Musik & Party in Berlin

Das SO36 wird 30 Jahre alt

Im SO36 feiert man das 30-jährige Jubiläum, muss wegen Lärmbeschwerden gleichzeitig aber auch um den Fortbestand fürchten.

Das SO36 im Jahre 1978
1978: Das SO36, Foto: Helmut Metzner

Als im August 1978 das SO36 am Kreuzberger Heinrichplatz mit dem Mauerfestival und Auftritten von Bands wie PVC, Male und Mittagspause eröffnet wurde, hat kaum jemand erwartet, dass es diesen Club auch 30 Jahre später noch geben würde, noch dazu als gelungenen Schmelz­tiegel aus Punkkonzerten, HipHop-Shows, Oriental- und Schwu­lendisco. Entstanden ist das „Esso“ in einer Zeit, als in Berlin Bühnen für neue Musik und Discos abseits des Mainstreams recht knapp waren. Das SO36 wurde so schnell zum Szenetreffpunkt und schmutzigen kleinen Bruder des damals als Musikbühne bereits etablierten Kant Kinos. Wir fragten zwei einstige Stamm­gäste nach ihren Erlebnissen.

 

Dr. Motte (Love-Parade): „Ich bin dort als ‚Die Tödliche Doris in Vertretung‘ aufgetreten und habe ihre Stücke gespielt, weil die sich mal selbst auf der Bühne sehen wollten. Bei einem Konzert von SPK war ich mit meiner damaligen Freundin. Sie spritzten mit Blut und spielten Sezierungsfilme ab. Es liefen 16-Hz-Bässe, und uns wur­de speiübel. Wir sind nach 20 Minuten wieder gegangen. Aufgelegt habe ich dort allerdings nie.“

Mark Reeder (MfS Records): „Ich war sehr, sehr oft im SO36. Es war eine Art Gig-Mekka, mein zweites Zuhause. Am 17. Juni 1981 war dort mein erstes Konzert als Die Unbekannten. Ein paar Tage davor hat mich der Promoter gefragt, ob ich Lust hätte, zu spielen. Ich rief einen englischen Freund (Alistair Gray) an und fragte, ob er singen kann. Ich zeigte ihm auch, wie man Bass spielt. Am Tag selber hatten wir nicht mal einen Bandnamen. Wir bekamen keinen Soundcheck und warteten erst mal in der Kneipe ge­genüber. Etwas ange­trun­ken stolperten wir dann auf die Bühne. Den ganzen Tag lang hatte meine Gitarre im kalten Backstage gestanden, nun war es auf der Bühne kochend heiß – die Saiten hingen verstimmt hinunter. Durch meine besoffene Nervosität schaltete ich aus Versehen den falschen Drumpattern auf unserer MFB-Rhythmusmaschine an. Obwohl das Publikum sich anscheinend amüsiert hatte, war der Gig eine Katastrophe. Im tip der folgenden Woche schrieb André Schwerdt: ‚Beson­ders aufgefallen ist mir das Avantgarde-Set von zwei unbekannten Engländern‘, und so waren wir als Avantgarde eingestuft und hatten unseren Bandnamen verpasst bekommen: Die Unbekannten.“
Dass die Betreiber der Kreuzberger Clubinstitution jetzt mit ein­jähriger Verspätung ihr 30-jähriges Jubi­läum feiern, hat weniger mit schlechtem Gedächtnis, sondern mit Stress zu tun, dem das Kollek­tiv mit rund 50 Mitarbeitern seit Längerem ausgesetzt ist. Aufgrund der Lärmbeschwerden eines Nachbarn wurde dem SO36 auferlegt, eine meterhohe Schallschutz­wand bauen zu lassen. Nun streitet man mit dem Bezirk, wer deren Kosten trägt.

 

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