Bildhauerei

Das Kolbe Museum zeigt: Zarte Männer in der Skulptur der Moderne

Nicht die Muskelkraft, sondern die Empfindsamkeit spricht aus ihnen. Die neue Ausstellung „Zarte Männer in der Skulptur der Moderne“ gibt einen Überblick über Männerskulpturen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden sind

Aristide Maillol, Le Cycliste, Version in feuchtem Ton mit dem Modell Gaston Colin im Atelier in Marly-le-Roi, 1907. Foto: Harry Graf Kessler/ Deutsches Literaturarchiv Marbach

Denkt man an typische Männerfiguren und -skulpturen, kommt man um die Sagen aus der griechischen Mythologie nicht herum. Dort wurden die Helden oft muskulös abgebildet, wie Atlas, dessen Körper unter dem schweren Himmelsgewölbe auf seinen Schultern gewöhnlich strotzt vor Kraft. Doch was ist mit Männerskulpturen, die schmal und zartgliedrig sind? Das fragte sich auch Julia Wallner, Direktorin des Georg Kolbe Museums: „Mit Männerkörpern, die keine Helden sind, hatte man sich in der Forschung kaum beschäftigt. Die Frage, wie sich Geschlechterbilder über die Zeit verändern, führt zu der Beobachtung, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine ungeheure Vielzahl von solchen zarten Männern in der Skulptur gegeben hat.“ Wallner führt dies auf eine Sehnsucht zurück, „geistiger zu sein, als es die Erfordernisse der Zeit erlaubten“.

Die neue Ausstellung „Zarte Männer in der Skulptur der Moderne“ gibt einen Überblick über Männerskulpturen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden sind – eine Phase, in der sich die Gesellschaft radikal veränderte. Die politischen Umbrüche von einer Monarchie in die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik förderten eine neue gesellschaftliche Freiheit, in der androgyne Typen in Mode kamen. Die rund 80 Skulpturen im Georg Kolbe Museum beweisen, dass dies nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer galt. „Mit Frauenkörpern aus der Zeit haben sich viele beschäftigt. Es gab damals aber auch Darstellungen von schwachen Männerkörpern, wie die der Kriegsverweigerer, die nicht als Helden angesehen waren“, sagt Wallner. Der Kunsthistorikerin fiel zusätzlich eine Verbindung in die Literatur auf: Auch dort findet man – wie bei Thomas Mann oder Rainer Maria Rilke – Figuren, die den sanften Männern der Skulpturen aus der Zeit gleichen. Die langgliedrigen Männerkörper von George Minne, Wilhelm Lehmbruck oder Georg Kolbe in der Ausstellung übertragen somit ein neues Bild des verletzlichen Mannes, welches sich in dieser Zeit etablierte. Man kann diese Emanzipation von den starren Geschlechterstereotypen, auch einhergehend mit der aufkommenden Schwulenbewegung, in realen Charakteren der Zeit beobachten. Eugène Druets Fotografien des Balletttänzers Vaslav Nijinsky zeigen zum Beispiel einen charismatischen jungen Mann, der in seinem prunkvollem Tänzerkostüm adelig und schüchtern zugleich wirkt. Auch sein feingliedriger Körper wurde um 1913 von Georg Kolbe skulptural festgehalten und ist Teil der Ausstellung.

Die weiteren liegenden, tanzenden und hockenden Statuen von Männern sind ein interessanter Gegenentwurf zu der Präsentation der Arbeiten von Berliner Bildhauerinnen der Moderne im Frühjahr. Dort standen starke Künstlerinnen im Fokus, die sich in der Männerdomäne der Kunstszene durchsetzten. „Wenn das noch eine frische Erinnerung für die Besucher ist, kann man daran anknüpfen und bekommt mit der neuen Ausstellung ein größeres Bild von der Zeit damals“, sagt Wallner. Zarte Männer und starke Frauen – die Pluralität der Geschlechterrollen in der Weimarer Republik zeugt von einer Freiheit, an die man sich heute öfter erinnern sollte.

Zarte Männer in der Skulptur der Moderne Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg, tgl. 10–18 Uhr, bis 3.2.2019

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