Film-Adaption

„Das Fest“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

Es bleibt in der Familie: Happy Birthday! Anne Lenk inszeniert „Das Fest“ über brutale Verdrängung

Foto: Arno Declair

Das Timing stimmt schon mal: Ein paar Wochen nach Weihnachten, traditionell Fest der Familienkräche oder der nur mit Mühe arrangierten Festtagsstimmung – da passt „Das Fest“ natürlich bestens. Thomas Vinterbergs Dogma-Film über eine Familienfeier, die plötzlich von der Erinnerung an eine Familiengeschichte des sexuellen Missbrauchs gestört wird, ist seit der Film 1998 herauskam eine gerne vom Theater adaptierte Vorlage.
Das geschlossene Setting, das Kippen der Geburtstagsparty ins blanke Grauen, die moralische Fallhöhe – und das seit 150 Jahren auf bürgerlichen Bühnen so beliebte Motiv der bürgerlichen Lebenslügen macht es zum jederzeit gerne inszenierten Repertoire-Stoff. Christopher Rüping zum Beispiel hat es in seiner vor zwei Jahren zum Theatertreffen eingeladenen Stuttgarter Inszenierung in eine Art therapeutische Versuchsanordnung aufgelöst, in der die Darsteller sehr leicht und beiläufig ihre Rollen wechseln und die alte Schreckensgeschichte noch einmal durchspielen, um sich für immer von ihr zu befreien.

Anne Lenk hat sich in den DT-Kammerspielen für eine wesentlich konventionellere Lösung entschieden. Das Publikum ist Teil der Party, zum Entrée gibt´s ein Glas Sekt, und anschließend sitzt man mit den Akteuren auf drei Seiten um die Spielfläche (Bühne: Halina Kratochwil). Ein offenbar durch nichts zu erschütternder Charme-Routinier (Bernd Moss) führt als Toastmaster durch den Abend, es geht auch nicht schlimmer zu als bei anderen runden Geburtstagen älterer Herrschaften. Man schwelgt sentimental in Erinnerungen, versichert sich gegenseitig, eine tolle Zeit gehabt zu haben, gern garniert mit liberalen Phrasen von den tollen Eltern, die ihren Kindern „immer auf Augenhöhe“ begegnet seien. Man übersteht kleine Kräche und hofft, dass der Problemsohn sich nicht wieder danebenbenimmt und abstürzt.

Der Patriarch (Jörg Pose) tut seiner Selbstzufriedenheit keinen Zwang an, seine Gattin (Barbara Schnitzler) lächelt unerbittlich, die Kinder (Alexander Khuon, Lisa Hrdina, Camill Jammal) geben sich alle Mühe, den Abend ohne Blamagen hinter sich zu kriegen. Anne Lenk inszeniert das als leichtes, unaufgeregtes Parlando. Die Attacke des ältesten Sohnes Christian platzt dann um so heftiger in das harmlose Geplauder: Christian erzählt in seiner Geburtstagsrede charmant und freundlich, wie der Jubilar ihn und seine Geschwister immer wieder vergewaltigt, wie die Mutter zu- und weggesehen hat.

Alexander Khuon führt sehr genau und eindrücklich vor, wie der Charme, die souveräne Höflichkeit, die freundliche Maske dieses Christian ein Schutzpanzer ist; der letzte Halt in einer unerträglichen Situation. Und er führt vor, wie diese Contenance zerbricht und nur noch blanker Schmerz und so etwas wie lebenslängliche Wut übrig bleibt, als die eisern verdrängungsentschlossene Festgesellschaft das einfach an sich abperlen lässt.

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