Theater und Bühne in Berlin

Das Radialsystem präsentiert Graziadei und Dunberry

Das Radialsystem zeigt beim Tanz im August ein kleines Festival im Festival. Mit dabei sind unter anderen Renate Graziadei mit "Rückwerts" und Luc Dunberry mit "Aliens!"

Dunberry in Renate Graziadei steht im monumentalen Treppenbereich des Neuen Museums, klitzeklein, und dreht und dreht und dreht sich um die eigene Achse. Von Sasha Waltz’ grandiosen Dialogen 09, mit denen die Choreografin im März das noch leere, von David Chipperfield so genial restaurierte Neue Museum bespielte, ist das eine der Szenen, die unbedingt haften bleiben. Denn während Graziadei nicht aufhörte, sich um die eigene Achse zu drehen, schien sie weniger in eine Art Trance zu verfallen. Vielmehr wirkte es, als erzähle sie unendlich viele Geschichten, die sie mit ihren mal weiter, mal enger, mal schneller, mal langsamer, mal geduckt, mal gestreckt ausgeführten Drehungen aus den unterschiedlichsten Schichten und Ablagerungen ihres Körpers zu holen schien. Was angesichts des Ortes, der auf so vielfältige Weise mit seinen Zeitschichten und Ablagerungen spielt, noch einmal besonders Eindruck machte. Jetzt hat Renate Graziadei solchen Zuständen gleich ein ganzes, eigenes Stück gewidmet: „Rückwärts“. Gezeigt wird es im Rahmen von Tanz im August im Radialsystem, wo man gegen Ende des Festivals mit einem ungeheuer kompakten zweitägigen Programm fast so etwas wie ein Festival im Festival präsentiert. Mit dabei sind viele Berliner Tänzer und Choreografen, wie etwa Luc Dunberry, Mitglied der Sasha Waltz Compagnie schon fast von Anfang an, der „Aliens!“ präsentiert. Aber auch Stars wie der Flamenco-Tänzer Israel Galvбn, dem Arte gerade ein wunderbares Porträt gewidmet hat, sind mit dabei.
Zwar gilt Flamenco als lebendige Tradition, doch was man oft zu sehen bekommt, wirkt eher der folkloristischen Erstarrung anheim-gefallen zu sein. Bei Galvбn ist das anders. Er gilt als einer der kreativsten Erneuerer. Einer, der Stück für Stück, die traditionellen Elemente dekonstruiert, bis nur noch die pure, rohe Seele des Flamenco übrig bleibt. Schlicht „Solo“ heißt das Stück mit dem Galvбn im Radialsystem diese Arbeit wieder ein wenig weiter treiben wird.
Dunberry in Renate Graziadei ist auf eine ganz andere Weise auch so eine begnadete Tänzerin. 1994 hat sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem Tänzer und Choreografen Arthur Stäldi, das Kollektiv LaborGras gegründet. Der Name ist Programm, es geht den beiden um das Forschen an Bewegung. 2000 sind die Österreicherin Graziadei und der Schweizer Stäldi dann nach Berlin gezogen, 2002 haben sie in einem Hinterhof am Paul-Linke-Ufer ein eigenes Studio gegründet und dort zahlreiche ihrer Arbeiten gezeigt.
Nie aber ist Renate Graziadei, die bei Sasha Waltz auch die Tänzer trainiert und Proben leitet, dabei so aufgefallen wie in den beiden letzten Waltz-Stücken, in denen sie tanzte, den „Dialogen 09“ und „Jagden und Formen“ zur gleichnamigen Komposition von Wolfgang Rihm. Renate Graziadei macht mit ihrer kleinen Tochter gerade Ferien bei ihren Eltern in Österreich. „Rückwärts“, sagt sie mit ihrer rauen Stimme ins Telefon, „ist ein Solo über Erinnerung.“ Keines über Erinnerungen an die Kindheit, sondern an das, was sie in den letzten zehn Jahren getanzt hat.

Im ersten Moment mag sich das wenig aufregend anhören, aber wenn man Graziadei tanzen gesehen hat, weiß man, dass es das sehr wohl sein kann. Das Phänomen der Zeit interessiere sie, sagt Graziadei. Und wie man durch Bewegung in einen bestimmten Zustand geraten kann, einen Zustand, in dem Bewegung sinnhaft wird, weil sie sich an bestimmte Kräfte des Körpers andockt. Wiederholung spielt dabei eine große Rolle, so wie sie es auch in traditionellen Tänzen tut. Bei den Derwischen etwa, überhaupt bei jeder Art von spirituellen Tanz. Kleine Bewegungen werden wieder und wieder wiederholt und dabei immer raumgreifender und schneller. Der Tänzer führt nicht etwas vor, er bringt sich in einen bestimmten Zustand – und das führt dazu, dass das Publikum zuschauend in den gleichen Zustand gerät wie er. Eben mit solchen Dingen arbeitet Graziadei, nur jenseits aller Tradition. Ihr geht es um die Erinnerung, die im Körper lagert, die Weise, wie diese sich verändert hat, wie man mit ihr spielen, Neues kreieren kann, wenn man sie hervorholt. Wenn das so dicht sein sollte wie das Drehsolo im Neuen Museum, dann dürfte „Rückwärts“ zu einem unbedingten Highlight werden.
Gespannt sein darf man auch auf Luc Dunberrys neue Arbeit „Aliens!“. Der Waltz-Tänzer hat schon einige hervorragende Stü-cke choreografiert, darunter „anything else“ und vor vier Jahren bei seinem letzten eigenen Gastspiel beim Tanz im August das überraschend komische, aberwitzige „Don’t we“, bei dem die Anleihen an die früheren Arbeiten von Sasha Waltz allerdings deutlich erkennbar waren (was dem Vergnügen keinen Abbruch tat). Seitdem hat sich Dunberry als Choreograf lieber anderswo, in Montreal etwa und in Osnabrück, ausprobiert. Jetzt ist er zurück mit Botschaften von outer space, die in Wahrheit direkt vor unserer Haustüre warten.

Text: Michaela Schlagenwerth
Foto: Karl Wedemeyer

Solo
, Sa 28.8., 19 Uhr, So 29.8., 18+20.30 Uhr
Aliens! Sa 28.8., 20 Uhr, So 29.8., 21.30 Uhr
Rückwärts / Dialogue II / Parallel Sa 28.8., 21.30 Uhr, So 29.8., 19 Uhr

Radialsystem V
(Adresse + Google-Map)
, Holzmarktstraße 33, Friedrichshain, Karten unter Tel. 288 78 85 88, www.radialsystem.de


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