Musik & Party in Berlin

Das Schlippenbach-Walsdorff-Quartett im Sowieso

Kein anderer Berliner Jazzmusiker genießt international so viel Anerkennung wie
der Pianist ­Alexander von Schlippenbach. Er gehörte zu den Erfindern des europäischen Free Jazz, seiner Musik fehlte es aber bei aller Befreiung niemals an ­Eleganz und Swing.

Alexander von Schlippenbach

tip Was bedeutete es eigentlich in den Sechzigerjahren, den europäischen Jazz von amerikanischen Vorbildern zu befreien?
Alexander von Schlippenbach Das bedeutete Freiheit von den traditionellen Formen und die Entwicklung einer neuen Sprache. Ein entscheidender Unterschied zum vorherigen Jazz bestand auch darin, dass die Musiker im Sinne von Marx begannen, die Produktionsmittel zu übernehmen. Die Tonträgerproduktion mittels eigener Plattenfirmen, die Geldbeschaffung von den kulturellen Institutionen, um Konzertreihen aufzubauen. Mit Gründung der FMP (Free Music Production, ein Berliner Verlag und Label für improvisierte Musik, Anm. d. R.) wurde all das ein wenig professionalisiert. Gerade in Berlin wurden mit dem Workshop Freie Musik und dem Total Music Meeting Festivals eta­bliert, auf denen progressiver Jazz sehr erfolgreich präsentiert wurde.

tip Jetzt widmen Sie sich mit Monk’s Casino wieder der Jazz-Tradition.
Alexander von Schlippenbach Unsere Aufarbeitung von Monk ist kein Rückblick, sondern wir versuchen die 70 Kompositionen, die er offiziell hinterlassen hat, in eine aufführbare Form für einen Abend zu bringen. Dahinter steht vor allem eine dramaturgische Idee, die diese Musik auf eine ganz andere Art darstellt.

tip Jazz-Projekte sind meist sehr kurzlebig. Sie hingegen bevorzugen Langzeitformationen, die über Jahrzehnte aktiv sind.
Alexander von Schlippenbach Ich habe von Anfang an Gruppen aufgebaut, mit denen ich bestimmte Ideen über lange Zeiträume entwickeln und verbessern kann. Orthodoxen Ideologien zufolge ist Improvisation nur dann legitim, wenn die Musiker sich nie zuvor gesehen haben, weil sie nur dann rein und frei wäre. Für professionelle Musiker ist dieser theoretische Ansatz völlig irrelevant, denn wir wollen nicht nur experimentieren, sondern unsere Sachen vorführen und Geld dafür haben. Das Experiment gehört ins Labor, nicht auf die Bühne.

tip Bei aller Internationalität waren Sie stets als Berliner Musiker wahrnehmbar …
Alexander von Schlippenbach Ich bin hier geboren, deshalb bin ich auch ein Berliner Musiker. Berlin war immer Brennpunkt aller möglichen politischen und kulturellen Bewegungen, aber der Jazz entwickelte sich vor den Sechzigerjahren nur dümpelhaft. Durch die FMP kam ein neuer Wind in die Stadt, der irgendwann auch wieder nachließ. Als dann nach dem Mauerfall Künstler aus der ganzen Welt nach Berlin kamen, hat sich an der Basis abermals eine sehr lebendige Szene entwickelt. Die Missachtung dieser Entwicklung durch die Medien finde ich geradezu skandalös. Der progressive Jazz ist immer noch im Underground. Aber es ist ein etablierter Underground.

tip Sie werden am 7. April 75. Welche Wünsche sind da noch offen?
Alexander von Schlippenbach Ich würde mir wünschen, dass sich unsere Rundfunkanstalten mal wieder ein bisschen mehr um unsere Musik kümmern. Die Türen, die uns mal offen standen, sind uns seit langer Zeit fast völlig verschlossen. Es gibt für uns keine besseren Arbeitsmöglichkeiten als in einem Rundfunkstudio. Ich würde mir wirklich sehr wünschen, dass da mal wieder etwas bessere Bedingungen geschaffen würden.

Interview: Wolf Kampmann

Foto: © Rinderspacher

Schlippenbach-Walsdorff-Quartett, Sowieso, Weisestraße 24, Neukölln, Do 28. – Sa 30.3., 20.30 Uhr, AK: 6?–?10 Euro

Monk’s Casino, Aufsturz-Klub, Oranienburger Straße 67, Mitte, Mi 3.4. – Fr 5.4., 20 Uhr, VVK: 12?/?9 Euro (erm.)

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