Kinoleidenschaft

Das Cinema Paradiso ist in einem Keller in Kladow

Am Stadtrand sammelt Wolfgang Weber alles, was mit analogem Kino zu tun hat. Im Keller hat er 1.000 Filme, historische Projektoren und sogar ein Hauskino. Nun wandelt ­Weber seine Sammlung zum „Museum für ­Filmkunst“ um. Ein Besuch.

Foto: F. Anthea Schaap

In der Nähe des Kladower Hafens, wo die Fähren der BVG in den Sommermonaten Hunderte Ausflügler ausspucken, steht das Haus der Webers, das wie jedes andere im Kiez aussieht. Auch im Wohnzimmer, in das Wolfgang und Sabine Weber hineinbitten, deutet nichts darauf hin, dass sich darunter ein Schatz verbirgt, der nicht nur Cineasten in Erstaunen versetzen dürfte. Denn Weber sammelt alles über das alte, analoge Kino, das er in die Finger bekommt. Und das ist eine ganze Menge.

Die Treppe hinab geht es in den Keller. Dort liegt Webers Reich. Rund um die kleine Bar im Vorraum zieren zahlreiche Plakate, Fotos und Flyer die Wände, von der Decke hängen Schmalfilmkameras aus vergangenen Jahrzehnten. „An die 300 werden es bestimmt sein“, sagt Sabine Weber. Sie unterstützt ihren Mann in seiner Sammelleidenschaft – und hat sich selbst in den bald vier Jahrzehnten Ehe davon anstecken lassen.

Über dem Eingang zum Vorraum leuchtet ein Schriftzug: „Cinema Paradiso“. Es ist der Titel von Webers Lieblingsfilm. Der 1988er Klassiker von Giuseppe Tornatore handelt von einem Jungen, der in einem kleinen italienischen Dorf seine Passion für das Kino und alles, was damit zusammenhängt, entdeckt.

Die Handlung spiegelt Webers eigene Lebensgeschichte wider. „Als Sechsjähriger erhielt ich meinen ersten kleinen Projektor“, sagt er. An den erinnert er sich genauso gut wie an die ersten Filme, die er darauf abspielte: „Kathrinchens Flegeljahre“ oder auch „Rata­tat aus dem Koffer“.

Verstärkt wurde diese Bewunderung für Lichtbildprojektionen durch den 1989 verstorbenen Filmproduzenten Wenzel Lüdecke. Der war der Gründer der „Berliner Synchron“, dem noch heute größten deutschen Synchronunternehmen. In Lüdeckes Anwesen arbeitete Wolfgangs Vater Fritz Weber als Hausmeister. Den Sohn nahm er schon früh mit an seinem Arbeitsplatz, wo dieser auf Schauspielstars traf wie Freddy Quinn, Götz George oder Horst Buchholz. Wann auch immer er dort einem Schauspieler begegnete, bat er um ein Autogramm. Die Sammlung hat er heute noch.

Nach der Berufsausbildung zum Starkstrom­elektriker heuerte Weber kurze Zeit in der Firma von Lüdecke an. Danach wechselte er zum Sender Freies Berlin und war dort fast 40 Jahre lang als Tontechniker beschäftigt. Neben dem Beruf erlernte Weber aber auch das Filmvorführer-Metier – und wechselte die Rollen in heute längst vergessenen Lichtspielhäusern wie „Die Kurbel“ in der Giesebrechtstraße, dem „Bellevue“ am Hansaplatz oder auch „Lupe 1“ und „Lupe 2“.

Die Filmsammlung von Wolfgang
Weber umfasst rund 6.000 Rollen, Foto: F. Anthea Schaap

Von 1992 bis 2006 stellte er die Technik für Kinoabende in der Waldbühne und führte dort selbst vor. Bis zu 20.000 Zuschauer schauten in der Open-Air-Location Filmklassiker, die über seine mobilen Projektoren liefen. Seine Leidenschaft sprach sich bald auch im Filmbusiness rum. Sein Ruf reicht sogar bis nach Hollywood. In Berlin ist Weber selbst heute noch bekannt wie ein bunter Hund.

In den Gängen seines Kellers stapeln sich jetzt Hunderte analoge Vorführgeräte für den Hausgebrauch. Wolfgang Weber führt von einem Raum zum nächsten. Unter den Exponaten sind auch Schmuckstücke wie eine Laterna Magica, ein historisches Projektionsgerät und Vorläufer der analogen Kinotechnik. Dazwischen hängen immer wieder Fotos einstiger Hollywood-Ikonen, Bücher über die Kinogeschichte und auch Filme – rund 1.000 Stück hat Wolfgang Weber im Laufe der Zeit gesammelt. Für sie ließ er eigens einen Raum anbauen. Dort lagern die Rollen – sechs je Film –, die Weber bei Bedarf zusammenklebt und in seinem Hauskino abspielt.

Insgesamt zweimal ließen die Webers ihren Garten aufreißen. Einmal für das Filmarchiv, das zuvor im Haus verteilt war, ehe Sabine Weber die Wohnräume zur „KFZ“, zur „kinofreien Zone“, erklärte. Das war 2004. „Damals waren die Nachbarn verdutzt, was wir wohl bauen“, sagt Weber schmunzelnd. Ein weiteres Mal, mussten der Rasen der Webers und die Nerven der Nachbarn 2016 leiden. In diesem Jahr lernte Wolfgang Weber über das Internet einen österreichischen Rallyefahrer kennen, der ein Grundstück erbte, auf dem ein größtenteils zerfallenes Kino stand. Das Erstaunliche: Die Projektoren hatten Jahrzehnte des Dornröschenschlafs überlebt. Weber erhielt den Zuschlag für die historischen Stücke, die er nach und nach mit einem Freund aufbereitete. Nun stehen sie betriebsbereit im jüngsten Kelleranbau seines Hauses.

Gesundheitlich lief es zu diesem Zeitpunkt weniger gut. Seit 2009 hatte Wolfgang Weber mit den Folgen eines Schlaganfalls zu kämpfen, der ihn mehrere Monate außer Gefecht setzte. Nicht zuletzt die Leidenschaft für das analoge Kino gab ihm die Kraft, sich ins Leben zurück zu kämpfen. Auch wenn er ­heute humpelt und es ihm manchmal schwerfällt, die Treppen hinab zu steigen. Bei der Rehabilitierung half auch der große Freundes- und Bekanntenkreis, den die Webers über die Jahre aufgebaut hatten: andere Kinoverrückte oder auch Freunde, die die Webers seit vielen Jahren zu regelmäßigen Filmabenden ins hauseigene Kino mit seinen fast 40 Sitzplätzen einluden.

Wolfgang Weber verbringt täglich mehrere Stunden in seinem Hobbykeller, Foto: F. Anthea Schaap

Der neueste Anbau, in dem die großen Projektoren betriebsbereit aufgestellt sind – darunter ein zwischen 1909 und 1926 produzierter 35-Millimeter-Filmprojektor von Mechau, von dem weltweit nur noch sechs Stück existieren – wird nun, ab Ende Mai, zum Herzstück des „Museums für Filmkunst“. In diesem Raum stehen auch andere Exponate, die Weber besonders wichtig sind – darunter sein erster eigener Projektor mit den kurzweiligen Stummfilmen der Kindheit, seine Autogrammsammlung oder auch ein Leuchtschild von Wenzel Lüdeckes Synchronfirma, das er mit viel persönlichen Engagement vor der Abrissbirne bewahren konnte. „Wir wünschen uns Besucher, die ein wirkliches Interesse an den alten Projektoren und am analogen Film haben“, sagt Sabine Weber. Das ist nur allzu verständlich. Schließlich müssen die Webers so viel Vertrauen zu den Gästen haben, dass sie sie in ihre eigenen vier Wände lassen.

Beim Verlassen des Kellers fällt der Blick noch auf ein ganz besonderes Autogramm. „Get well soon“, hat der „Matrix“-Star Keanu Reeves ihm geschrieben, als er von Webers Schlaganfall erfuhr. Reeves bei einem seiner nächsten Berlin-Besuche nach Kladow zu locken, wäre ein Traum, den die Webers sich gerne erfüllen würden. Die Chancen stehen gar nicht schlecht.

Museum für Filmkunst Die Eröffnung unter geladenen Gästen findet am 25. Mai statt. Derzeit arbeiten die Webers an einer Website, die demnächst online gehen soll