Historiendrama

„Das Mädchen, das lesen konnte“ im Kino

Ein Dorf voller Frauen, die sich ­einen Mann schwesterlich teilen wollen? Im Jahr 1851 reicht der Arm der Despotie bis in die einsamsten Bergdörfer

Violette Spiegel

Eine Utopie mit feministischem Ansatz? Ein Dorf voller Frauen, die auf einen Mann warten? Um ihn sich dann schwesterlich zu teilen? Eine wahre Geschichte obendrein?

In den richtigen Zeitrahmen und das entsprechende Umfeld gesetzt, ergibt das durchaus einen Sinn: Im Jahre 1851 reicht der Arm der Despotie bis in die einsamsten Bergdörfer. Die Truppen Napoleons III. haben alle Männer des Dorfes mitgenommen, als unliebsame Republikaner ins Gefängnis geworfen oder erschossen So sind die Frauen, darunter die junge Bäuerin Violette, von heute auf morgen auf sich gestellt. Ohne Männer ist die Zukunft allein fortpflanzungstechnisch ungewiss, und so schwören die Frauen bei der harten Feldarbeit einander, dass sie sich den Mann, der sich je zu ihnen verirren sollte, teilen wollen. Sonst ist das Dorf dem Untergang geweiht.

Als eines Tages ein durchaus ansehnlicher Schmied auftaucht, kommen er und Violette, die einzige junge Frau, die lesen kann, sich näher. Bald schon erinnern die anderen Violette an den gemeinsamen Schwur.

Regisseurin Marine Francen bescheidet sich bei ihrem ersten Langfilm auf das „klassische“ 4:3-Bildformat, das sie mit betörend schönen Bildern der Landschaft und der darin arbeitenden Frauen füllt. Bilder, die an alte Gemälde erinnern und die man gerne größer, über die gesamte Kinoleinwand sehen würde. Die Geschichte selbst wird verhalten erzählt, die erotischen Möglichkeiten müssen der beschworenen Notwendigkeit weichen. Von der schwülen Sexualität, aber auch der Gewalttätigkeit des ähnlich gelagerten „The Beguiled“ von Sophia Coppola (und Don Siegels Erstverfilmung) keine Spur. Francen inszeniert eine eine verhaltene, aber konsequente feministische Meditation.

Das Mädchen, das lesen konnte F 2017, 98 Min., R: Marine Francen, D: Pauline Burlet, Géraldine Pailhas, Alban Lenoir, Start: 10.1.