Mitmachkultur

Das Konzert bist Du – Singtreffs und Mitsingkonzerte

Ihre Stimme klingt nur mäßig? Was soll’s! Bei offenen Singtreffs und Mitsingkonzerten geht es um die Freude an Klängen und dem Gemeinschaftserlebnis. Ein Selbstversuch

Offenes Singen Eli-Berlin
Offenes Singen Eli-Berlin

Jetzt gähnen wir erstmal ganz tief“, ruft Janina Wiesener. Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen. Beherzt reiße ich meinen Mund auf. „Und nun lassen wir unseren Oberkörper nach vorne  fallen. Wenn wir uns aufrollen, dann spüren wir kleine, ruckartige Impulse in unserem Zwerchfell.“ Mein Oberkörper wird zu Wackelpudding, ich will mich bewegen. Doch stattdessen werde ich heute – singen.

Außer mir haben sich an diesem Abend etwa 25 Menschen im Nachbarschaftshaus Friedenau versammelt, die meisten davon mittleren Alters und weiblich. Alle zwei Wochen findet hier ein offener Singkreis statt, der von Janina Wiesener geleitet wird. Dabei behaupten laut Umfragen rund zwei Drittel ­aller Männer und mehr als die Hälfte der Frauen, sie sängen nie laut. In der Zeitschrift Chrismon von 2013 nannte fast ein Drittel der Befragten als Grund, dass man ihnen einmal gesagt habe, sie könnten nicht singen. Und auch bei mir gehört Singen nicht zu den Kernkompetenzen. Außer beim „ironischen“ Mitbrüllen von Radioliedern oder einem verschämten Auftritt in einer Karaokebar fahre ich meine Stimme im Schongang. Nur selten verlässt sie ihre Komfortzone zwischen tiefem und hohem C.

Im Friedenauer Singkreis wurden Körper und Stimmbänder inzwischen geölt und Swing hält Einzug in die Runde. „Bei mir bist du schön, please let me explain, bei mir bist du schön, means you’re grand.“ Der Rhythmus des bekannten Gassenhauers der Andrew Sisters sitzt noch nicht, wir wiederholen ein paar heikle Stellen. Beim Vers „So kiss me and say you’ll understand“ wünscht sich Chorleiterin Janina Wiesener, wir mögen etwas koketter sein. „Ihr müsst das ‚kiss‘ richtig genießen, eher hauchen als singen.“ Sie macht es vor. „Da steckt doch so viel Erotisches drin“, bemerkt sie. „Das stimmt“, brummt es aus der Männerecke.

„Singen können oder nicht, darum geht es gar nicht“, glaubt Michael Betzner-Brandt, der Leiter des Berliner Ich-kann-nicht-singen-Chors, der 2011 im Friedrichs­hainer ­Radialsystem gegründet wurde. „Es geht um Emotionalität, um Gemeinschaft. Beim Singen sind wir Menschen auf ­Herzensebene miteinander verbunden.“ Das haben in den vergangenen Jahren offenbar immer mehr Menschen begriffen. Der Deutsche Chorverband jedenfalls vermeldet, dass es seit den Nuller Jahren einen anhaltenden Boom gebe und viele neue Chöre im Bereich Pop, Jazz und Gospel entstanden seien. Die neueste Entwicklung: Wie im Nachbarschaftshaus Friedenau, so entstanden in den letzten Jahren immer mehr offene Singtreffs, also unverbindliche Sing-Gelegenheiten, bei denen jeder ohne ­vorheriges Vorsingen, Leistungsdruck und feste Mitgliedschaften teilnehmen kann. Man trifft sich in Familienzentren, Kirchenräumen, aber auch in großen Konzertsälen, um gemeinsam die Stimme zu erheben.

„Es liegt in der Natur des Menschen, selbst zu musizieren und zu singen“, erklärt auch Christine Wolff, Sopranistin und zuständig für „Rudelsingen“ in Potsdam, einem dort seit 2016 ­existierenden Ableger der 2011 in Münster gegründeten, durch bundesweite Städte tourenden, gleichnamigen Mitsingkonzerte. „Man hat erst vor wenigen Jahrhunderten damit begonnen, Künstler zu bewundern und sich ganz passiv ihre Konzerte anzuhören“, sagt Christine Wolff. Beim Rudelsingen wird diese Entwicklung wieder zurückgedreht: Die Texte der von Musikern begleiteten Popsongs kann jeder mitschmettern – per Beamer werden sie auf die Wand projiziert.
„I’m gonna lay down my burden, down by the riverside, down by the riverside, down by the riverside“, intonieren wir mittlerweile im Singkreis in Friedenau. Die Frau ­neben mir schnipst rhythmisch mit den Fingern und wackelt mit der Hüfte. „I ain’t gonna study war no more, I ain’t gonna study war no more…“ Ich selbst jedoch fühle mich eher wie eine fade Klosterschülerin mit angestrengter Kopfstimme, statt wie eine Whoopi Goldberg im Musical-Film „Sister Act“. „Und jetzt mal mit mehr Attitude!“, ruft schon Janina Wiesener, die am Klavier sitzt. „Beim Gospel setzt man seinen ganzen Körper, seine ganze Seele ein.“ Mein Blick gleitet über die Menschen im Raum. Wie sich ihr Kopf beim Singen hebt, sich die Augen schließen, im Gesicht diese Mischung aus Schwermut und Hoffnung. Nun hebe auch ich meine Stimme an. Ich singe! Laut und deutlich. Da ist sie, das fühle ich: die Herzensebene.

Singtreffs und Termine:

Ich-kann-nicht-singen-Chor
Urania, An der Urania 17, Schöneberg, einmal pro Monat, nächster Termin: So 12.2., 11 Uhr, Eintritt: 12/ 10 €, www.chorkreativ.de

Nacht der Spirituellen Lieder
Martin-Luther-Kirche, Fuldastr. 50, Fr 17.2., 19.30 Uhr, Gospels, Mantras, Taizé-Gesänge, www.eli-berlin.de/BerlinerLiedernacht.html

Rudelsingen
Kongresshotel Potsdam, Am Luftschiffhafen 1, Potsdam, So 19.2., 17 Uhr, Tickets: 10/8 €, Schlager bis Pop, https://rudelsingen.de

Gullivers Fatrasien
Mitsingen bei FAMILIÄR!, Universität der Künste, Neuer Saal, Bundesallee 1-12, Wilmersdorf, Sa 11.3., 11 Uhr, kostenfrei, klassische und neue Lieder, für Kinder ab vier, ihre Eltern und Großeltern, www.sing-akademie.de

Mitsingkonzert des Rundfunkchors
Philharmonie, Herbert-von-Karajan-Straße 1, Tiergarten, 14.5., 16 Uhr, Mitsängerkarte: 35 €, Zuhörerkarte: 35/ 30 €, Einzelsänger und ganze Chöre können sich anmelden, Requiem von Maurice Duruflé, www.rundfunkchor-berlin.de/projekt/mitsingkonzert/

Luther, Pop-Oratorium
Mercedes-Benz Arena, Mercedes-Platz 1, Friedrichshain, 29.10., Teilnahmegebühren bis 31.3.: 30€, danach 40 €. Am Sa., 22.4., 13-19 Uhr, findet erste gemeinsame Probe statt. Mehr Informationen unter: www.luther-oratorium.de/mitsingen

YouSing – Du bist der Chor
Mitsingkonzert, Popsongs, ursprünglich für 29.1. geplant, wurde nun auf Mai verschoben, Infos: http://dubistderchor.de

Regelmäßige Sing-Termine:

Haste Töne?
Offenes Singen mit Klavierbegleitung, Nachbarschaftshaus Friedenau, Holsteinische Str. 30, Friedenau, jeden 1. + 3. Do, 18.30 Uhr, nächster Termin: 2.2., Kosten: 3 €, https://choere.nbhs.de/singekreise/

Offenes Singen
Gemeindezentrum Dorfkirche, Prierosser Str. 70-72, Rudow, 7.2., 15–16 Uhr, alle zwei Monate, kostenfrei, www.kirche-rudow.de

The Joy of Soul Music
Evangelischer Campus Daniel, Brandenburgische Straße 51, Wilmersdorf, ein Samstag im Monat, 10-17 Uhr, 6 Monate lang, erster Termin: Sa 25.2., Gospelworkshop mit Abschlusskonzert: 9.7., 20 Uhr, 30/ 25 € pro Monat, http://www.gospel-workshop.de

Sacred Spirit
Frauenkreise, Chorinerstr. 10, Prenzlauer Berg, ca. alle 2-3 Monate, nächster Termin: Sa 4.3., 14 – 18 Uhr, Preis: 40/ 25 €, Workshop, spirituelle Lieder, www.frauenkreise-berlin.de

Aus Freude Singen
Studentisches KulturZentrum, Hermann-Elflein-Str.10, Potsdam (jeden Mo + Mi, Mo); Theaterwerkstatt der Neuen FachHS, Kiepenheuerallee 5, Potsdam (je Mi), 20 Uhr, Kosten: 10 €, von Kanon bis Musical, www.aus-freude-singen.de

Offenes Singen
Pfarrkirche Heilige Familie, Wichertstraße 23, Pankow, jeden Mi 17.30 Uhr, kostenfrei, Volkslieder, geistliche Lieder, Kanons, www.heiligefamilie-berlin.de

Stimmtänzer Singkreis
K77, Kastanienallee 77, Prenzlauer Berg, jeden Do 18 Uhr, Kosten: 10/ 5 €, Kanons, Mantras, Improvisation, http://stimmtanz.de

Singkreis Nachbarschaftshaus Urbanstraße
Urbanstraße 21, Kreuzberg, jeden Mi 14.30 Uhr, www.nachbarschaftshaus.de

Chanting
Haus Lebenskunst, Mehringdamm 32, Kreuzberg, jeden Mi, 20 Uhr, Kosten: 6 €, Lieder der Sufi, der Indianer, aus Afrika etc., http://lebenskunst-verein.de

Offenes Singen
Trinitatis-Kirche, Karl-August-Platz, Charlottenburg, jeden 2. Freitag im Monat, 19.30 Uhr, kostenfrei, christliche Lieder, Taizé-Lieder, http://trinitatis-berlin.de

Unregelmäßige Sing-Termine:

HeartSong Berlin
Lotussaal, Naugarder Str. 5, Prenzlauer Berg, Sa 25.2., 11 – 18.30 Uhr, Preis: 70 € (59 € bei Anzahlung bis 5.2.), spirituelle Lieder, www.klang-der-seele.de

Die Wasserrose
Mitsingen bei ORATORIO, Villa Elisabeth, Invalidenstr. 3, Mitte, Di 21.2., 17 Uhr, kostenfrei, weltliche Chöre der Romantik von Niels Gade, Felix Mendelssohn und Robert Schumann, www.sing-akademie.de

Mitsingkonzert der Saitenspringer
Wilde Oscar, Niebuhrstr. 59/60, Charlottenburg, 10.2., 19.30 Uhr, 14/ 10 €, Oldies bis aktuelle Hits, www.ma-pie.de

Sacred Songs
Haus Lebenskunst, Mehringdamm 34, Kreuzberg, Mi 1.2., 19 Uhr, Preis: 8/ 6 €, Mantras, http://www.eli-berlin.de/

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

[fbcomments]