Beststeller-Autor

„Das Feld“ von Robert Seethaler

Kraftfeld Sprache: Schriftsteller Robert Seethaler ist Österreicher, lebt aber seit 20 Jahren in Kreuzberg. Man kann mit ihm prächtig das Denken beim Gehen üben

Urban Zintel

Ein Mann sitzt unter einer Birke, vor sich hat er ein Feld, in dem Feld liegen Menschen. Sie sind tot. Das Feld ist ein Friedhof. Der Mann denkt über diese Toten nach, so ­intensiv, dass er den Eindruck hat, sie ­würden zu ihm sprechen. Sie erzählen ihm ihre Geschichte. Viele Geschichten, viele Namen, ein Ort (eine mittlere Stadt namens Paulstadt), ein Versammlungsort – das Jenseits, repräsentiert durch ein Feld. Davon erzählt der österreichische Beststellerautor Robert Seethaler in seinem neuen Buch „Das Feld“.

Der Titel ist scheinbar einfach, aber er hat auch Hintersinn. Denn der Effekt dieser Lektüre ist nicht zuletzt der, dass man sich in dieses Paulstadt hineingenommen fühlt, aber nicht nur so wie in einen konkreten Ort, sondern auch wie in ein Kraftfeld, das aus nichts anderem besteht als aus der Projektionskraft von Seethalers Sprache. Einer Sprache, die von hinter dem Sterben kommt. Die aus dieser Position spricht, in der man alles besser weiß, aber nichts mehr davon hat.

Es ist Seethalers erstes Buch seit dem großen Erfolg, den er 2014 mit „Ein ganzes Leben“ hatte. Geschrieben wurde „Das Feld“ in einer Wohnung in Kreuzberg, wo der ­gebürtige Österreicher seit bald 20 Jahren lebt. Für das Autorengespräch sind wir zu einem Spaziergang verabredet, Treffpunkt ist die Admiralbrücke, die an diesem Tag gar nicht wirkt wie ein Weltkulturdenkmal für Touristen unter 20, sondern ganz ruhig und alltäglich daliegt. Seethaler ist ein sehr großer, schlanker Mann, mit dem man prächtig das Verfertigen der Gedanken beim Reden üben kann. Das gilt auch dann, wenn er das Gespräch anfangs unter einen gewissen Vorbehalt stellt: „Meine Gedanken lösen sich auf, sobald ich sie ausgesprochen habe.“ Er meint damit: Wenn er mit jemandem redet, dann sind das keine Stehsätze. Er fängt immer ­wieder von vorn an. Und mit dem Interpretieren seines Buches muss man ihm gleich gar nicht kommen: „Ich mache mir keine Gedanken über das, was ich schreibe, sondern das, was ich schreibe, sind meine Gedanken.“

Man findet sich in dem Buch sowieso auch gut allein zurecht, bei ruhiger, konzentrierter Lektüre verweben sich die einzelnen Geschichten allmählich so dicht, dass man wirklich den Eindruck bekommen könnte, ­etwas mehr von der Grenze zwischen Hier und dem großen Unbekannten zu verstehen. Was wohl auch das Interesse Seethalers war: „Der Tod ist eine Mutmaßung. Eine Vorstellung. Es gibt ihn nicht, wir wissen nichts darüber, werden vielleicht, hoffentlich nie etwas darüber wissen.“ Wissen wäre Macht, hier geht es aber um das Unverfügbare.

Während wir am Landwehrkanal entlang schlendern, bleibt Seethaler immer wieder stehen, und spricht dann immer wieder sehr offen von den Grunderfahrungen ­seines Lebens: von seiner Augenkrankheit, die ihm schon als Kind „diesen kleinen Ort“ zuwies, den er später im Schreiben fand („als Kind habe ich nicht geschrieben, sondern fantasiert“); von seinen Erfahrungen als Theaterschauspieler, wo er den Blick der Zuschauer irgendwann nicht mehr ertrug („ich habe mich da so falsch gefühlt, so nackt, so beschämt“); und von seinem großen Erfolg, der mit dem Freud-Roman „Der Trafikant“ begann, und der ihn scheinbar wenig beeindruckt: „Erfolg kann die inneren Seelenlöcher nicht stopfen.“

Wenigstens kann Literatur diese ­fragile Erfahrung, die wir Leben nennen, immer wieder für Momente oder für die Dauer ­eines Buches ein bisschen ins Gleichgewicht bringen. „Wie soll man wissen, wie man stirbt, wenn man nicht weiß, wie man lebt?“, fragt Seethaler, und er klingt dabei so, als wüsste er nach dem Schreiben von „Das Feld“ doch über beide Aspekte einiges mehr. Das Buch klingt auch so, und es wäre erstaunlich, wenn nicht ein großer Teil des Lesepublikums in Deutschland das ähnlich sehen würde.

Das Feld von Robert Seethaler, Hanser Berlin, 240 S., 22 €

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