Berliner Brauereien

Das BRLO Brwhouse am Gleisdreieck

Brauereigaststätte, nur anders: Das BRLO Brwhouse am Gleisdreieck belebt das Berliner ­Lebensgefühl der Zwischennutzung – und ist auch deshalb ein nachhaltiger Ort

Foto: Seren Dal
Foto: Seren Dal

Berlin war mal eine Bierstadt. Kreuzberg und erst recht Prenzlauer Berg sind voll von wiederbelebten Brauereiarealen. Einige mehr, etwa das Bärenquell in Niederschöneweide, warten derweil noch auf ihre kreative oder auch nur wohnliche Neunutzung. Und: Berlin ist wieder eine Bierstadt geworden. Erst gärten die neuen, handwerklich gebrauten Biere im Kleinen,  zuletzt investierte der amerikanische Craft-Beer-Multi Stone Brewing am alten Gasometer in Mariendorf 25 Millionen Euro in seine europäische Depandance mit angeschlossener Craft-Beer-Erlebnislandschaft.

Das neue Brwhouse (ja, es schreibt sich tatsächlich so) des Ende 2014 an die Zapfhähne gegangenen Berliner Startups BRLO war da vergleichsweise günstig. Es eröffnet dieser Tage direkt am Gleisdreieckspark. Dort, wo im vergangenen Sommer bereits der BRLO-­Biergarten, die Zwischennutzung vor der Zwischennutzung eingeläutet hatte. Diese, urbane Brauereigaststätte ist nämlich eine mobile Containerarchitektur (siehe Kasten).  Die Investoren eines Bauprojektes auf eben jenem Grundstück hatten nach einer kulturell-kulinarisch Übergangslösung gesucht. Und letztlich die junge Brauerei und den jungen Koch Ben Pommer gefunden.

Urbane Mitte heißt das (Hochhaus-)Projekt, das hier in drei oder doch eher fünf Jahren realisiert werden soll. Urbane Mitte, das ist schon eine steile These für einen Standort, der vor wenigen Jahren noch Berlins zentrale Randlage war. Am Gleisdreieck hatten sich Stadtfuchs und Karnickel gute Nacht gesagt. Jetzt boomt ums Eck die Potsdamer Straße. Und Grün Berlin, Hausherr im Gleisdreieckspark, muss sich die Frage gefallen lassen, warum man nicht selbst auf die Idee gekommen ist, den durchweg gelungenen Park um ein zeitgenössisches kulinarisches Angebot zu erweitern. Street Food als Park Food. Diese Lücke füllen nun Ben Pommer und das BRLO Brwhouse. Sie füllen noch viel mehr als das.
Und deshalb wurden in Kreuzberg  also Überseecontainer gestapelt – und in Schöneberg wurde getöpfert. Im Atelier der Eltern von Ben Pommer, der Vater war Professor an der Universität der Künste, sind all die Teller entstanden, auf denen nun das Vielerlei von der Bete oder der im Ganzen im Smoker gegarte Blumenkohl liegt. Eine Gemüseküche gibt es im BRLO Brwhouse – okay, man könnte dann noch die Short Rips vom Schwäbisch-Halleschen Freilandschwein oder die Rinderbrust vom Dry-Age-Veteranen Rico Schlegel als Beilage wählen.

Oder man füttert erstmal  den Geist und die Geschmacksknospen, mit einem ziemlich genialen Food-Pairing-Brett: fünf BRLO-Probierschlucke und dazu etwa fermentierten Knoblauch (zum Porter) oder langsamst gegarter Sellerie (zum Weizen).  Apropos: Mit kleinem Hunger kann man sich auch auf Barhockern sitzend durch die Barkarte probieren. Der Lage am Park und dem Wesen einer Brauereigaststätte angemessen, bleibt dieses Gasthaus nämlich immer auch ein angenehm beiläufiger Ort: Wenngleich der junge Küchenchef, etwa bei Nils Henkel im Schlosshotel Lerbach, bereits unter drei Michelin-Sternen gearbeitet hat: „Ich glaube aber nicht, dass das hochpreisige Fine Dining heute noch der Königsweg ist, um eine spannende, zeitgemäße und aussagekräftige Küche zu machen. Zudem habe ich bisher sehr, sehr wenige Sterneläden erlebt, die sich tatsächlich gerechnet haben.“

Auch Pommer muss rechnen. Und setzt deshalb auf hervorragende Grundprodukte – etwa aus der Kreuzberger Markthalle Neun und dem eigenen Indoor-Gardening-Container gleich neben dem Brauhaus – statt auf eine warenintensive Statusküche. Deshalb ist auch das Fleisch, wenn man so will, Ben Pommers Gemüse: „Wenn ich einen Gast, zumal an einem Bierort wie diesem, dazu bringen will, mal beim Blumenkohl und der Bete zu bleiben, dann müssen die auch richtig knallen. Da sind die Aromen aus dem Smoker genial.“

Foto: Conor Clarke
Foto: Conor Clarke

Gebraut wird in den umgenutzten Containern natürlich auch. Alles, was in Fässer abgefüllt wird,  kommt künftig von hier. Nur für die Flaschenabfüllungen  mietet sich BRLO-Braumeister Michael Lembke weiter etwa bei der Klosterbrauerei Neuzelle ein.

Wohin also geht die Reise dieses Berliner Craft-Beer-Startups? In die kulinarische Nische oder in den Getränkehandel? „Dort  müssten wir für einen Kasten gut 40 Euro nehmen“, so BRLO-Gründerin Katharina Kurz, „damit sind Grenzen gesetzt. Handwerklich und bedingungslos qualitätsbewusstes Bier funktioniert nur an Orten, deren Besucher sich dieser Qualität und der dabei anfallenden Kosten bewusst sind.“
Das BRLO Brwhouse am Gleisdreieck ist einer dieser Orte.  Und allzu teuer – die Halbe ab 4,50 Euro, der kulinarische Spaß ab rund 15 Euro  –ist es nicht.  Diese Zwischennutzung kann ruhig länger bleiben.

Container Love Stadt improvisieren – Berlin lebt noch immer vom Mythos der kreativen Zwischennutzungen und temporär angeigneten Räume. Sind letztgenannte Räume einzig Grundstücke, schlägt die Stunde der temporären Architekturen. Als erstes Gebäude aus im Wortsinne handelsüblichen Überseecontainern entstand so die aktuell in der Schönhauser Allee aufgeschlagene Platoon Kunsthalle. Realisert wurde sie wie jetzt das BRLO Brwhouse vom gleichsam ästhetisch radikalen wie gesellschaftspolitisch engegierten Berliner Büro Graft Architekten. Graft-Geschäftsführer Wolfram Putz schätzt an temporären Bauen „die Möglichkeiten, Ideen durchzuspielen und Stadt auszuprobieren“. Am BRLO Brwhouse schätzt er zudem, „dass dort handwerkliche Wertschöpfung stattfindet, ich bin während der Bauphase am liebsten zwischen den Braukesseln herumgeschlichen.“ Tatsächlich sind alle Wände und Decken des Brauhauses (bis auf die Glaselemente) standardisierte 40-Fuß-Container. Sie wären später auch anderswo in der Stadt stapelbar.

BRLO BRWHouse Schöneberger Straße 16 (am Gleisdreieckspark), Kreuzberg, ab Dienstag, 17. Januar Di–Fr ab 17 Uhr, Sa + So ab 12 Uhr, www.brlo-brwhouse.de

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