Heimatroman

„Das Kaff“ von Jan Böttcher

Soziotop Kaff: Jan Böttcher, einst Frontmann der Berliner Kultband „Herr Nilsson“, hat einen exzellenten Provinzroman für in die Großstadt geflohene Landeier geschrieben

Foto: Timm Kölln

Es ist ja klar, wir wohnen am Prenzlauer Berg. Wir haben uns vor fünf Jahren dazu entschieden. Doch erst seitdem man wieder Wasser frisch vom Brunnen holt, sind wir hier wirklich ganz zufrieden.“

1997 war es, als Jan Böttcher diesen Text für die Berliner Indieband „Herr Nilsson“ schrieb. Etwas mehr als 20 Jahre später hat es ihn aus der Lychener Straße im Herzen von Prenzlauer Berg in die Altpankower Gaillardstraße vertrieben. Seine Band ist seit über einem Jahrzehnt Geschichte.
Dabei war sie „auf halbem Wege zum Olymp der gehobenen deutschsprachigen Liedermacherei mit Pop-Attitüde“, Böttchers Combo hätte „die Berliner Antwort auf Erdmöbel oder Tocotronic“ sein können, wie der tip-Kollege Jacek Slaski anlässlich des 20-jährigen Gründungsjubiläums im vergangenen Jahr schrieb.

Inzwischen ist Böttcher erfolgreicher Autor, gerade ist sein fünftes Buch erschienen. Mit „Das Kaff“ will er den Eindruck, den sein literarisches Debüt vor 15 Jahren hinterlassen hat, etwas geraderücken. „Lina oder: Das kalte Moor“ sei „ein sehr unversöhnliches Buch“ gewesen, weiß er heute. Er habe sich damals noch an der Selbstgenügsamkeit der Kleinstadt abgekämpft. Erst in Berlin habe er eine Toleranz gegenüber der Provinz aufbringen können. „Menschen sind so unterschiedlich, und in der Großstadt wird man wacher dafür, großzügiger, verständnisvoller.“
Dieses Verständnis ist in sein neues Buch geflossen, mit dem er seiner Heimat „etwas gerechter werden“ wollte. Im Mittelpunkt steht der Mittvierziger Michael Schürtz, den nach Jahren im Berliner Exil ein Bauprojekt nach „Shitty Littleton“ zurückführt, wo er groß geworden ist. In diesem anonymen Kaff ereilt ihn überraschenderweise eine neue Liebe, während er von seinen Kindheitserinnerungen eingeholt wird. Kindheit und Jugend spielen in Böttchers Texten eine große Rolle, „weil ich mich dort zuhause fühle und das immer exklusiv ist“, wie er bei der Begegnung auf der Leipziger Buchmesse erklärt. Weil er in diesem Buch genau sein wollte, habe er die Geschichte in der norddeutschen Umgebung entwickelt, die ihm vertraut ist.

Je länger Michael Schürtz in der vertrauten Welt bleibt, desto mehr fängt ihn die Vergangenheit ein. Denn es gibt „zu viele Seiteneingänge in die alte Welt“, wie es im Roman heißt. Da sind seine Geschwister und das Grab seiner Mutter auf dem städtischen Friedhof, sein alter Lehrmeister Sancho sowie die alten Recken seines ehemaligen Fußballvereins. In diesem findet Böttcher den perfekten Mikrokosmos, um die politische Zerrissenheit der Gegenwart abzubilden. Das Soziotop Fußballplatz sei in der Provinz „schon noch einmal etwas anderes als in der Großstadt“, sagt er.
Umso verheerendere Auswirkungen habe dort die Professionalisierung und Kommerzialisierung des Fußballs. Sie hat für ihn dazu geführt, „dass der Vereinsgedanke, wie ich den gelebt habe, gar nicht mehr so existiert.“ Das gesellschaftliche Ventil des Fußballs falle weg und persönliche Auseinandersetzungen wanderten „in einen anonymen Raum, in dem man einander hasst und disst und mobbt. Viel Kampfsport findet über das Internet statt.“

Jan Böttchers fünfter Roman ist kein zuvorderst politischer, sondern ein empathischer. Die Figuren zeichnen nicht oberflächliche ideologische Klischees aus, sondern ihre Biografien und psychologischen Motive. Subtil, aber unverkennbar werden die gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten in dieser hochaktuellen Geschichte gespiegelt. Etwa wenn Schürtz am Grab seiner Mutter daran verzweifelt, dass die Leute Angela Merkel für ihre Politik im fernen Berlin angreifen, statt ihre Wut gegen die Menschen vor Ort zu richten, die sie verursacht haben.

Und wenn es auch nicht viel gibt, was Böttcher mit seiner Hauptfigur teilt, dieses innere Kopfschütteln gehört dazu. „Ich kann die Diffamierung anständiger Leute – und einer grundsätzlich humanitären Haltung – von rechts nur schwer ertragen“, sagt der Wahlberliner.
„Nicht gegen die Wut kämpfen muss man doch, sondern dafür, dass sie aufhört“, heißt es im Roman. „Das Kaff“ ist Böttchers vielversprechender Beitrag, diesem Appell nachzukommen.

Das Kaff von Jan Böttcher, Aufbau Verlag, 269 S., 18,69 €

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