Musik & Party in Berlin

Das SchwuZ verabschiedet sich vom Mehringdamm

Das SchwuZ ist der schwule Club der Hauptstadt. Im November verabschiedet er sich vom etablierten Szene-Mehringdamm und zieht ins raue Neukölln. Wie kann das gut gehen?

schwuz_pritzkuleitWenn die Lichter am Mehringdamm ausgehen, am 10. November 24 Uhr im SchwuZ-Keller, wird Michael von Fischbach nach 25 Stunden Party in Tränen ausbrechen. Was wurde am Mehringdamm in den letzten 18 Jahren geflirtet, geknutscht und getanzt – zu hartem Indie-Rock bei der London-Calling-Party, 80er-Retro bei bump!, Pop beim Proxi Club oder Partysane mit der legendären Dragqueen Gloria Viagra. All das gibt es bald nicht mehr in Kreuzberg. Das SchwuZ zieht nach Neukölln. Dort steigt eine Woche später direkt die Opening-Party.
In den letzten 18 Jahren war am Mehringdamm eine queere Infrastruktur gewachsen: Bis vor Kurzem mussten SchwuZ-Gäste auf dem Weg zum Eingang automatisch durchs Cafй Melitta Sundström. Aber auch bei der BarbieBar, Drama, Rauschgold und der Männersauna Boiler schauten viele auf dem Weg zum und vom SchwuZ vorbei. Für Jörg Schlachter von der BarbieBar war das SchwuZ „ein Riesen-Publikumsmagnet am Wochenende“. Inzwischen hätten aber auch Mädels aus der Nachbarschaft und ältere Damen die BarbieBar für sich entdeckt.

Michael von Fischbach, Programmchef beim SchwuZ, wirkt unnostalgisch: Alles, was das SchwuZ ausmacht, werde es auch in der neuen, viel größeren Location geben. Alle Resident-DJs kommen mit auf den Rollbergkiez. Ausstellungen sind in Planung, größere Konzerte und ein vierter Dancefloor. Beklemmende Keller-Enge soll es im riesigen Brauerei-Gewölbe, Baujahr 1870, jedenfalls nicht mehr geben. Im alten dicken Mauerwerk mit abgesägten Stahlträgern werden gerade noch jede Menge Absorberflächen installiert, damit auch der Sound klasse wird. Und einen neuen Veranstaltungstags wird es geben: den elektronischer Donnerstag, der zum urban-industriellen Charme der neuen Location passt. „Veränderungen waren schon immer Teil des SchwuZ, das seit 1977 ein Ort der Emanzipation und des Aufbegehrens ist“, sagt Thomas Sielaff. Er freue sich darauf, ein „Teil dieses aufregenden Kiezes“ in Neukölln zu werden.

Die queere Szene in Neukölln hat sich bisher auf die Bar SilverFuture in der Weserstraße beschränkt, abgesehen von ein paar Partys hier und dort, etwa seit letztem Sommer bei The Zone in der Reuterstraße. „Leider gab es bisher wenig Konstantes“, sagt Stef Morgner von der Bar The CLUB in der Biebricher Straße, unweit vom neuen SchwuZ. „Der Umzug macht hoffentlich mehr Publikum aus Kreuzberg und Schöneberg auf queere Kultur in Neukölln aufmerksam.“

schwuz_pritzkuleitMarcel Weber (Foto rechts), Geschäftsführer beim SchwuZ, hat schon früh Kontakt aufgenommen zu den neuen Nachbarn. Auf dem Areal der alten Brauerei eröffnet in einem Jahr auch das Kindl-Zentrum für zeitgenössische Kunst. Der künstlerische Direktor des Kindl-Zentrums Andreas Fiedler sagt zum SchwuZ: „Für uns ist es wunderbar, dass es auf dem Gelände eine weitere kulturelle Nutzung geben wird.“ Aber mitunter gibt es bei SchwuZ-Gästen auch Furcht vor homophober Gewalt im Rollbergkiez. „Als wir den Umzug öffentlich gemacht haben, gab es im Netz rassistische Statements gegen Muslime“, sagt Thomas Sielaff (links), PR-Chef beim SchwuZ. „Wir sind froh, dass unsere Gäste selbst interveniert haben, die in Neukölln wohnen und dort ohne Angst Freund oder Freundin küssen.“

In der Polizeistatistik sind Straftaten gegen Schwule nicht recherchierbar, „da die sexuelle Orientierung der Opfer bewusst nicht erfasst wird“, so die Polizei. Bei Maneo, dem schwulen Anti-Gewalt-Projekt, wurden 2012 in Neukölln zwei Gewaltdelikte gemeldet – im Vergleich zu neun Fällen in Friedrichshain-Kreuzberg und elf in Mitte. Mehr Anfeindung in anderen Bezirken dürfte aber auch darauf zurückzuführen sein, dass Schwule sich dort öfter zeigen. In einer Studie des Kieler Sozialpsychologen Professor Bernd Simon mit 922 Berliner Gymnasiasten und Gesamtschülern sagten 2007 knapp 79 Prozent der männlichen Schüler mit türkischem Migrationshintergrund: „Wenn sich zwei schwule Männer auf der Straße küssen, finde ich das abstoßend.“ Über ein Drittel der Rollberger hat einen Migrationshintergrund.

„Nach Black Power gibt es jetzt aber auch Tuntenpower“, sagt Gilles Duhem, Geschäftsführer bei Morus 14, dem Netzwerk für soziale Integration durch Bildung, Kultur und Gewaltprävention im Rollbergviertel. „Wird man dumm angemacht und diskutiert lang rum, ist man Opfer. Deshalb: klare Spielregeln, sofort 110 wählen.“ Homophobe Urängste müsse man abbauen und das gehe nicht durch lange Diskussionen. „Aber wenn man sich Respekt erarbeitet hat, spielt es keine Rolle mehr, ob man schwul oder lesbisch ist. Ich freue mich, wenn SchwuZ-Gäste bei unserem Netzwerk Mentor für Jugendliche mit Migrationshintergrund werden.“ Die SchwuZ-Macher seien „kluge Leute“, mit denen man auch „ganz profane Sachen“ machen könne – „vielleicht eine Jugenddisco für die Rollberger“.

„Durch den Umzug findet das SchwuZ seinen politischen Auftrag wieder – wenn auch an einer anderen Front als vor 25 Jahren“, sagt Duhem. Die Rollberger und die SchwuZ-Gäste werden Zeit haben, sich kennenzulernen. Der Mietvertrag läuft fünf Jahre, mit Option auf zehn. Und das Rauschgold, momentan noch schräg gegenüber vom SchwuZ am Mehringdamm, plant, so munkelt man, bald auch noch eine Dependance im Rollbergkiez.

Text: Stefan Hochgesand

Fotos: Benjamin Pritzkuleit

TERMINE:

SchwuZ Mehringdamm 61, Kreuzberg, 25-h-Abschiedsparty Sa 9.11. ab 23 Uhr; ab Sa 16.11.: Rollbergstraße 26, Neukölln, Mi–Sa ab 23 Uhr; 25-h-­Eröffnungsparty, Sa 16.11. ab 23 Uhr

The Club Biebricher Straße 14, Neukölln, Mo–Do 18–2 Uhr, Fr+Sa 18–4 Uhr, So 19–1 Uhr

SilverFuture Weserstraße 206, Neukölln, So–Do 17–2 Uhr, Fr+Sa 17–3 Uhr

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