Das Debüt-Album von Alle Farben

Alle Farben

Das große Publikum hatte er von Anfang an im Blick. Das verrät bereits der Künstlername. Der lässt auf bunte, abwechslungsreiche Musik schließen, die durch ihre Vielseitigkeit überdurchschnittlich viele Menschen erreicht. Womit sowohl Sound- als auch Erfolgsrezept des 28-Jährigen erklärt wären. In seinen DJ-Sets sind tatsächlich beinahe alle (Klang-)Farben vertreten: Von Klassik, Soul und Reggae bis hin zu R’n’B oder Swing, stets unterlegt mit elektronischen Beats aus dem House- oder Tech-House-Bereich. „Ich bin noch nie verbohrt in eine Richtung gegangen, sondern schon immer zwischen den Genres gewandert“, erklärt Alle Farben, der mit gebürtigem Namen Frans Zimmer heißt. Dass seine Sets stilistisch so breit gefächert sind, lässt sich vielleicht auf seine frühere Abneigung gegen Elektro zurückführen. „Das war für mich monotone Stampfmusik. Damit konnte ich lange Zeit nichts anfangen.“ Wie facettenreich elektronische Musik eigentlich ist, stellte Zimmer erst allmählich fest. Ebenso, wie viele Kolorierungen man ihr entlocken kann. Luminous Green ist eine davon. „Das ist ein sehr dunkles, im Meer vorkommendes Grün mit einem Schuss Blau“, erklärt er. Eines seiner meistgeklickten DJ-Sets trägt diese Farbe im Titel. „Das war für mich sehr passend. Es ist ein sehr melancholisches Set. Aber diese angenehme Art von Melancholie. Ich verbinde damit auch ein bisschen das Meer. Mein Vater ist an der Nordsee geboren. Er war Seefahrer. Daher habe ich einen Bezug dazu.“
Eine derartige Verschmelzung aus akustischen und visuellen Sinneseindrücken nennt man in der Psychologie Synästhesie. Passenderweise hat Zimmer seinem im Mai erscheinenden Debütalbum den Namen „Synesthesia“ gegeben. Es enthält dreizehn komplett selbst produzierte Tracks, darunter auch einige Features, die überraschend poppig daherkommen. Die Single „She Moves“, zu der der neuseeländische Sänger Graham Candy die Vocals beisteuert, klingt nach einer Mischung aus Wankelmuts Sommerhit „One Day“ und Milky Chances „Stolen Dance“. Ans Elektro-Genre erinnert da nur noch der gerade Beat. „Dass das ein Radiosong wird, war gar nicht geplant“, erzählt Zimmer, „es hat sich einfach so ergeben und als der Track fertig war, wollte ich dann auch nicht auf Teufel komm raus noch irgendwelche Geräusche einbauen, nur damit er ja nicht zu poppig ist.“ Er mache ja immer noch Spartenmusik und keinen knalligen Pop, aber „gerade deshalb ist es umso schöner und auch besonders, wenn einer meiner Tracks mal von vielen gehört wird.“
Doch auch die restlichen Stücke auf Zimmers Debüt liebäugeln größtenteils recht auffällig in Richtung Charts und Massenkompatibilität. Die spannungsvolle Dramaturgie seiner Live-Sets konnte er in die Eigenproduktionen nicht hinüberretten. Viele Songs plätschern auf einem immer gleichen Energie-Level dahin, ohne Idee, ohne Entladung. „Das Album ist bewusst nicht so clubtauglich. Es ist so konzipiert, dass man es in Ruhe genießen und die Seele dazu baumeln lassen kann“, sagt Zimmer. Ob das Debüt nun ein Erfolg wird oder nicht – den internationalen Durchbruch kann er schaffen, da ist sich Zimmer sicher. „Ich befinde mich gerade an der Schwelle, an der ich mir darüber im Klaren werden muss, ob ich das überhaupt will. Möchte ich in der Woche 20 Flugstunden haben? Möchte ich mein Privatleben in den nächsten Jahren auf Eis legen?“ Ende Sommer gehen die Bookings für das Frühjahr los. Bis dahin muss sich Zimmer entscheiden.

Text: Henrike Möller

Foto: J. Konrad Schmidt (BFF)

Alle Farben, CD „Synestesia“ (Kallias)

Nächste Auftritte ?Infos unter www.alle-farben.com

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