allen Dingen gewaltbereiten jungen Faschogruppen schon längst kein rein ostdeutsches Phänomen mehr sind. Natürlich gibt es aber gewisse Unterschiede.

Zum Beispiel in einer Stadt wie Berlin, wo es gewaltbereite Jungfaschogruppen, aber auch viele Räume gibt, wo man sich noch relativ frei bewegen kann. Relativ, weil Anfeindungen für viele queer aussehende Leute mittlerweile schon zum Alltag gehören. Aber es ist natürlich nicht vergleichbar mit der Realität in einer Kleinstadt in Ostdeutschland beispielsweise.

Die AfD war mit einem Stimmenanteil von 21 Prozent bei den 18- bis 24-Jährigen zweitstärkste Kraft. Auf den ersten Platz kamen die Linken mit 25 Prozent. Foto: Imago / EHL Media

Gegen die Passivität

tipBerlin Wie kann man sich im Rahmen eurer Initiative engagieren?

CSD Verteidigen Es gibt einen Instagram-Account, auf dem man immer verfolgen kann, wo gerade offene Treffen stattfinden. Da kann jeder dazukommen oder die Initiative, auch mit eigenen Ideen, anschreiben, wenn man zum Beispiel eine CSD-Verteidigen-Gruppe in der eigenen Stadt aufbauen oder auch nur eine einzelne Aktion machen möchte.

tipBerlin Welches Ziel verfolgt ihr mit der Initiative?

CSD Verteidigen Es sind eigentlich drei Ziele: vor Angriffen schützen, den politischen Ausdruck der CSDs stärken und mobilisieren. Der größere dahinterliegende Gedanke ist: Wenn wir wollen, dass die Gesellschaft sich verändert, ist es notwendig, dass man selbst aktiv wird. Wir wollen gegen Passivität ankämpfen. Je mehr versucht wird, uns als LGBT+-Personen anzugreifen und unsichtbar zu machen, umso mehr müssen wir dagegen antworten.

„Das Schlimmste was passieren kann, ist, dass die Leute sich nicht mehr trauen, auf einen CSD zu gehen“, meint CSD Verteidigen. Deswegen gibt es ihnen Hoffnung und Zuversicht, dass gerade jetzt so viele junge Menschen ihren Protest auf die Straße tragen: Den Widerstand zu sehen, ist ihr Antrieb. Foto: Imago / EHL Media

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