Essen und Trinken in Berlin

Das Festival „Stadt Land Food“ in der Markthalle Neun und Umgebung

Das Festival

In der Lagune von Orbetello wird das ­Wasser allmählich wärmer. Wenn man den Finger hineinhält, was spontan kaum jemandem einfallen würde, wäre das nicht zu bemerken. Doch die Fischer, die jeden Morgen mit ihren kleinen Booten hinausfahren, um auf traditionelle Weise die Netze auszuwerfen, die merken, dass sich das Wasser verändert, und damit auch die Fischpopulation. Sie erzählen davon auch in dem Film „I cavalieri della laguna“ von Walter Bencini, der in diesem Jahr beim Kulinarischen Kino im Rahmen der Berlinale gezeigt wurde.
Nun  taucht er noch einmal im Rahmen eines ganz anderes Festivals auf: Stadt Land Food findet am ersten Oktober-Wochenende rund um die Markthalle Neun in Kreuzberg statt. Ein „Festival für gutes Essen und gute Landwirtschaft“. Braucht es da auch ein Filmprogramm, oder hätte man nicht ohnehin genug zu tun, von einem „Manifesto for contemporary coffee experience“ zu einer Verkostung „Bukowski meets Müller-Thurgau“, von einer Schau-Destillation über die Entstehung von Gin zu einem Workshop über Wildkräuter zu streifen, und alle die Genüsse und Eindrücke dann bei einem guten Gespräch zu verarbeiten?
Doch nicht nur „I cavalieri della laguna“ zeigt, dass das Filmprogramm bei Stadt Land Food mehr als nur eine Behübschung des dichten Kalenders der Veranstaltung ist. Wenn es um die Beziehungen zwischen Kunden und Erzeugern, zwischen Genießern und Produkten geht, kommt immer stärker auch ein dokumentarisches Interesse ins Spiel. Viele Menschen wollen heute nicht mehr einfach nur essen, sie lassen sich auch Geschichten zu ihren Mahlzeiten erzählen. Und die besten Geschichten sind häufig diejenigen, die wahr sind – auch wenn viele Wahrheiten nicht immer angenehm sind.
Das Leben der jungen Bäuerin Uschi, das Matti Bauer in „Still“ über mehrere Jahre hinweg beobachtet hat, ist keineswegs idyllisch, und es lassen sich auch keine Kitschbilder von glücklichen Kühen darin finden. Sondern es vermittelt sich sehr gut, was auf dem Spiel steht, wenn jemand heutzutage das Land bewirtschaftet.
Ein Thema, das in „Still“ auftaucht, gehört schließlich zu den zentralen Fragen, die an die Szene der „Foodies“ und an Bewegungen wie Slow Food gestellt werden: Lässt sich denn das alles auch verallgemeinern? Ist eine gute, genussreiche, vielfältige Ernährung, bei der keine Gifte, keine Manipulationen, keine Ersatzstoffe gebraucht werden, auch im globalen Maßstab denkbar?
Das Programm von Stadt Land Food scheint sich auf den ersten Blick um diese Frage nur am Rande zu kümmern. Der Optimismus, dass eine „enkeltaugliche Landwirtschaft“(Ute Scheub) gelingen kann, wird hier an jedem Stand praktisch. Das ist aber auch notwendig, wenn man in einem Dokumentarfilm wie „Food Chains“ von Sanjay Rawal sieht, wie übermächtig die Lebensmittelindustrie nach wie vor ist. Vor allem in den USA, wo das (vor)verarbeitete Essen deutlich stärker den Konsum bestimmt als in Europa. „Food Chains“ zu rekonstruieren, das bedeutet bei Rawal auch, die unsichtbare Arbeit wieder sichtbar zu machen, die in Produkten steckt. Es ist sehr häufig schlecht bezahlte, monotone Arbeit ohne Beziehung zum Produkt. Der kritische Dokumentarfilm ist ein Genre, das inzwischen zahlreiche Erfolge vorzuweisen hat. Markus Imhoofs „More than Honey“ (über die weltweite Gefährdung von Bienenvölkern) ist auch für die Globalisierungskritik interessant, umgekehrt lässt sich Julie Perrons „Le semeur“ (über Patrice Fortier, einen der bedeutendsten Aktivisten im Dienste der Pflanzenvielfalt) als Bekräftigung der vielen Graswurzelinitiativen sehen, die auch bei Stadt Land Food präsent sein werden. Alle gezeigten Filme machen vor allem eines deutlich: dass das Essen (und das Einkaufen) in einem hohen Maß  auch eine Sache der Bilder ist, die man sich davon macht. Lange Zeit wusste das vor allem die Werbung, inzwischen ist das Kino häufig ein Verbündeter der kritischen Konsumenten.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Insekt Film, Sebastian Meyer

Stadt Land Food Markthalle Neun und Umgebung, Do 2.10. bis So 5.10., ?www.stadtlandfood.com

Mehr über Cookies erfahren