Stadtleben und Kids in Berlin

Das Kottbusser Tor und seine Geschichte

Von Hausbesetzern, Punks und Polizeieinsätzen: eine kurze Geschichte des Kottbusser Tors

Kottbusser Tor 1982Schon der Name ist rätselhaft. Benannt nach der Stadt Cottbus in der Niederlausitz und notorisch falsch geschrieben, ist der Ort, der noch nicht einmal einen richtigen Platz hat, heute einer der buntesten, seltsamsten und für den bürgerlichen Betrachter schmuddeligsten der Stadt. Früher stand hier wirklich mal das Kottbusser Tor, es war eines von vielen im 16. Jahrhundert entstandenen Zolltore in der Berliner Stadtmauer. Doch da ist längst kein Tor mehr, sondern ein lärmender Kreisverkehr, von dem sternenförmig acht Straßen abgehen. Ein Unfallschwerpunkt. Er liegt unter dem 1902 erbauten Hochbahnhof der U-Bahn-Linie 1. Sie wurde 1929 zum Umsteiger erweitert wurde, die Linie 8 im Untergrund gilt heute als Drogenhighway. 15 Jahre lang hatte „Ingo vom Kotti“ seinen Schlafplatz im Kreisverkehr unter der U-Bahn, bevor er im Dezember 2005 in seinem Lager erfror.

Wohnungslosigkeit ist in der Gegend nicht neu, schon im 19. Jahrhundert lebten dort meist arme Leute. Das Blatt „Volksstaat“ berichtet 1882: „Auf freiem Felde, zwischen Cottbuser Thor und der Hasenhaide, erheben sich mitten im Kartoffel- und Ackerland eine große Anzahl ärmlicher, dürftig zusammengeschlagener Bretterbuden, durch deren Dach der Regen und durch deren fingerbreite Spalten in den Wänden der Wind pfeift.“ Die „Freistadt Barackia“ (am heutigen Kottbusser Damm) wurde anlässlich des Staatsbesuchs zweier Potentaten planiert. Bilanz: Hunderte durch Säbelhiebe verletzte Kolonisten und durch Steinwürfe blessierte Polizisten. Und rund tausend zusätzliche Obdachlose.

Um die slumartigen Wohnverhältnisse zu beseitigen und den aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern nach Berlin kommenden Arbeitsmigranten ein Dach über dem Kopf zu bieten, entstanden ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Kreuzberg Mietskasernen. Und für die „Gastarbeiter“ aus Südeuropa, die ab Ende der 50er Jahre angeworben wurden, bot sich erneut Kreuzberg als Quartier an, denn hier gab es billigen Wohnraum. Heute soll die Hälfte der Kiezbewohner türkische Wurzeln haben. Das führt gelegentlich zu Spannungen mit deutschen Anwohnern, und auch in­nerhalb der türkischen Gemeinde gab es Konflikte. Nationalistische Graue Wölfe, Radikalreligiöse und Fans der türkischen Militärregierung gingen in den 80er Jahren mit Eisenstangen auf Angehörige linker Gruppen los. Der Gewerkschafter Celalettin Kesim wurde im Januar 1980 am Kottbusser Tor erstochen.

Der Kotti war auch Zentrum der Hausbesetzerbewegung (1979–1984), die gegen Immobilienspekulation und die Senatspolitik der Kahlschlagsanierung aufstand. Wurden besetzte Häuser polizeilich geräumt, gab es Krawall. In der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1980 glich die Gegend zwischen Fraenkelufer und Oranienplatz einem Kriegsschauplatz. Ähnlich sieht es bei den seit 1987 traditionellen Maikrawallen aus: Autos und Barrikaden brennen, die Polizei rückt mit Wasserwerfern an, im Vorfeld der Randale werden am Rondell rund um den Kreisverkehr die Läden mit Brettern verrammelt. Bevorzugt nach solchen Nächten passierten westdeutsche Reisebusse den Kiez, die Kreuzberger wurden wie Affen im Zoo begafft – und bewarfen die Busse mit Steinen.

KottiIn neuerer Zeit stellt die 1974 fertiggestellte 1000-Seelen-Wohn­maschine Neues Kreuzberger Zentrum (NKZ) als sozialer Brennpunkt eine immerwährende Herausforderung für Sozialarbeiter und Quartiersmanagement dar. Das Zentrum Kreuzberg (ZK), wie es seit 2000 offiziell heißt, wurde mitten über die Dresdener Straße und Adalbertstraße geklotzt. Hier führt das Büro des für Friedrichshain-Kreuzberg direkt gewählten grünen Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele sein erfolgreiches Schattendasein.

In den 70ern kamen die Junkies an den Kotti und gehören seither zum Straßenbild dazu. Mit dem Aufkommen von AIDS wurde ein Zigarettenspender zum Fixer-Automaten umgebaut, der für eine Mark ein steriles Drogenbesteck ausspuckte. In der Dresdener Straße gibt es seit Jahresanfang einen Druckraum. Alle Versuche, die Drogen-User durch Umbauten oder Videoüberwachung abzuschrecken, blieben erfolglos.

Anfang der 80er Jahre zogen dann die Punks vom Steglitzer Walther-Schreiber-Platz an den Kotti, als dort die Punkkneipe KZ – in Anlehnung an den Namen des Hochhauskomplexes NKZ – aufmachte. Das Bezirksamt entfernte Bänke und Blumenkübel, um sie durch fehlende Sitzgelegenheiten zu vertreiben, aber auch die Punks sind geblieben und bilden zusammen mit den Alternativen, Arbeitern, Anwohnern aus aller Herren Länder, Studenten, Obdachlosen, Flaneuren, Touristen, Künstlern, Rentnern, Sonderlingen, Irren und Hunden die berühmte Kreuzberger Mischung. Der Kotti gehört zwar nicht zu den schönsten, aber zu den lebhaftes­ten Orten der Stadt.

Text: Ulrich Zander

Foto: Peter Hebler

Kreuzberg Museum
Adalbertstraße 95a, Kreuzberg, Tel. 50 58 52 33, www.kreuzbergmuseum.de,
Mi-So 12-18 Uhr; hier erfährt man Informatives zur Geschichte Kreuzbergs, insbesondere zu 300 Jahren Zuwanderung sowie zu Stadt­sanierung und Protestbewegung

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