Kino & Film in Berlin

Das Ereignis des Films

Der Streit um die Projektion von Klassikern verweist auf die Probleme der Filmstadt Berlin.

Charlie Chaplin„Das Kino im 21. Jahrhundert ist digital“: Mit diesem deutlich zu apodiktischen Satz hat Timothy Grossman auf den Ärger von Besuchern der Hitchcock-Retrospektive im Babylon Mitte reagiert, die sich getäuscht fühlten, als sie einen Klassiker in einer DVD-Projektion vorgeführt bekamen.  Es ist eben doch ein Unterschied, ob man einen Film in der Form vorgeführt bekommt, in der er historisch gemeint war, oder ob man ihn nur als Informationspaket versteht, das sich in jede beliebige Situation übertragen lässt.
Die historisch korrekte Präsentation ist Aufgabe einer Kinemathek, die DVD hingegen ist ein Medium für das Heimkino, in dem jedermann nach Belieben die Standards selber festlegen kann. Grossmann hat recht, wenn er sagt, dass das Babylon keine Kinemathek ist. Es operiert aber immer wieder als eine solche, und das hat ursächlich mit der historisch gewachsenen, speziellen Situation in Berlin zu tun, wo es zwar mit dem Arsenal und dem Zeughauskino zwei sehr kompetente Institutionen für Geschichte und Gegenwart des Films gibt – beide haben aber nicht die Funktion (und auch nicht das Budget), die einer klassischen Kinemathek zukommt.
Das Babylon, das sich in den letzten Jahren nicht zuletzt durch einen dritten Saal (der diesen Namen eigentlich nicht verdient) sehr „breit aufgestellt“ hat, wie man im betriebswirtschaftlichen Deutsch gern sagt, stößt immer wieder in die Lücke, die in der Berliner Kulturpolitik immer schon offen war, und agiert mit Retrospektiven wie derzeit zu Hitchcock oder Chaplin sehr wohl auch wie eine Kinemathek. Das suggeriert zumindest die Werbung, die das Kino am Rosa-Luxemburg-Platz zunehmend als Hort der Klassiker anpreist: So war es schon bei Lubitsch und Wilder, und auch da gab es schon Klagen wegen unzulänglicher Präsentation. Im Detail sabotiert Grossmann damit die Hoffnungen auf einen verantwortlichen Umgang mit dem Medium Kino in seiner Geschichtlichkeit in Berlin: Denn mit einer äußerlich erfolgreichen, im technischen Detail aber unbekümmerten Eventkultur koppelt er die großen, längst weitgehend digitalisierten Namen endgültig von ihrem (analogen) Kontext im 19. und 20. Jahrhundert ab, und damit auch von der weltweiten Arbeit am filmischen Erbe, bei der Filmarchive aus allen Metropolen zusammenarbeiten. Selbst das Babylon greift bei Chaplin ja auf diese unverzichtbare Arbeit zurück.
Was für die anderen Künste gilt, muss auch für das Kino gelten: hohe Editionsstandards wie in der Literatur, profunde Aufführungskritik wie in der Musik, materiale Werkspezifik wie in der Bildenden Kunst. All das setzt Grossman aufs Spiel, wenn er nun auch gegenüber dem tip wieder sagt: „Das Kino-Erlebnis ist für mich in beiden Fällen dasselbe.“ Diese Meinung sei ihm unbenommen. In die Verantwortung gerufen gehört hingegen die Berliner Kulturpolitik, die desinteressiert dabei zusieht, wie sich diese Stadt, die sich gern als Filmstadt gibt, von der Filmgeschichte abkoppelt.

Text: Bert Rebhandl

Lesen Sie hier:

„Chaplin Complete“ – Eine Retrospektive

Ein Interview mit Babylon-Chef Timothy Grossman

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