Theater und Bühne in Berlin

Das Vocalconsort Berlin – ein Porträt

Das Vocalconsort Berlin, spezialisiert auf Barock und Neue Musik, kommt aus dem Off und ist zu einem der wichtigsten Chöre Berlins geworden. Jetzt eröffnet er das Festival Chor@Berlin

Vocalconsort-BerlinWo kommen eigentlich die vielen Spezialensembles her? Wovon existieren die als ‚Freelancer‘ vogelfreien, weil nirgends angestellten Musiker? Und: Kann man sich nicht einmal einen Chefdirigenten leisten?! Das aus hochkarätigen Profisängern gebildete Vocalconsort Berlin (mit zwei C) floriert trotzdem. Und sagt: „Wir sind kein Telefon-Chor. Denn bei uns gibt es keine Minutenabrechnung.“
Man hört den Galgenhumor heraus. Tatsächlich verdankt sich der Aufschwung der Chorbewegung international der gesunden Selbstausbeutung junger Talente. Man ‚muggt‘ endlos herum zwischen zahllosen Ensembles – so wie es der kleine Berufs-Grenzverkehr im französisch-niederländisch-belgischen Alte-Musik-Kombinat vorgelebt hat. Aushilfen teilt man sich mit dem RIAS-Kammerchor. Merke: Jede Massenbewegung kommt auf dem zarten Rücken von Individuen in Gang, die sich dafür mehr ins Zeug legen, als die eigene Mutter klug findet.

Das Vocalconsort Berlin wurde 2003 für Renй Jacobs’ Produktion von Monteverdis „Orfeo“ zusammengestellt. Mit Sasha Waltz’ „Dido & Aeneas“ (2005) bis zu ihrer „Matsukaze“-Inszenierung sang und spielte man sich in den Rang einer festen Größe im internationalen Zirkus der Barockmusik. Ein Stamm von zwölf Mitgliedern wird bei Bedarf auf mehr als das Doppelte aufgestockt (z.B. auf 26 Sänger für Haydns „Jahreszeiten“).
Seinen Ruf verteidigte man mit einer großartigen Neudeutung der Bach-Motetten (Harmonia Mundi France) und festigt ihn durch eine Neuaufnahme der rekonstruierten „Sacrae Cantiones Liber Secundus“ von Gesualdo (zum bevorstehenden 400. Geburtstag des Madrigalisten und legendären Gattin-Mörders).

Vorbild des Vocalconsorts war das Collegium Vocale Gent des belgischen Alte-Musik-Gurus Philippe Herreweghe. Die herrliche Konsonanz des Vocalconsorts lässt keinen Zweifel daran, dass dem hochmögenden (und hoch subventionierten) RIAS-Kammerchor hier aus der Off-Szene eine echte Konkurrenz erwachsen ist, deren Existenz man nur in Berlin noch immer nicht recht realisiert hat. Man war schon fast wieder am Ende. „Auftraggeber in Italien, Frankreich und Spanien sind sehr vorsichtig geworden seit 2009“, so Geschäftsführer Markus Schuck (selbst Tenor) über die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise. Tourneen brechen weg. CD-Projekte werden geschoben. Letztendlich macht es auch die Tatsache nicht leichter, dass man darauf verzichtet, durch einen berühmten Chefdirigenten für Unverwechselbarkeit zu sorgen.
„Wir verfügen nicht einmal über einen künstlerischen Leiter“, so Schuck. „Wer hätte Interesse an uns, ohne die Garantie fester Produktionen und fester Zuschüsse?!“ So bleibt man prekär finanziert und abhängig vom Hauptstadtkulturfonds und ähnlicher Töpfe. „Unsere Sänger brauchen sich keine Sorgen zu machen“, sagt Schuck. Er hat recht. An der Spitze ist immer Platz. Dorthin hat man sich souverän und mit Leidenschaft vorgekämpft.

„Durchsichtigkeit, Präzision, Durchschlagskraft!“ hält man im Chor für die drei besten Waffen. Stimmt auch. Von den Konkurrenten unterscheidet sich das Vocalconsort durch einen lebendigeren, noch nicht kristallin verfestigten Klang. Und durch Sänger, die so gut sind, dass man – wie im Fall von Gesualdo – die Besetzung bis auf sechs Solisten herunterkochen kann, die immer noch glasklar und glutvoll flimmern. Mit Marcus Creed hat man sich für das Bach-Schütz-Schein-Programm zur Eröffnung von Chor@Berlin erneut den Ex-Chef des RIAS-Kammerchors geangelt. Das Vocalconsort Berlin ist vielleicht das bestgehütete Chor-Geheimnis von Berlin. Aber bestimmt nicht mehr lange.    

Text: Kai Luehrs-Kaiser
Foto: Hans Scherhaufer


Eröffnungskonzert Chor@Berlin: Über das Ende
mit dem Vocalconsort Berlin
Do 21.2., 20 Uhr,
im Radialsystem V,
Karten-Tel. 28 87 88-588

 

Mehr zum Chor@Berlin Festival vom 21. bis 24.2.

Interview mit Rundfunkchor-Leiter Simon Halsey über das Singen im Chor 

 

 

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