Ausstellungseröffnung

Das Buchstabenmuseum in Moabit

Mehrfach ist das ehrenamtlich betriebene Buchstabenmuseum umgezogen. In einem Moabiter S-Bahn-Bogen hat es seit 2016 sein festes Dominzil. Dort zeigt es nun die erste Ausstellung im Hansaviertel. Ein Glossar von A bis Z

Stadtgeschichte in Groß-Buchstaben: Viele Firmen, denen man im Museum begegnet, sind aus dem Alltag verschwunden – wie Kaiser’s, Möbelhaus Kern, Zierfische;
Foto: F. Anthea Schaap

Text: Erik Heier

A: Anfang 2005 von Barbara Dechant und Anja Schulze gegründet, lag das erste Domizil des Museums in einem Plattenbau am Spittelmarkt: „Das war zum ersten Mal, dass wir auch sichtbar wurden“, sagt Dechant, die Vorstandsvorsitzende des Vereins. Siehe: F.

B: Buchstaben-Begeisterung Dechant: „Ich sammle Buchstaben, seit ich denken kann.“ Sie sagt gern, es hätte mit Italienreisen der Familie zu tun: „wenn es in Norditalien in den Bergen an Häusern leuchtete: ,Cinzano‘, ,Martini‘.“ Bis heute gehe es ihr so, „dass ich eine Headline anschaue und nicht lese“.

C: Cloos Adlershofer Schweißtechnik-Firma. Daraus wurde im Museum: „COOL“.

D: Deutschlandhalle Fast sieben Jahre dauerte das Ringen um den Schriftzug an der 2011 gesprengten Halle.  Plötzlich konnte die Abrissfirma ihn nicht mehr finden. Er tauchte bei Ebay auf, war dann wieder weg. Letztes Jahr rief eine Dame an. Sie hätte die Buchstaben in ihrer Baufirma herumstehen. Bingo!

E: Eternithaus Eigenwilliges „Wohnschiff“ im Hansaviertel vom Architekten Paul Baumgarten. Das geschwungene Logo ist Teil der neuen Ausstellung. Siehe auch: H.

F: Frankfurter Tor Zeitweilig Dechants Wohnort. In der 150-Quadratmeter-Wohnung im nördlichen der beiden Türme lagerte anfangs ihre private Buchstabensammlung.

G: Gästebuch Gibt’s hier nicht. Stattdessen, logisch!, eine „Autographensammlung“: mit Handschriften-Proben der Museumsgäste.

H HansaViertel Mit der ersten Ausstellung im 2016 bezogenen S-Bahn-Bogen, „Die Schriften des Hansaviertels“, will man hier ab 22. November richtig ankommen. Ein Highlight: eine Ankündigungstafel, die am Großen Stern den Bau des Hansaviertels zur Bauausstellung Interbau 57 ankündigte. „Die hat uns ein Nachbar vorbeigebracht.“

I: Inglourious Basterds Zehn Jahre alter Nazi-Killer-Film von Quentin Tarantino mit Christoph Waltz (Nazi) und Brad Pitt (Killer), der in einem gesprengten Kino kulminiert, das „Le Gammar“ hieß. Zurück blieb ein verrußtes Papp-„E“.  Jetzt eines der Highlights im Museum – mit Filmclip. Dechant: „Wir zeigen auch die Geschichte hinter den Buchstaben.“

J: Jannowitzbrücke Letzte von fünf Zwischennutzungsstationen des Museums – in einer ehemaligen Kaufhalle (bis Ende 2015).

K: Kuhfuß Anderes Wort für das Brecheisen, das Dechant stets im Auto liegen hat. Sehr nützlich, wenn sie im Vorbeifahren einen Schriftzug an einem Abrisshaus entdeckt.

L: Lederwaren Schriftzug von 1946, der noch mit dem Originalgas gefüllt ist. Jahrelang das älteste Exponat im Museum. Mittlerweile von „Druckerei“ – stammt aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg – abgelöst. Siehe auch: N.

M: Möbelhaus Kern 80 Zentimeter hoher „Sans-Serif“-Schriftzug eines ehemaligen  Geschäftes. Einmal bekam Dechant eine Nachricht von einer Mitarbeiterin: „Heute war die Familie Kern da und hat ihre Buchstaben besucht.“ Sie sagt: „Wenn wir Buchstaben von der Wand abnehmen und der Ladenbesitzer gerade zum letzten Mal das Geschäft aufsperrt, ist das oft auch ein sehr emotionaler Moment für uns – nicht nur für die Besitzer.“ Siehe auch: Q.

N: Neon-Tube-Tester Unentbehrliches Arbeitsgerät im Museum, das anzeigt, ob eine Neonröhre intakt ist, indem es das Gas darin durch Antippen zum Leuchten bringt.

O: Obst & Gemüse DDR-Laden-Schriftzug, den Barbara Dechant zu gern hätte – „Wer legendäre historische Exponate für unsere Ausstellung hat – bitte bei uns melden!“ Aus dem „Obst & Gemüse“-Laden gegenüber des Tacheles, in dem sie Anfang der 90er-Jahre nach ihrem Umzug nach Berlin lebte, wurde die gleichnamige legendäre Kneipe.

Q: Quelle Firmenübernahmen und -schließungen bewirken auch, dass vertraute Reklame aus dem Stadtbild verschwindet und sich im Buchstabenmuseum wiederfindet: wie Quelle, Kaiser’s, Karstadt, Reichelt. Siehe M, O.

R: Rundfunk Teil von „Deutscher Demokratischer Rundfunk“ aus der Nalepastraße, so hieß der staatliche DDR-Hörfunk: „Unsere englischsprachigen Besucher lieben das ,musikalische‘ FUNK sehr!“, sagt Barbara Dechant.

S: Stress War in den letzten Wochen vor der Ausstellung bei ihr und all den ehrenamtlichen Mitstreitern des Museums extrem hoch.

T: Typo-Szene In Berlin gar nicht so kleine Gemeinde der Schrift-Liebhaber- und -Experten. Trifft sich einmal monatlich zum Typostammtisch an verschiedenen Orten. Dort kommen zwischen 50 und 150 Schrift-Nerds, Barbara Dechant ist öfter da. Siehe: B.

Ü: Übernahme Bezeichnet die Akquise von Buchstaben durch das Museum. „Ü1“, die erste Übernahme: „Autoradio & Blaupunkt“-Schriftzug vom Europahaus in der Stresemannstraße. Damit begann die offizielle Sammlung. Stand letzte Woche: 170 Übernahmen. Siehe A, F.

V: VEB Neontechnik Halle Leuchtreklameherstellungs-Quasi-Monopolist der DDR, dessen Konstruktionspläne das Museum durch einen Glücksfall vor Jahren bekam.

W: Wiener Schmäh „Bedeutet, charmant zu sein – statt Preußisch-deutsch.“ Hilft der gebürtigen Wienerin öfter. Beispiel: „Kaufhof“-Schriftzug an Ostbahnhof. „Ich bin zufällig beim Abriss vorbeigefahren, als der Bauleiter rauskam. Da hab ich ihn sofort angequatscht.“

Z: Zierfische Legendäre Leuchtreklame am Frankfurter Tor. Das Geschäft musste 2009 schließen, das Museum wollte die Sonderanfertigung von Manfred Gensicke übernehmen. Eines Tages sah Dechant, die damals in der Nähe wohnte, dass sich Männer auf einer Leiter daran zu schaffen machten. Sie schritt sofort ein. Der eine: „Wir haben einen Vertrag mit dem Besitzer.“ Dechant: „Das ist aber eine Besitzerin!“ Sie rief die Polizei an – und dann das Büro, wo sie damals arbeitete: „Ich kann heute nicht kommen, ich muss die Zierfische bewachen!“  Siehe auch: B, F, W.

Buchstabenmuseum Stadtbahnbogen 424, Tiergarten, Do–So 13–17 Uhr, Eintritt 12/ erm. 6,50 €, buchstabenmuseum.de

Die Schriften des Hansaviertels Ausstellungseröffnung Do 21.11., 18 Uhr, Ausstellung: 22.11.–19.4.2020