Neue Orte

Das Freiraumdorf Holzmarkt ist nun eröffnet

Wir befinden uns im Jahr 2017. Ganz Berlin ist von Investoren besetzt… Ganz Berlin? Nein! Ein von Clubbetreibern und Künstlern bevölkertes Dorf hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten

Foto: Carolin Saage

Und jetzt haben sie dort den Kampf endgültig gewonnen: Die Investoren sind geschlagen. Ein etwa 18.000 Quadratmeter großes Grundstück an der Spree zwischen Michaelkirchbrücke und Schillingbrücke ist dem Spekulantentum entzogen. Am 1. Mai wird dort ein kleines Dorf für alle begehbar sein. Und dieses Dorf wird so gar nichts gemein haben mit den vielen anderen Orten in Berlin, die an den Meistbietenden verkauft werden.  „Wir sind eine Alternative zur Mediaspree“ – so formulieren es Juval Dieziger und Johannes Fabian.

Anfang April stehen die beiden Männer auf einem zur Hälfte gepflasterten Marktplatz. Etwas weiter vorne rollt ein kleiner Bagger über den fast fertig angelegten Uferweg. Dieziger und Fabian sind zwei der insgesamt 25 Initiatoren des Holzmarkt-Projektes. Sie nennen es ihr „Wohnzimmer“. An diesem Freitag, da sind es noch drei Wochen bis zur Eröffnung, sehen beide geschafft aus. „In den letzten Jahren sind wir alle ein bisschen grauer geworden“, sagt Fabian. „Dass das mit so viel Arbeit verbunden ist, hätte niemand gedacht“, ergänzt Dieziger.

Von 2004 bis 2010 war auf diesem Spreegrundstück die Bar25 zu Hause. Juval Dieziger und Johannes Fabian waren auch damals schon dabei, wie sie arbeiten auch viele andere aus dem Umfeld der Bar25 heute beim Holzmarkt mit. „Damals wollten wir einfach einen Ort zum Feiern. Es gab genügend Brachflächen an der Spree. Also schufen wir uns unseren Ort“, sagt Dieziger.

Als die Zwischennutzung 2010 nicht verlängert wurde, zogen die Betreiber einfach um ans Spreeufer gegenüber und eröffneten dort einen neuen Club, den sie Kater Holzig nannten. Da war der erbitterte Kampf um das Bar25-Grundstück längst in vollem Gange: 2008 hatten in einem Volksentscheid fast 90 Prozent der Friedrichshainer und Kreuzberger für ein „Spreeufer für alle“ gestimmt. Doch ihre Stimmen waren nicht viel wert. Das Grundstück war seit 2003 privatisiert, es gehörte der Berliner Stadtreinigung (BSR). Und die schrieb Anfang 2012 für das Areal einfach ein Höchstbieterverfahren aus. Trotz Volksentscheid. Und auch gegen den Willen der Politik.

Nicht nur die Bürgerinitiative „Mediaspree versenken“ protestierte, auch der damalige Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg Franz Schulz (Grüne) war fassungslos. Und die, die einst die Bar25 gegründet hatten, beschlossen zu handeln und sich ihren Ort zurückzuholen.
Sie entwickelten einen Plan für ein Kreativdorf und stellten ihn öffentlich zur Diskussion. Sie organisierten sich als Holzmarkt-Projekt, gründeten die „Holzmarkt 25 Genossenschaft“ und die „Genossenschaft für urbane Kreativität“. Und im Auftrag der Genossenschaften beteiligte sich die Pensionskasse Abendrot, die ihren Sitz in Basel hat, an dem Bieterverfahren. Als sie im Herbst 2012 tatsächlich den Zuschlag erhielten, brauchten sie Geld. Viel Geld. Mehr als vier Millionen Euro Eigenkapital mussten sie sammeln. Freunde, Bekannte und Unterstützer beteiligten sich, indem sie Genossenschaftsanteile kauften.

Im Mai 2013 begann die Bebauung des Grundstücks. „Ganz ohne Bauen und Vermieten geht es nicht. Aber wir wollen nicht reich werden mit unserem Dorf. Wir vergeben den Raum zu dem, was er kostet“, sagt Dieziger.  Aber warum sollte es gleich ein ganzes Dorf sein? „Wir wollten einen schönen Ort schaffen, an dem man sich wohlfühlen kann“, sagt Dieziger. Künstler und Kulturschaffende brauchen Freiraum und eine Stadt braucht Orte, an denen die Menschen, die hier leben, sich gerne aufhalten, Orte, an denen sie zusammen arbeiten, zusammen essen und zusammen feiern. Das steckt hinter ihrer Idee von einem Dorf mitten in der Stadt. Die Holzmarkt-Initiatoren glauben, dass jede Großstadt solche Orte braucht.

Im Dorf wird es nicht nur einen Marktplatz mit Wochenmarkt und eine Bäckerei geben, sondern auch eine Kaffeerösterei, eine Patisserie, eine Weinhandlung und einen Biergarten. Außerdem eine Open-Air-Bühne, ein Theater, Ateliers für Künstler und Studios für Musiker sowie ein Yogastudio. Geplant sind zudem Studentenwohnungen, ein Technologiezentrum, ein Hotel und ein Spa. Längst fertig sind der Club Kater Blau, die Strandbar Pampa mit Kinderspielplatz, das Restaurant Katerschmaus, die Holzmarkt-Kita und die Veranstaltungshalle Säälchen mit Platz für 700 Leute (wo bereits am 21. und 22.  April beim Designer-Sale Berliner Größen wie Esther Perbandt, Starstyling, Hannes Roether, Michalsky und Butterflysoulfire teilnehmen). Die Büroräume und Studioplätze sind alle vergeben, mehr als die Hälfte der Kinder in der Kita sind die Kinder von denen, die im Holzmarkt-Dorf arbeiten. Andere kommen aus der Nachbarschaft.

So steht das Dorf hier für alles, was kein gläserner Bürohochturm, keine Luxuswohnung und kein gigantisches Einkaufszentrum ist. Es steht vielmehr für den Widerstand gegenüber einer Stadtentwicklungspolitik, die die Stadt zur Spielfläche von Investoren machen will.
In diesem Sinne greift für die Holzmarkt-Macher auch nicht die immer wieder laut werdende Kritik, hier würde die Szene selbst zum Akteur der Gentrifizierung: „Für uns gibt es nur zwei Möglichkeiten“, erklärt Juval Dieziger. „Entweder man ist radikal dagegen und besetzt deswegen Orte. Oder man ist dagegen und präsentiert eine andere Idee, was man mit Freiraum machen kann.“ Und er sagt: „Wir haben uns für die zweite Möglichkeit entschieden.“

Mehr unter www.holzmarkt.com