„Das geträumte Abenteuer“ von Valeska Grisebach in Cannes

Als „Mein Stern“ vor einem Vierteljahrhundert in einer Nebenreihe der Berlinale Premiere feierte, wagte wohl keiner der Beteiligten davon zu träumen, dass Valeska Grisebach, die damals noch unbekannte Autorin und Regisseurin des Films, einmal im Wettbewerb von Cannes zu Gast sein würde. Einen weiteren Film zeigte die in Bremen geborene, seit langem in Berlin lebende Grisebach bei der Berlinale, dann stieg sie auf: Ihr dritter Film „Western“ lief in der Cannes-Nebenriege Un Certain Regard, weitere neun Jahre später ist die absolute A-Klasse erreicht: Als einziger deutscher Film des Jahres lief Valeska Grisebachs neuer Film „Das geträumte Abenteuer“ im Wettbewerb von Cannes, wo er am Freitag Nachmittag in der vergangenen Woche Weltpremiere feierte.
„Das geträumte Abenteuer“ entwickelt trotz seiner Überlänge eine große Leichtigkeit
Fast eine sadistische Programmierung, einen 167 Minuten langen Film ganz ans Ende eines langen, anstrengenden Wettbewerbs zu stellen, doch trotz seiner Überlänge entwickelt „Das geträumte Abenteuer“ eine große Leichtigkeit, in der sich Grisebachs Gespür für genau beobachtete, authentische Momente zeigt.
Schauplatz von „Das geräumte Abenteuer“ ist wie bei „Western“ Bulgarien, diesmal die Stadt Svilengrad, die unweit der Grenze zu Griechenland und der Türkei liegt. Und damit seit 2007, seit dem Beitritt Bulgariens zur EU, unmittelbar an der EU-Außengrenze. Genau der Ort also, an dem halbseidene Geschäfte gemacht werden, Schmuggler aktiv sind, Recht und Unrecht nahe beieinanderliegen. In diesen Ort kommt zu Beginn Said (Syuleyman Alilov Letifov), ein Mann mit Vergangenheit. Benzin will er kaufen, doch sein Mittelsmann lässt auf sich warten, und dann wird auch noch sein Auto geklaut. Zufällig trifft er seine alte Freundin Veska (Veneta Frangova), die inzwischen Archäologin ist, unweit der Stadt eine Grabungsstätte leitet und ebenfalls eine Vergangenheit hat. Bald verschwindet Said, und Veska wird immer tiefer in eine Welt gezogen, die sie glaubte, hinter sich gelassen zu haben.
Seit vielen Jahren beschäftigt sich Grisebach nun schon mit Bulgarien, hat wie ihre Hauptfigur – die nicht zufällig einen ganz ähnlichen Namen trägt und auch äußerlich der Regisseurin ähnelt – gegraben, Schichten freigelegt, Zusammenhänge entdeckt, die sie nun in ein episches, aber auch loses Geflecht einfließen lässt.
Immer wieder sitzen Figuren um Tische, essen, trinken, reden, trauern der guten alten Zeit nach, scheinen die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte verschlafen zu haben, agieren noch als so brachiale Machos, wie es einst, im Wilden Osten, Tradition hatte. Auch Veska hat die Folgen erlebt, versucht nun, eine junge Frau zu schützen, die jedoch genauso resistent für Ratschläge ist, wie es Veska einst wohl selber war. Manche Abenteuer sind weniger Träume als Albträume, Valeska Grisebachs Karriere erlebt in Cannes dagegen einen weiteren Höhepunkt, und wurde schließlich bei der Abschlusszeremonie mit einem der Hauptpreise bedacht: mit dem Preis der Jury.
In die Kinos wird „Das geträumte Abenteuer“ voraussichtlich im Spätsommer oder Herbst kommen. Der tipBerlin wird dann noch ausführlich berichten.