Das Fantasy Filmfest 2015

Das Märchen der Märchen

Bitterböse und sarkastisch scheint der vorherrschende Tonfall beim diesjährigen Fantasy Filmfest zu sein, das eröffnet wird mit einem Film, dessen Protagonist über Leichen geht.
„Kill Your Friends“
heißt das Werk, in dem Nicholas Hoult den dynamischen Jungmanager einer Londoner Plattenfirma verkörpert, immer auf der Suche nach dem nächsten großen Ding. Die Musiker, die er trifft (darunter Moritz Bleibtreu), sind allerdings so größenwahnsinnig und durchgeknallt, dass sein Job wie ein großes Vabanquespiel erscheint. Nimmt er sie unter Vertrag und floppt deren Musik, rollt sein Kopf, nimmt er sie nicht unter Vertrag und wird der Act bei einer anderen Plattenfirma ein Erfolg, geht es ihm nicht besser. Da muss man der eigenen Karriere schon mal nachhelfen, indem man Konkurrenten aus dem Weg räumt. Als „American Psycho der Musikindustrie“ hat mit dem einstigen Musikmanager Tim Renner einer, der es wissen muss, den zugrunde liegenden Roman von John Niven charakterisiert. So böse und gezielt mordend wie seinerzeit Christian Bale in dessen Verfilmung ist Nicolas Hoult hier allerdings nicht. Trotzdem darf man gespannt sein, was John Niven, der zusammen mit Regisseur Owen Harris zur Berliner Premiere kommt, die auch die Weltpremiere des Films ist, zu sagen hat.
MaggieLustvoll böse geht es auch im Abschlussfilm „Cop Car“ von Jon Watts zu, in dem zwei zehnjährige Freunde in der amerikanischen Einöde auf ein Polizeiauto stoßen. Der Zündschlüssel ist schlecht versteckt, also bietet sich eine Spritztour an. Dumm nur, dass im Kofferraum ein gefesselter Mann liegt und sie sich bald darauf in eine mörderische Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Sheriff (Kevin Bacon), der auch nicht gerade eine saubere Weste hat, verstrickt sehen.
Mit mehreren Titeln ist auch das deutschsprachige Kino diesmal vertreten und zeigt, dass es mehr zu bieten hat als schematische Komödien. Die Spannbreite reicht vom trashigen „Stung“ von Benni Diez über Nikias Chryssos’ aberwitzige Erziehungsstudie „Der Bunker“ bis zur eleganten Vampir-Paraphrase des Österreichers David Rühm, „Therapie für einen Vampir“.
Auch der von Matteo Garrone inszenierte Film „Das Märchen der Märchen“ bietet keine folkloristische Darstellungsweise an: Hier ist alles erheblich düsterer, sei es ein König, der sein Gemach mit einem riesigen Floh teilt, oder die Königin, die alles tut, damit ihr Wunsch nach einem männlichen Thronerben in Erfüllung geht. Schon verständlich, dass der Filmemacher bei der Deutschlandpremiere beim Filmfest München bestätigte, dass diese Märchen, im 17. Jahrhundert von Giambattista Basile zusammengetragen, heute nicht unbedingt zur Gutenachtlektüre italienischer Kinder gehören.
The HallowEine zeitgenössische Entsprechung zu diesem Film ist der britische Film „The Hallow“ von Corin Hardy, der Märchenhaftes mit eindringlichen Monsterkreationen und hochgradigem Spannungskino verbindet. Ganz am Ende steht die schöne Widmung: „Zur Erinnerung an Ray Harryhausen, Dick Smith, Stan Winston & Leo Hardy, die mir beibrachten, an Monster zu glauben“. Dieser Verneigung vor einigen der größten Monstermacher des Kinos erweist sich der Film als würdig, seine Monster sind erschreckend, und zugleich bindet er sie in eine magische Atmosphäre ein. Nach der finalen Konfrontation zwischen einem Umweltexperten, seiner Ehefrau und dem kleinen Baby, die es in die irische Abgeschiedenheit verschlagen hat, und die ganz offensichtlich in einem Studiowald stattfindet, wechselt der Film zu dokumentarisch wirkenden Aufnahmen vom Baumfällen und dem Abtransport der Stämme. Der genaue Blick auf einen der Stämme verrät dem Zuschauer jedoch, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist. Das Böse zieht in die Welt hinaus, einmal mehr.

Text: Frank Arnold

Foto oben: Concorde Film

Foto mittig: Tracy Bennett / Splendid Film

Foto unten: M.Maguire /  MFA+ FilmDistribution

Fantasy Filmfest 2015, 5.–16.8. im Cinestar Sony Center, Potsdamer Platz, Mitte

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