Kino & Film in Berlin

Das Kino Zukunft am Ostkreuz

Zauberland mit Aussicht: Die Macher des Kinos Tilsiter Lichtspiele haben am Ostkreuz eine weitere Spielstätte mit vielen Möglichkeiten eröffnet.

Kino- Zukunft

Die Zukunft liegt versteckt am Ostkreuz. Nur einen Steinwurf vom glänzenden neuen S-Bahnhof entfernt führt eine Abzweigung in die kurze Laskerstraße. Ein kleines Neonschild wirft etwas Licht in die eisige Gasse: „Kinobar“. Im Hof flackert ein Feuer. Die Crew, die hier scheinbar im Nirgendwo ein Kino aufgemacht hat, grillt ein bisschen. Es gibt einen Geburtstag zu feiern, aber auch die lauschige Spielstätte, die kürzlich ihre „vorsichtige Eröffnung“ beging.
Die Betreiber sind keine Neulinge. Das Kollektiv um Filmfreaks und Künstler aus dem Ostteil der Stadt bespielt auch das Friedrichshainer Kiezkino Tilsiter Lichtspiele. Das kleine Filmhaus in der Richard-Sorge-Straße weckte die Truppe 1994 zu neuem Leben – nach 30 Jahren Dornröschenschlaf zu DDR-Zeiten. Das Programm an beiden Spielstätten leitet Werner Gladow, der sich einen Künstlernamen zugelegt hat, frei nach dem berüchtigten Friedrichshainer Revolverhelden aus dem Nachkriegsberlin. Im Zukunft soll Ähnliches laufen wie im Tilsiter: Indie-Filme, die sonst kaum zu sehen sind, wie jetzt die Neuköllner Low-Budget-Doku „Gangsterläufer“ oder die Hartz-IV-Komödie „Das traurige Leben der Gloria S.“. Hinzu kommen Arthouse-Filme, die anderswo aus dem Programm fallen, Filmreihen sind geplant, Lesungen und Konzerte.
Kino ZukunftDas Stammhaus ist schon mehrfach mit dem Kinoprogrammpreis von Berlin-Brandenburg ausgezeichnet worden, die Jury zollte dem als Kollektiv auftretenden Team ausdrücklich „Respekt bei der recht radikalen Programmierung“. Zum Repertoire zählt auch die Rarität „Die Wahrheit über die Stasi“ von 1992, eine echte Hausproduktion mit Kinomitbetreiber Alexander Zahn als Regisseur und dem Rest des Kollektivs – nebst Sympathisanten wie Rammstein-Keyboarder Flake – an allen anderen Positionen. Auf das Filmemachen ist die Truppe seither nicht mehr zurückgekommen. Die Selfmade-Regisseure wechselten spontan in die Gastronomie, eröffneten Mitte der Neunziger die Gaststätte Prassnitz. Der Laden in der Torstraße mit den alten Osttapeten und dem Bier, das die Hausherren selber brauen, läuft bis heute gut.
Das Zukunft am Ostkreuz bildet jetzt Teil drei. „Wir wollten schon länger etwas Neues machen und haben auch schon einige Jahre lang Ausschau gehalten nach interessanten Orten. Aber am Ende hat es sich immer zerschlagen.“ Letztes Jahr dann die glückliche Fügung: Da stand das einstige Lager des DDR-Filmverleihs Progress zur Vermietung – mit einem Eigentümer, der nichts dagegen hat, wenn eine Zeitlang Subkultur einzieht auf dem an Wert zulegenden Grundstück. Vorher gab es dort einen Technoklub, turbulente Zeiten, die mit einem Brand in einer der Lagerhallen endeten. „Wir haben also eine Art Ruine vorgefunden“, sagt Gladow.
Seither hat sich viel getan. Der erste von zwei Kinosälen ist in Betrieb, auf der Leinwand flimmert derselbe vertraute rote Samtvorhang wie im kleinen Stammhaus, die Bestuhlung stammt aus einem Kino in Leipzig. Das Herzstück des Ortes, die Kneipe, wirkt jetzt schon freundlich einladend: In gelbes Licht getaucht und mit der Hausmarke in der Zapfanlage erkennt man die Handschrift der Macher. „Alles hier drin war vorher irgendwo anders“, erzählt Gladow, „die Tapeten kommen aus einem Kraftwerk, die Deckenleuchten waren vorher in einem Krankenhaus in Neukölln, nur der alte Fahrstuhl war schon da. Es sieht alles so aus, als wäre es immer hier drin gewesen.“ Auch in den übrigen Räumen regt sich Leben. Im Keller hat ein Musikclub eröffnet, nebenan folgt bald ein Ausstellungsort für Fotografie, die „Kunstkabine“. „Es ist schon etwas mehr als nur ein Kino“, freut sich der Programmmacher. Immer noch gibt es Freiräume; der Einzug der kleinen Brauerei im Kellergeschoss ist schon geplant, weitere Ideen werden folgen. Werner Gladow: „Wer hier mitmacht, kann sich selbst verwirklichen.“

Text: Ulrike Rechel

Foto oben: Oliver Wolff

Foto unten: Werner Gladow

Kino Zukunft am Ostkreuz, Laskerstraße 5/Ecke Markgrafendamm, Friedrichshain

www.kino-zukunft.de

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