Theater und Bühne in Berlin

Das Stück zum Staatsbankrott „Yasou Aida“

Die Griechen, die Krise und das Geld: Mit der griechisch-deutschen Koproduktion "Yasou Aida" zeigt die Neuköllner Oper das Stück zum drohenden Staatsbankrott

Yasou_AidaAida heißt jetzt Elpida. Sie ist auch nicht mehr wie bei Verdi eine äthiopische Prinzessin, die als Sklavin am Hof der ägyptischen Großmacht gehalten wird. Sondern eine junge Griechin, die einen Posten als Trainee bei der Europäischen Zentralbank ergattert hat. Wo bei Verdi der Pharao herrschte, regiert jetzt die Phraseologie der Finanzkrise: Rettungsschirm, Umschuldung, Bankrott. An der Neuköllner Oper machen griechische Künstler aus der italienischen Bombast-Komposition mit Exotik-Flair eine Kammer-Groteske zur Lage Europas am Beispiel des Pleite-staats Griechenland. „Yasou Aida“, Hallo Aida, heißt die Fassung, die Komponist Kharбlampos Goyуs arrangiert hat, die Texte stammen von Dimitris Dimopoulos, einem Stand-up-Comedian, Regie führt Alexandros Efklidis, in seiner Heimat ein Shootingstar unter den jungen Avantgardisten.

Das Hellas-Trio hat Verdis Partitur für dieses „deutsch-griechische Freundschaftstreffen“ (so der Untertitel) zunächst mal sehr ökonomisch auf Harmonium, Klavier, Flöten und zwei Celli reduziert, der berühmte Triumphmarsch wird auf der Tröte geblasen. Den Plot haben die Künstler mit multinationalem Sänger-Ensemble und viel Witz in die Farce getrieben: Feldherr Radames ist jetzt der EZB-Sonderbeauftragte Rainer Mess (furios: Tenor Alexander Nicolic), der den Griechen beim Gesundschrumpfen auf die Finger schauen soll. Er verliebt sich in Elpida (Lydia Zervanos), deren Chefin Anna Riche (Sirin Kilic) ebenfalls ein Auge auf den smarten deutschen Sparkommissar geworfen hat. Aber der EZB-Funktionär fällt im Zuge seines Jobs vom Glauben an die Funktionstüchtigkeit der Marktwirtschaft ab, was ihn die Karriere kosten wird. „Ich wollte eine Art Otto Rehagel werden“, barmt der verhinderte Griechenretter, „aber ich bin nicht mal Peter Neururer“. Und mit der Liebe klappt’s auch nicht. Elpida-Aida will lieber Bankerin werden.

Die Idee zu dieser Koproduktion zwischen der Neuköllner Oper, der Thessaloniki Concert Hall und The Beggar’s Operas in Athen entstand im Mai 2010. Da brannten in der griechischen Hauptstadt gerade die Banken. Bernard Glocksin, der Leiter der Neuköllner Oper, wollte wissen, wie griechische Künstler über die Krise dachten, die in ihren Augen „kein griechisches, sondern ein europäisches“ Phänomen sei. „Es war die Zeit“, erinnert sich Regisseur Alexandros Efklidis, „als die ,Bild’-Zeitung und der ,Focus’ populistische Debatten anzettelten“, Stichwort „Pleitegriechen“, was die griechischen Medien wiederum mit anti-deutschen Stereotypen beantworteten. Efklidis nennt das einen „Krieg der Klischees“.
Die erste „Aida“-Fassung, die Efklidis mit dem befreundeten Komponisten Kharбlampos Goyуs entwarf, dem Gründer der Off-Bühne Beggar’s Operas in Athen, trug noch den Untertitel: „Eine postkoloniale futuristische Tragödie“. Von wegen futuristisch. „Die Realität hat uns inzwischen überholt“, so Goyуs. In den frühen Entwürfen, erzählt Autor Dimitris Dimopoulos, hatten sie zum Beispiel noch damit gespielt, dass die Politiker hüben wie drüben um das „B-Wort“ herumschlichen, das große Tabu des Staatsbankrotts. „Und plötzlich führten es alle im Mund, sogar Merkel“.
Die drei sehen ihr Land dabei nicht als Opfer höherer Finanzmächte. Oder einer EZB mit der Sparknute. Das legen sie auch in ihrem Stück nicht nahe, das ein überschießender, musikalisch gelungener Spaß ist – mit Glücksrädern voller Pleite-Feldern und dem gemeinsamen Stoßgebet „Euro unser im Himmel“. Im Gespräch spötteln sie über die Sehnsucht ihrer orientierungslosen Landsleute, irgendjemandem die Schuld zuweisen zu können. Und blicken halb belustigt, halb besorgt auf ein Europa, „in dem jeder jeden beschuldigt – und trotzdem ist man vereint“, wie Efklidis sich amüsiert.

Yasou_AidaManche Entwicklungen allerdings, die ebenfalls europäische und keine rein griechischen sind, treiben ihm das Lachen aus: „Dass mit der LAOS eine ultra-rechte, mehr oder weniger faschistische Partei an der griechischen Regierung beteiligt ist, wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen“, stöhnt der Regisseur. Viel Hoffnung ist nicht in Sicht. Der Führer der griechischen Opposition, Antonis Samaras, verkündet in Reden gerne mal, dass die Heimat ihre schwere Probe mit Hilfe der Muttergottes meistere. „Und der wird wahrscheinlich nächster Premierminister“, ruft Autor Dimopoulos.
Die Krise ist eine gute Zeit für Populisten. Nicht für Künstler. „In Griechenland hätten wir momentan keine Arbeit, so einfach ist das“, sagt Goyуs. Und selbst wenn  – das würde noch nicht bedeuten, dass sie auch bezahlt wird. Im vergangenen Jahr hat das Trio eine Operette für das renommierte „Athen-Festival“ inszeniert. Einen Monat vor der Premiere wurde das Gesamtbudget auf 3000 Euro zusammengestrichen, auf ihr Gehalt mussten sie alle verzichten. „Das zweite Mal binnen kurzer Zeit, dass ich für eine der großen griechischen Institutionen umsonst arbeite“, erzählt Efklidis, der seinen Lebensunterhalt als Musikdozent bestreitet. Und Kharбlampos Goyуs hat die letzten Produktionen seiner sowieso minimal budgetierten „Beggar’s Operas“ nur finanzieren können, weil er ein Apartment verkauft hat, das ihm die Großmutter vererbt hatte. Die Kulturetats würden in allen Bereichen radikal beschnitten, sagt Efklidis, „die Kunst ist ja immer das leichteste Opfer“.
Das Klima wird rauer, die Folgen des Bankrotts werden offensichtlicher. In der Athener Metro wimmele es mittlerweile von Bettlern, erzählt Dimopoulos.

Es gibt immer noch einige vergleichsweise hoch subventionierte Kulturinstitutionen. Allerdings seien das aufgeblähte Apparate wie die Athens National Opera oder das Megaron in Thessaloniki, wo fast alles Geld in den Betrieb und so gut wie nichts in den künstlerischen Etat fließe. Entweder importiere man dort Inszenierungen der Mailänder Scala oder produziere das „uninteressanteste, dümmste Zeug“, sagt Efklidis. Ambitioniertere Projekte, überhaupt Arbeiten der freien Szene, fielen dagegen durchs allgemeine Aufmerksamkeitsraster, auch der Presse.
Vor Kurzem allerdings hat der Regisseur erstmals einer der großen griechischen Zeitungen ein Interview gegeben. Weil er jetzt in Berlin arbeitet. Wer im Ausland gefragt ist, der gilt plötzlich auch in der Heimat was. Selbst wenn es um das momentan übel beleumdete Deutschland geht? „Ja“, entgegnet Dimitris Dimopoulos gutgelaunt, er betone auf Nachfrage stets: „Ich arbeite nicht für die Deutschen, ich werde von ihnen bezahlt“.
Auch der Stand-up-Comedian, Übersetzer und Synchronsprecher kann die Erfahrung bestätigen, dass der Auslandseinsatz den Marktwert erhöht.
Die Künstler sind selbst gespannt, wie „Yasou Aida“ bei den Gastspielen in Thessaloniki und Athen aufgenommen wird, die im Frühjahr folgen. Für griechische Verhältnisse ist die Arbeit ziemlich radikal. „Wenn die Kritiken in Berlin gut sind, werden sie’s mögen“, spottet Efklidis. Wie so viele ihrer Landsleute ganz ins Ausland zu gehen, kommt indes für keinen der drei in Frage. Mögen die Etats noch so schrumpfen. „Wir sind schließlich die Low-Budget-Experten“, sagt Kharбlampos Goyуs und lacht: „Wir sind es, die überleben werden!“ 

Text: Patrick Wildermann
Fotos: Oliver Wolff, M.Heyde Berlin

Termine: Yasou Aida
Neuköllner Oper,
im Februar Do–So, 20 Uhr,
Karten-Tel. 68 89 07 77

Theater & Bühnen von A-Z in Berlin  

Kommentiere diesen Beitrag