Selbstoptimierung

Das perfekte Ich – Selfies, Schönheitoperationen und Selbstoptimierung

Noch nie war es so einfach wie heute, richtig gut ­auszusehen. Das Wissen um die Resultate von ­gezielter Körperertüchtigung, vor allem aber die neuen Möglichkeiten von Medizin und ­Kosmetik helfen, viele Makel zu beseitigen. Gleichzeitig wächst dank omni­präsenter Vorbilder im ­Internet der Druck zur permanenten ­Selbstoptimierung. Dabei ­wollen alle eigentlich nur „ganz natürlich“ wirken

Foto: David von Becker

D er Kopf leicht geneigt, der Lidstrich perfekt gezogen, dezenter Schmollmund. Klick! Das Foto, direkt auf ihrem Instagram-Account gepostet, gefällt ruckzuck 157 Followern. Mira selbst gefällt ihr Selfie auch ganz gut – vor allem, weil sie ihren Mund nicht mehr üppig schminken oder großartig verziehen muss, um besagte Schmolligkeit zu erzeugen. Volle Lippen gehören heute genauso zu ihrem Look wie die langen, dunklen Haare. Dank regelmäßiger Besuche einer Schönheitsklinik in Berlin. Vor zwei Jahren hat sich Mira für eine Behandlung mit ­Hyaluronsäure entschieden. Da war sie 22. „Ich fand meine Lippen schon immer zu ­schmal. Habe mich aber erst gesträubt, etwas machen zu lassen. Dann bin ich zum Studieren nach Berlin gezogen und eine Freundin hat mir erzählt, dass sie ihre Lippen hat unterspritzen lassen. Und total zufrieden sei. Dann dachte ich, scheiß drauf, was habe ich zu verlieren?“

Mira gefiel das Ergebnis so gut, dass sie jetzt rund alle sechs Monate eine Behandlung durchführen lässt. Und damit ist sie in ihrer Altersgruppe keine Ausnahme mehr. „Vor ­allem hier in Berlin sind solche kleinen Eingriffe mittlerweile ein Stück weit normal. Ich kenne viele Mädels, die sich regelmäßig die Lippen aufspritzen lassen“, sagt Mira. An die große Glocke hängen oder gar im Netz öffentlich über ihren Eingriff sprechen, darauf hat Mira keine Lust, deswegen will sie ihren echten Namen auch nicht nennen. „Es ist mir nicht peinlich und wer mich fragt, dem erzähle ich es auch“, sagt sie. Nur in ihrer Heimatstadt, ein kleiner Ort in Süddeutschland, sei man ihr mit Skepsis begegnet. „Da kamen schon mal Kommentare von Leuten, die mich von früher kannten, à la:­ Warum hast du das denn ­gemacht, vorher sah es viel besser aus. ­Witzigerweise vor allem von Männern. Frauen sind eher neugierig, weil sie vielleicht insgeheim auch schon drüber nachgedacht haben.“

Tatsächlich ist das Thema Schönheit und Selbstoptimierung allgegenwärtig. Nicht nur in den sozialen Medien, sondern auf diversen Plattformen im Netz und auch auf der Straße. Da ist einerseits die heute fast selbstverständliche Werbung für Botox-Behandlungen und andere Eingriffe, die in Schaufenstern prangt oder online aufpoppt. Werden dann noch ­Begriffe wie „Schönheit Berlin“ gegoogelt, ploppen unzählige Treffer für Beauty-Zentren und -kliniken auf dem Bildschirm auf. Immer mit der Botschaft: Ein optimiertes Aussehen ist jederzeit und direkt um die Ecke verfügbar.

Die gestiegene Nachfrage nach kleineren oder auch größeren ästhetischen Eingriffen lässt sich unter anderem durch Zahlen der Fachärztlichen Vereinigungen (s. Kasten) belegen. Insbesondere minimalinvasive Eingriffe wie Lippenunterspritzungen werden häufiger. Und zunehmend sind auch Männer unter den ­Patienten. „Die Ästhetisch-Plastische Chirurgie ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, lässt sich der Präsident der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC), Prof. Dr. ­Dennis von Heimburg, in einer Pressemitteilung zitieren. Entsprechend üppig ist die Anzahl dieser Ärzte. Der größte Berufsverband ist die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) mit 1.230 ordentlichen, sprich fertig ausgebildeten Fachärzten für Ästhetisch-Plastische Chirurgie, 90 davon in Berlin ansässig. Dieser Titel ist relevant, denn er bürgt – im Unterschied zum „Schönheitschirurgen“ – für eine einschlägige Zusatzausbildung (s. Kasten). War die optische Optimierung mithilfe von Ärzten früher nur einem kleinen Teil der Bevölkerung vorbehalten, so können sich dank miteinander konkurrierender Angebote ­heute wesentlich mehr Menschen Eingriffe leisten.

Die Bezahlbarkeit war auch für Mira ein Argument. In einem großen Beauty-Zentrum am Ku’damm, das regelmäßig mit Sonderangeboten wirbt, zahlt sie für vier Stiche in die Ober- und drei Stiche in die Unterlippe 130 Euro. Inklusive Beratung dauerte der Eingriff bereits beim ersten Mal nur eine halbe Stunde. „Klar, das hat schon was von Massenabfertigung. Man kann zwischen den Größen S, M und L wählen und natürlich Fragen stellen und Wünsche äußern. Aber da ich wusste, was ich wollte, ging alles ganz schnell.“ Besonders schmerzhaft seien die Stiche nicht gewesen. Preis, Leistung, Aufwand und ein, laut eigener Aussage, verbessertes Selbstbewusstsein – Mira sieht keinen Grund, auf „ihre“ Hyaluronsäure zu verzichten. Wobei auch dieser vergleichsweise kleine Eingriff nicht ohne Risiken ist: Schwellungen können auch länger als wenige Tage anhalten, in seltenen Fällen bilden sich Knubbel unter der Haut.

Billigangebote, Eingriffe als schnelle Nummer, das ist nicht das Konzept von Professor Johannes Bruck. Zwar bietet auch der seit über 30 Jahren als Facharzt für Ästhetisch-Plastische Chirurgie tätige Bruck in der ­Hohenzollernklinik in Wilmersdorf verschiedene minimalinvasive Behandlungen an. ­Uneingeschränkt befürworten möchte Bruck diese Entwicklung indes nicht. „Natürlich klingt es verlockend, nur ein paar Hundert Euro für Botox – statt 12.000 Euro für ein komplettes Face-Lift auszugeben“, sagt er. „Zudem verläuft der Heilungsprozess viel schneller. Als Arzt muss ich aber auch nach dem Langzeitnutzen fragen. Bei den guten Operationsmethoden sind manche Patienten mit einem größeren, dafür aber auch dauerhafter sichtbaren Eingriff besser beraten.“ Trotzdem sind Botulinum, besser bekannt als Botox, und Hyaluronsäure gefragt wie nie.
Welche Rolle wollen wir spielen?

Die meisten Patienten, die zu einem Ästhetisch-Plastischen Chirurgen gehen, lassen sich ohne medizinische Notwendigkeit stechen, schneiden, Schmerzen zufügen. Mit dem Ziel, sich anschließend besser zu fühlen. Ein ­Umstand, der Kritiker auf die Palme bringt. ­Johannes Bruck rechtfertigt seine Arbeit mit einem Zitat: „Der Amerikaner Thomas Rees sagte mal: ‚Die moderne Medizin ist nicht nur dafür da, Menschen das Leben zu sichern, sondern auch ihnen zu helfen, die Rolle, die sie in der Gesellschaft spielen, zu ertragen.‘ Wenn man diesen Standpunkt versteht und vertritt, versteht man auch die Schönheitschirurgie als eine Maßnahme, die wirklich helfen kann.“

Foto: David von Becker

„Rolle“ und „Gesellschaft“ – Begriffe, die spät bis gar nicht fallen, wenn Menschen von ihrer Motivation für einen plastischen Eingriff sprechen. Das „eigene Körpergefühl“ und der Wunsch nach dem „Mit-sich-Wohlfühlen“ dagegen fast immer. „Viele Menschen verspüren eine gewisse Unsicherheit in der Gesellschaft, empfinden Teile ihres Aussehens als Stigma“, sagt Bruck. „Meine Arbeit kann im besten Falle dazu beitragen, dieses Stigma abzulegen.“ Und auf diese Option setzen nicht nur Frauen, sondern auch immer mehr Männer.

Einer von ihnen ist Sharif Altwal. Der 26-Jährige tritt einem mit strahlendem Lächeln, perfekter Gesichtshaut und einer guten Figur entgegen. Das war nicht immer so. In seiner Kindheit und Jugend, die der heute in Berlin lebende Student in Jordanien und Russland verbrachte, litt er unter starkem Übergewicht. Dann verliebte er sich in einen Jungen, der, wie er sagt, nur „halb so breit war wie ich“. Altwal entschied sich, an seinem Erscheinungsbild etwas zu ändern. Mit Sport und einer Radikaldiät nahm er so stark ab, dass er zwar sein Wunschgewicht erreichte. Doch zurück blieb auch ein großer Hautlappen am Bauch. „Angezogen sah ich ziemlich perfekt aus. Doch wenn mich jemand nackt sah, wurde ich mit Fragen gelöchert. Für mich war klar, dass ich damit nicht leben wollte.“ Mit 21 ließ er sich den Hautlappen in Russland chirurgisch entfernen, auch der Bauchnabel sollte neu platziert werden. „Doch der Arzt hat meinen Bauchnabel komplett zerstört. Er sah aus wie ein schiefer Stern.“ Fehlende Erfahrung, auch bei der Arztauswahl, sieht er heute als Grund für dieses Ergebnis. „Ich war verzweifelt – und entschied mich für eine weitere OP bei ­einem anderen Arzt.“ Diesmal war Sharif mit dem Ergebnis zufrieden. Dennoch blieb der Wunsch, sein Aussehen zu optimieren. Regelmäßig lässt er sich Botox spritzen, weil, wie er sagt, auch andere Körperpartien unter der ­extremen Gewichtsabnahme gelitten haben. In diesem Jahr folgte ein weiterer, großer Eingriff: „Ich habe sehr früh viele Haare verloren, vor allem am Oberkopf. Zu meiner Vorstellung meines neuen Looks gehört aber volles Haar. Ich hatte schon so viel durchgemacht, da wollte ich diesen Schritt auch noch gehen.

Aus Kostengründen entschied sich der Student für einen Arzt in Istanbul, der für den Eingriff rund 2.000 Euro verlangte – deutlich weniger als vergleichbare deutsche Praxen. Aus Altwals Nacken wurde ein Hautlappen geschnitten, die Haare samt Wurzeln daraus entnommen und in viele kleine Löcher am Oberkopf wieder eingepflanzt – bei lokaler Betäubung. „Es hat sehr lange gedauert und war sehr schmerzhaft. Auch nach der OP. ­Anschließend musste ich mehrere Wochen eine Art Stirnband tragen, um die offene Stelle im Nacken zu schützen.“ Optimal beraten hat sich Sharif in Istanbul nicht gefühlt. Das meiste musste vorab per E-Mail geregelt werden. Geplant war eigentlich eine Voll­narkose. Und statt 5.000 Haarwurzeln wurden am Ende nur 3.000 verpflanzt. Trotzdem sagt er: „Ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Und es war sicher nicht die letzte Operation. Ich investiere genauso in meinen Körper wie beispielsweise in meine Wohnung oder meinen Job.“
Das mag für viele nach einer extremen Einstellung klingen – Sharif selbst weiß, dass sein Leidensdruck in Kindheit und Jugend bis heute einen großen Einfluss auf seine Selbstwahrnehmung hat. Für ihn ist es wichtig, Kontrolle über sein Aussehen zu haben.

Dass sich der Mensch gerne mit seinem Aussehen beschäftigt, ist kein neues Phänomen. Neu ist aber die schiere Masse an Fotos und Videos, Magazinen und TV-Shows, die für die einen als Vergleichsmaterial, für die anderen der Imagepflege dienen. Vor allem im Internet ist Selbstdarstellung allgegenwärtig. Auch Sharif postet regelmäßig Bilder von sich, gerne auch mal oben ohne am Strand.

„Die Möglichkeiten des Smartphones haben uns geradezu überrollt. Nie wurden Bilder so schnell gemacht und vor allem ­geteilt“, sagt Waltraud Posch. Die österreichische Soziologin arbeitet hauptberuflich in der Gesundheitsförderung, schrieb das Buch „Projekt Körper. Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt“ und forscht zum Thema Schönheit. „Blickt man zurück, kam die Möglichkeit der Vergleichbarkeit mit dem Spiegel. Dann kamen Foto und Film, alles in einem viel überschaubareren Rahmen. Heute findet eine permanente Selbstbespiegelung und ein Vergleichen im Netz statt. Welche Auswirkungen das langfristig auf unser Körperbild hat, wird sich erst noch zeigen.“ Im Internet kursieren derweil Selfies von Menschen jeden Alters, gerne gepimpt mit einem Filter, der Unebenheiten oder Falten einfach per Knopfdruck glättet. Schmink-Videos sind so beliebt, dass einige der meist jugendlichen Schöpfer zu YouTube-Stars und Großverdienern geworden sind.

Dieses Vergleichen könnte laut Johannes Bruck einen Einfluss darauf haben, dass auch die Zahl intimchirurgischer Eingriffe stark gestiegen sei. Beispielsweise die Verkleinerung der Schamlippen. „Vor allem bei diesem Eingriff ist die Zahl sehr junger Patientinnen auffällig. Ich staune darüber, aber teilweise scheinen Fotos des Intimbereichs im Internet verglichen zu werden. Und dann werden ja oft die ganz engen, knappen Höschen getragen“, sagt der Chirurg. „Hier muss ein Arzt auch psychologisches Geschick beweisen. Gerade bei sehr jungen Patientinnen kann es auch vorkommen, dass ich einen Eingriff ­ablehne, wenn die Motivation zu fragwürdig ist.“

Natürlich legt sich nicht jeder, der gerne Selfies macht oder Schmink-Videos konsumiert, irgendwann unters Messer. Doch auch Sharif und Mira, die Generation Instagram, sind im Netz quasi omnipräsent, filtern Fotos, kommentieren und posten Bilder. „Da fällt es natürlich noch mehr auf, wenn einem etwas an sich nicht gefällt“, sagt Mira. „Früher habe ich auch schon Selfies gemacht, aber oft mit einer Hand vor dem Mund, weil ich meine schmalen Lippen nicht sehen wollte.“ Gerade bei vielen jungen Bloggern und Influencern, also all jenen, die sich regelmäßig im Netz präsentieren, seien kleine Eingriffe, wie Mira selbst sie vornehmen lässt, fast schon normal, glaubt sie. „Und dass Internet-Stars wie Kylie Jenner öffentlich zugegeben haben, aufgespritzte Lippen zu haben, trägt auch einen Teil dazu bei.“

Doch was gilt heute eigentlich als schön, als ästhetisch? Sind es die sportlichen, schlanken Körper, die in den sozialen Medien seit einigen Jahren gerne als das Ergebnis eines durch Yoga und grüne Smoothies geprägten, betont gesunden Lifestyles präsentiert werden? Sind es volle Lippen, stark geschminkte Gesichter und die etwas kurvigeren Körper, die durch Kylie Jenner und ihre Schwester Kim ­Kardashian in den letzten Jahren wieder ­salonfähiger geworden sind?

Soziologin Waltraud Posch nennt hier Schlankheit, Jugendlichkeit und Fitness als drei Kriterien. „Für all diese Faktoren muss man etwas tun, sie sind für viele nicht leicht zu erreichen und damit erstrebenswert“, sagt Posch. Der vierte Aspekt mag zunächst überraschen: „Authentizität ist ein wichtiger Faktor der heutigen Zeit. Was etwas absurd klingt, denn sich schön machen oder schön operieren passiert ja in der Regel bewusst und ist kein natürlicher Vorgang. Doch vielen Menschen ist es wichtig, zumindest so zu wirken, als seien sie mit sich im Reinen, ganz ohne große Anstrengung.“

Dazu passt die Häme, die über Promis wie die US-Schauspielerinnen Renée Zellweger oder Meg Ryan ausgeschüttet wird, wenn sie plötzlich mit einem Gesicht auf dem roten Teppich erscheinen, das keinen Zweifel an einem Eingriff mehr gestattet. Und aus dem, viel zu übertrieben, die Spuren des Alters weggewischt wurden.
Als viel authentischer, so Waltraud Posch, empfinde man es hingegen, wenn Promis ihre ungeschminkten Gesichter in den sozialen Medien posten, wie es inzwischen regel­mäßig geschieht. „Dabei ist auch so ein vermeintlich spontanes Selfie oft komplett durchinszeniert, denn wirklich schlecht sehen die Frauen auf diesen Bildern ja nie aus“, sagt Posch. „Es wird ja ­gerne erzählt, dass alle ganz viel Wasser trinken und ganz gesund leben. Aber dass all diese Promidamen mit 40 oder 50 nur deswegen so glatt aussehen wollen, ist natürlich Utopie.“

Foto: David von Becker

Und so schweigen sich die meisten A-Promis noch über ästhetische Eingriffe aus, während das Thema bei der jüngeren Generation und abseits der roten Teppiche ganz allmählich an Normalität zu gewinnen scheint. Die Berliner Bloggerin und Vice-Autorin Suzie Grime etwa, die bewusst Tabu-Themen aufgreift, filmte sich selbst vor und direkt nach ihrer Brustvergrößerung. Ungeschönt und in wechselnder Stimmung. Trotzdem sei es den meisten ­Menschen, unabhängig vom Alter, in erster Linie wichtig, „sich normal zu fühlen, dazuzugehören“, sagt Posch. Ohne dabei viel Aufsehen zu erregen.

Für die Entscheidung zur Selbstoptimierung braucht es nicht immer einen großen Leidensdruck oder ein winziges Selbstbewusstsein. Es reicht manchmal der Wunsch, sich selbst, dieser Kombination aus Rolle und Gefühl, ein Upgrade zu verpassen. Und damit auch dem eigenen Status. Trotz vieler jüngerer Patienten sind laut Johannes Bruck die größte Gruppe der Patienten Frauen ab 40 Jahren aufwärts, meist mit beiden Beinen auf dem Boden stehend, berufstätig, häufig Mütter. „Für viele ist Dynamik heute das Zauberwort. Kürzlich habe ich eine Patientin gehabt, die eine Unterlidstraffung haben wollte, da sie laut eigener Aussage immer ‚so versoffen‘ aussähe. Und dabei trinke sie gar nicht. Sie fand, dass ihr Aussehen nicht zu ihrem Typ, ihrem Lebensstil passte. Nach der OP hat sie sich viel ­wohler in ihrer Haut gefühlt.“

Einen so drastischen Makel hätte Martina Zahn für sich selbst nie reklamiert, im Gegenteil. Aber auch sie wollte Aussehen, gefühltes Alter und Lebensstil noch mehr in Einklang bringen. In der Hohenzollernklinik entschied sich die 59-Jährige, die in Braunschweig lebt, gemeinsam mit dem Arzt für ein Face Lift der unteren Gesichtspartie: „Ich bin wohl eine von den Frauen, denen jeder sagt: ‚Eine Schönheits-OP hast du doch gar nicht nötig‘.“ Blonde, glatte Haare, meist streng nach hinten gekämmt, perfekt sitzendes Make-up, hohe Wangenknochen: Früher hatte Martina Zahn als Model gearbeitet. „Ich habe nie geraucht, nie viel Alkohol getrunken, viel Sport gemacht. Und das sieht man meinem Gesicht auch an“, sagt sie. „Wären riesige Veränderungen notwendig gewesen, hätte ich vielleicht mehr gezögert, mich operieren zu lassen. Ich wollte mich nicht komplett verändern, sondern mein Erscheinungsbild noch ästhetischer gestalten. Frisch aussehen, passend zum Rest meines Körpers.“

Noch pragmatischer sieht Florian Thies die Motivation für seine ästhetische Behandlung, die in seinem Fall die Zähne betraf. „Ich habe früher eine Zahnspange getragen, aber die Zähne haben sich wieder leicht auseinandergeschoben, sodass ich vor allem zwischen oberen Schneidezähnen Lücken hatte“, erzählt der 31-jährige Berliner Apotheker. „Ich habe das nicht wirklich als Belastung empfunden. Erst, als mein Zahnarzt Michael Melerski mich vor etwa zehn Jahren mal vorsichtig darauf angesprochen hat, dass man diese Lücken theoretisch auch schließen könne, habe ich angefangen, darüber nachzudenken.“

Für dieses Lückenschließen gibt es ­verschiedene Methoden. Als besonders hochwertig gilt der Einsatz sogenannter Keramikveneers – hauchdünne Schalen, die auf den Zahn geklebt werden. „Damals, als Student, kam das für mich nicht infrage, vor allem aufgrund der Kosten“, sagt Thies. „Doch als ich dann ein paar Jahre im Berufsleben war, stand das Thema wieder im Raum. Nicht zuletzt, weil ich im Gesundheitswesen arbeite und häufig Kundenkontakt habe.“ Den entscheidenden Anstoß zur Verneer-Behandlung, die immerhin rund 6.000 Euro kostete, gaben aber die Selfies, die Thies seit einigen Jahren mithilfe einer App täglich von sich macht. „Da ist mir dann irgendwann aufgefallen: Es gibt fast kein Selfie, auf dem ich Zähne zeige. Die Lücken hatten unterbewusst offenbar doch einen größeren Einfluss als gedacht.“

„Der Körper“, sagt die Soziologin ­Waltraud Posch, „wird als eine Art Visitenkarte des ­Inneren verstanden. Und wer den Körper ­augenscheinlich gar nicht im Griff hat – hat der dann, überspitzt gesagt, die Firmen­leitung im Griff?“ Nicht auffallen, vor allem nicht negativ, das sei ein typisches Streben der heutigen Zeit. Dafür werden weder Kosten noch Risiken gescheut. Und hat man die erste Selbstoptimierung erst einmal hinter sich, folgt oft bald die zweite: Denn angesichts permanenter Selbstbeobachtung bleiben vermeintliche „Makel“ garantiert nicht ­unentdeckt.

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