Künstlerhaus

Greenhouse: Kreative aus aller Welt machen aus dem Greenhouse ein Kunstquartier

„Ich mache Zentrum“ – Wie der Künstler Noam Braslavsky mit seinem Greenhouse ein ödes Gewerbegebiet in Tempelhof mit Kreativen aus aller Welt belebt

Das Greenhouse. Foto: Marie Klinke

Im Niemandsland zwischen Britz und Tempelhof, zwischen Schrottplatz und Autobahn, steht ein grünes Haus. Mit acht Etagen und Mietern wie dem TÜV-Rheinland und der Autovermietung Hertz wirkt es zunächst typisch für das Gewerbegebiet. Umso überraschender die unzähligen Fahrräder im Hof, der alte Feuerwehrwagen und die dumpfen Bässe, die von der dritten oder vierten Etage herunterwummern. Hier passiert ganz offensichtlich etwas!

Das Greenhouse, so der neue Name des seit 2014 in einen Kulturort umgewidmeten Gebäudes, ist mit 200 Ateliers, der Plateau Gallery und der Bonobo Music Lounge ein multidisziplinäres und international bekanntes Kunst- und Kulturzentrum. Nur die Berliner haben davon bisher wenig mitbekommen.

Der Grund dürfte die schlechte Anbindung sein, denn das Haus ist vom U- und S-Bahnhof Hermannstraße nur mit einem halbstündigen Fußmarsch zu erreichen – oder mit einer einzigen, im 20-Minuten-Takt verkehrenden Buslinie. Der Nachteil entpuppt sich für die Kreativen vor Ort jedoch als Vorteil: Die Zufallsgemeinschaft hilft sich gegenseitig, was gebraucht wird, findet man im Haus. Der Vermieter Noam Braslavsky, ein international tätiger Künstler mit langer Berliner Schaffensgeschichte, mochte die Lage des Hauses von Anfang. „Als ich es Ende 2013 fand, galt es als schwer vermietbar.“ Es sei zu weit weg vom Zentrum. Braslavsky Reaktion darauf: „Kein Problem – ich mache Zentrum.“

Er hatte bis dahin größtenteils temporäre Orte bespielt und war auf der Suche nach einem festen Platz für Kunst. „Ich hatte genug von diesem Künstlerschicksal: Ort finden, billig kriegen, viel Energie reinstecken und dann weiterziehen, weil es entweder zu teuer wird oder die Option auf Weiternutzung nicht besteht.“

Mithilfe von zwei Privatinvestoren und viel Eigeninitiative hat Braslavsky, der früher auch im Tacheles aktiv war und gerade von einem Projekt in Japan zurück ist, mit dem Greenhouse nun die Möglichkeit für sich und viele andere am Traum von einem „offenen, nicht-elitären und pluralistischen Ort“ für Kunst und Kultur zu werkeln. Und sein Plan von einer Kunstschmiede, in der Anfänger mit Erfahrenen zusammen arbeiten und produzieren, scheint nach fast zwei Jahren aufzugehen. Das Green House sei immer ausgebucht, es herrsche ein ständiges Kommen und Gehen.

Steve Nietz, ein in Schwerin geborener Maler, arbeitet wie in Trance in einem Atelier im sechsten Stock. Seine großformatigen Leinwände an allen Wänden machen fast vergessen, dass man in einem fenster- und heizungslosen Raum steht. Die Körper, Formen und Symbole auf seinen Bildern erschaffen ein eigenes Universum. Ein paar Türen weiter arbeiten Modedesigner, Illustratoren, Schmuckdesigner und Toningeneure. Genau nach Braslavskys Geschmack: „Ich war in den 90ern in Berlin. Und diesen vielbeschworenen Spirit of Berlin findet man jetzt genau hier. In einer unglaublichen Qualität.“

Die Fluktuation der Kreativen ist hoch. Viele Künstler kommen nur für eine Arbeit und sind nach drei Monaten wieder in Posen, Bologna oder Tokio. Noa, der das Infra:Green-Filmstudio betreibt, muss Ende März aus seinem Atelier mit Terrasse in der Achten ausziehen, sucht aber schon fleissig innerhalb des Hauses nach neuen Räumen, schließlich dreht er gerade an einer Dokumentation über das Greenhouse.

Räume gibt es zwischen 200 und 600 Euro, die meisten kosten 300 bis 350 Euro. Nietz bezahlt für seine fensterlose Kammer 300 Euro.  Braslavsky dazu: „Wir sind nicht billig. Das ist auch nicht das Konzept. Man darf allerdings nicht vergessen, dass die Preise all inklusive sind.“ W-Lan, Strom und auch die Nutzung aller Gemeinschafts- und zum Beispiel Ausstellungsbereiche sind enthalten. „Wer hat schon einen Vermieter, der nichts dagegen hat, dass man im Keller spontan ein professionelles Set für einen Videodreh aufbaut?“ Statisten, Requisiten und auch die benötigte Technik und Techniker fände man als kontaktfreudiger Mensch im Haus ebenfalls schnell, führt Braslavsky aus.

Marie Klinke und Letizia Trussi, Betreiberinnen der Ausstellungsplattform Plateau Gallery, gehören seit Beginn zu den Konstanten im Greenhouse. „Bei der Plateau Gallery geht es darum, den Künstlern im Haus einen hierarchiefreien Raum zur Präsentation ihrer Arbeit zu schaffen“, sagt Marie Klinke. Und Letizia Truss ergänzt: „Gleichzeitig  wird durch Kreative von außen, die bei uns arbeiten und ausstellen können, ein internationaler Input ins Haus gebracht.“

Das Bonobo in der ersten Etage ist neben der Plateau Gallery ein zweiter Anlaufpunkt für Mieter und Besucher. Dort hängt eigentlich immer jemand rum, trinkt Kaffee oder sucht Helfer fürs Tagewerk. Bei der montäglichen Bonobo Jam Session kommen die Musiker aus fast allen Etagen und inzwischen auch von außerhalb zusammen. Das Niveau ist hoch. Die Motivation auch, so dass sich die Sessions auch bis in den Mittwoch hinein ziehen können. Oder gleich bis zum Sunday Sunset Concert, das von Jazzpianist Joel Holmes gehostet wird und manchmal bis  Montagvormittag dauern kann. Zwischen Schrottplatz und Autobahn stört das niemanden.

Greenhouse Gottlieb-Dunkel-Straße 43/44, Tempelhof www.greenhouse-berlin.de

Weitere Informationen unter: www.plateaugallery.tumblr.com, www.joelholmesmusic.com, www.gapeberlin.com

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