Festival

Unruhige Zeiten verlangen nach unruhiger Musik: CTM Festival 2018

Aufruhr der Frequenzen: Das CTM Festival verspricht ein Programm des „Turmoil“. Einige der spannendsten Elektronikerinnen der Gegenwart treten auf, von der Footwork-Auteurin Jlin bis zur Klangkundlerin Colleen (Foto). Der frühere Coil-Mitstreiter Drew McDowall führt eine neue Fassung des Drone-Klassikers „Time Machines“ auf

Colleen, Foto: Isabel Dublang

Unruhige Zeiten verlangen nach unruhiger Musik.“ Dem Motto, das das CTM Festival seiner aktuellen Ausgabe unter dem Titel „Turmoil“ vorangestellt hat, kann man sowohl in ästhetischer als auch politischer Hinsicht widersprechen. Wer welche Musik in welchen Zeiten benötigt, kann individuell höchst unterschiedlich ausfallen. Die richtige Musik verordnen lässt sich da kaum. Auch nicht in einer sich allerorts immer mehr in Krisen hineinsteigernden Welt. Dass Musik auf diese Zuspitzungen selbst mit Zuspitzungen reagiert, ist bloß eine der möglichen Reaktionen.

Den Machern des CTM ist dies bewusst. Ihre Pointierung sei denn auch eher als Frage zu verstehen: Wie kann man die unruhige Lage der Welt mit unruhiger Musik kommentieren? Und vor allem: Kann Musik an dieser Lage überhaupt etwas ändern? Da sich nun CTM der „abenteuerlichen Musik“ verschrieben hat, gehört allemal die Suche nach neuen ästhetischen Artikulationsformen zu seinen wichtigsten Anliegen. Mit oder ohne Aufruhr.

Für 2018 haben die künstlerischen Leiter Jan Rohlf, Oliver Baurhenn und Remco Schuurbiers einige der gegenwärtig prägendsten Künstler aus den Gebieten elektronische Musik, Klangforschung und Performance versammelt. So hat die US-Amerikanerin Jerrilynn Patton alias Jlin im vergangenen Jahr mit „Black Origami“ ein von der Kritik gefeiertes Album vorgelegt, auf dem sie das Clubmusik-Genre Footwork mit seinem ultranervös flirrenden Beat und den zerhackten Samples zu einer hochvirtuellen ethnotribalistischen Körperbewegungskunst verfeinert. Oder man kann sich die Welt, in diesem Fall des Ghetto Tech, gleich komplett in seinen eigenen Kosmos hineinholen wie der Berliner Produzent Errorsmith auf seinem wunderbaren Album „Superlative Fatigue“ (beide 27.1., Berghain).

Ein anderes Beispiel für künstlerische Fortentwicklung ist die in Spanien lebende Französin Cécile Schott alias Colleen. Die Musikerin, die bevorzugt kammermusikalische Arrangements um ihre Viola da gamba und ihren Gesang gruppiert, hat für ihr jüngstes Album „A flame my love, a frequency“, auf dem sie sich mit den Pariser Terroranschlägen von 2015 auseinandersetzt, eine Wende zur reinen Elektronik vollzogen und zugleich eines ihrer fragilsten und persönlichsten Werke geschaffen (1.2., HAU1).

Drew McDowall

Das CTM Festival richtet seinen Blick stets auch auf Länder, die eher an der Peripherie der hiesigen Wahrnehmung gelegen sind und zum Teil heftige politische Umwälzungen erleben. Neben Künstlern aus der Türkei (Nene H, Cevdet Erek) gibt es diesmal etwa aus Kairo die Sängerin Nadah El Shazly zu erleben, deren Debütalbum „Ahwar“ von 2017 erfolgreich traditionelle ägyptische Instrumente wie Oud mit Neuer Musik und freierer Elektronik vermischt (31.1., HAU1). Die aus Rumänien stammende, ebenfalls in Berlin lebende Produzentin Miruna Boruzescu alias Borusiade schließlich wirft mit ihrem für März angekündigten Debütalbum „A Body“ einen frischen Blick auf die Clubtauglichkeit von New Wave und EBM (26.1., Berghain). Apropos EBM: Gute alte Bekannte darf man beim CTM mitunter ebenfalls treffen: Zum Abschlusskonzert spielen keine Geringeren als DAF (Festsaal Kreuzberg, 4.2.).
Ein Veteran der Post-Industrial-Musik ist seinerseits der Brite Drew McDowall (Foto), mit Erfahrung in legendären Projekten wie Psychic TV oder Coil. Während seiner Zeit bei Coil entstand 1998 das Album „Time Machines“, ein Drone-Klassiker, dessen vier Stücke alle nach verschiedenen Halluzinogenen benannt sind und den er beim CTM live präsentieren wird. „Unsere Absicht war, eine Platte zu machen, die Zugang zu psychedelischen Räumen ermöglicht, eine Musik, die selbst psychotrop ist“, beschreibt McDowall im Interview ihre Absichten vor 20 Jahren.

Von dieser Wirkung hat die Musik, die McDowall als einziger Verbliebener der damals Beteiligten jetzt mit Modularsynthesizer rekonstruiert, bis heute nichts verloren. So wie McDowall in seiner Musik nach wie vor stets das „Magische“ sucht, oder zumindest „andere Zustände“. Man darf sich verzaubern und von den Tieffrequenzen kräftig durchkneten lassen. Eine Politik der Immersion, wenn man so will (30.1., Berghain).

CTM Festival: Turmoil, diverse Orte, darunter Berghain, HAU 1, HAU 2, Funkhaus Nalepastraße, Ost,  Fr 26.1.– So 4.2., gesamtes Programm: www.ctm-festival.de

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