Berliner Verlage

Daniela Seel und ihr Verlag Kookbooks

Auf der Kippe: Der Buchmarkt ist im Wandel, jetzt kommt auch Kookbooks ins Trudeln. Der kleine, immens wichtige Berliner Lyrikverlag muss kämpfen

Daniela Seel, Foto: Axel Kahrs

Jeder in der Buchbranche hat in den letzten Monaten diese Zahl gehört. Sechs Millionen weniger Leser, also konkret: weniger Käufer, gab es laut einer Studie des Börsenvereins 2016 im Vergleich zu 2012. Dabei sollte im Hinterkopf behalten werden, dass 2012 das Jahr des „Shades of Grey“-Booms war, durch den die Buchkäufe auch bei jenen, die sonst nicht lesen, in die Höhe schossen. Doch wenngleich diese Zahl entsprechend mit Vorsicht zu beurteilen ist, so kann der wirtschaftliche Abwärtstrend der Branche nicht bestritten werden. Der linke Stroemfeld Verlag zog im September die Reißleine und meldete Insolvenz an, während Ch. Links künftig zur Aufbau-Verlagsgruppe gehören wird.

Jetzt steht auch der sympathische Berliner Lyrikverlag Kookbooks finanziell am Abgrund, einer der wenigen reinen Lyrikverlage des Landes. „Bei uns haben kleine Ereignisse bereits einen großen Impact“, sagt Verlegerin Daniela Seel. Das Finanzamt prüfe die Gewinnerzielungsabsicht, und die muss unbedingt im Plus sein. Sollte Daniela Seel den Unternehmerstatus verlieren, käme es noch ärger: Das bedeute nämlich, Steuern zurückzuzahlen. „Bei Lyrik ist es schwierig, positiv abzuschließen, vor allem, wenn man nur drei, vier Bücher pro Programm macht.“

Dabei tut Daniela Seel alles, um den Verlag, den sie im Jahr 2003 gemeinsam mit dem Grafiker und Illustrator Andreas Töpfer gründete, am Leben zu halten. Vorträge, Artikel, Übersetzungen, Juryarbeit, durch diese Jobs kann sie die Verluste von Kookbooks kompensieren. Dabei ist viel Idealismus gefragt.

Und den hat Daniela Seel, seit sie als Teenager die Lyrik entdeckte. „Ich bin in Idstein bei Frankfurt aufgewachsen, in Zeiten vor dem Internet“, sagt die Verlegerin. „In der Schule wurde zeitgenössische Lyrik nicht behandelt. Ich war angewiesen auf Leute, die sich damit auskannten.“ Eine engagierte Deutschlehrerin hatte sie doch, die ihr Bertolt Brecht näherbrachte. Die große Liebe war geweckt: „Ich hatte eine Phase als Brecht-Lookalike“, sagt Seel mit einem Lächeln.

Ende der 90er-Jahre, Daniela Seel hatte es inzwischen nach Berlin verschlagen, entstand das Künstlernetzwerk Kook. Der Name geht auf einen amerikanischen Slang-Ausdruck zurück, er beschreibt entweder einen Exzentriker, einen Spinner. Oder einen Verrückten. Es entstand aus dem Netzwerk unter anderem das Lesefestival Kook.Mono sowie ein Musik­label. „Wir hatten die Idee, eine Zeitschrift zu machen“, sagt Seel. „Das klappte zwar nie, aber in diesem Umfeld entstanden Texte, die publikationsreif waren.“

Was also anfangen damit? „Wir fragten erst uns: Wäre es nicht toll, einen Verlag zu gründen? Und dann die Autoren: Würdet ihr zu einem unbekannten Verlag gehen?“ Viele wollten. Zu den Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die in den vergangenen 15 Jahren bei Kookbooks publiziert wurden, gehören Jan Brandt, Jan Böttcher und Uljana Wolf, außerdem jüngere Entdeckungen wie Yevgeniy Breyger und Tristan Marquardt, dazu gab es mit Steffen Popp und Pierangelo Maset zwei Nominierungen für den Deutschen Buchpreis.

Inzwischen konzentriert man sich bei Kook­books auf Lyrik und „abseitige Formate“. Denn, so Seel: „Für Prosa gibt es keine Not und der Marktdruck ist viel größer. Außerdem es gibt wenige Leute, die Lyriklektorat machen, was meine Kompetenz ist.“

Zu den derzeit größten Problemen von Kookbooks gehört, dass Lyriker Steffen Popp mit „118“ im vergangenen Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Eigentlich schön, ja. Allerdings gab es dadurch viele Vorbestellungen im Buchhandel, eine neue Auflage musste gedruckt werden – „und jetzt haben wir 500 Rücksendungen“, so Seel. „Das ist für uns ziemlich viel.“

Und wie geht es jetzt weiter? Daniela Seel wägt ab: Wenn keine Lösung gefunden wird, könnte Kookbooks möglicherweise nicht mehr lange bestehen. Das Künstlernetzwerk Kooks mit den anderen Projekten ist dadurch nicht akut bedroht. Dennoch ist ein gewisses Maß an Vorsicht und Weitsicht geboten.

So lautete bei einer Veranstaltung der an Kooks gekoppelten Lesereihe Kookread bereits im Juni das Motto: „Wir müssen (immer noch) bis übermorgen reichen.“ Damals kamen in einer Art Best-of-Kook viele Weggefährten im Acud macht Neu in Mitte zusammen. Darunter Jan Böttcher, Josepha Conrad, Lucy Fricke, Georg Leß, Karla Reimert, Katharina Schultens und Daniela Seel selbst.

Das Motto dieses Abends gilt auch für Kook­reads. Schließlich würde es den deutschen Literaturbetrieb ein gutes Stück grauer machen, sollte es die aufwändig gestalteten Bücher mit ungewöhnlichen Texten bald nicht mehr geben. Es wäre wirklich ein ­Jammer.

Mehr dazu unter www.kookbooks.de